JAV/PR-Forum 2018

Digitalisierung steckt noch in Kinderschuhen

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Digitalisierung im öffentlichen Dienst

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Die Digitalisierung steckt in weiten Teilen des öffentlichen Dienstes in Deutschland noch  in den Kinderschuhen. Zwar verspricht sich die Verwaltung von der Einführung von E-Government und digitaler Verwaltung enorme Einsparungen. Die Umsetzung der Digitalisierung aber stockt. Dennoch ist es höchste Zeit, dass die Beschäftigtenvertretungen in Sachen Gestaltung der Digitalisierung aktiv werden, um die Interessen der Kolleginnen und Kollegen zu schützen.

Die Verantwortlichen der öffentlichen Verwaltung kommen regelmäßig ins Schwärmen, wenn es darum geht, was Digitalisierung alles bewirken kann. Wobei sie vor allem all die Millionen Euro im Geiste sehen, die damit eingespart werden können. Denn Experten gehen davon aus, dass E-Government letztendlich die Verwaltungsleistungen um ein Drittel verbilligt.

Doch wodurch genau wird Geld eingespart? Nicht nur, weil Maschinen einen Teil der Arbeit übernehmen. Sondern auch, weil die digitale Verwaltung die Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger sowie der Unternehmen genauer bestimmen kann, zielgruppenorientierte Angebote deshalb aufgebaut und staatliche Ziele effektiver erreicht werden können. So heißt es jedenfalls. Ressourcen seien so effizienter einsetzbar, Prozesse könnten vereinfacht und Schnittstellen automatisiert, der Missbrauch staatlicher Leistungen erschwert oder besser verhindert werden. Und nicht zuletzt könnte mit Hilfe einer digitalen Verwaltung zielgerichteter investiert werden. Zudem werde die Arbeit für die Beschäftigten attraktiver, weil monotone Arbeiten von Computern erledigt werden.

Im internationalen Vergleich auf den hinteren Plätzen

Trotz all dieser vermeintlichen Vorteile hat die öffentliche Verwaltung offenbar keine Eile, die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung voranzutreiben. Im internationalen Vergleich landet Deutschland bei der Digitalisierung des öffentlichen Dienstes auf den hinteren Plätzen. Und auch unter den Bundesländern sind große Unterschiede festzustellen: Einige Bundesländer treiben die Digitalisierung voran, andere lassen sich erheblich Zeit.

Das Ergebnis: Außer der Kraftfahrzeuganmeldung wird keine andere Verwaltungsleistung flächendeckend einheitlich angeboten. Was nichts anderes bedeutet, als dass E-Government noch längst nicht in der Fläche angekommen ist. So beschränkt sich digitale Verwaltung vielerorts auf das Herunterladen von Formularen und die Online-Beantragung von Leistungen wie Wohngeld, die Gewerbeanmeldung, die Melderegisterauskunft und die Kraftfahrzeugzulassung.

Was aber sind die Hemmnisse für die Digitalisierung? Für Claus Zanker von Input Consulting, einer gemeinnützigen Gesellschaft für Innovationstransfer, Post und Telekommunikation, sorgt nicht ein einzelner Faktor für eine eher zaghafte Entwicklung. Vielmehr ist ein ganzes Bündel von Faktoren dafür verantwortlich, dass zwar über  Digitalisierung in der öffentlichen Verwaltung gesprochen, aber nur wenig verwirklicht wird: Neben der föderalen Struktur und der Vielfalt an Verwaltungsverfahren nennt Zanker unter anderem vorhandene rechtliche Barrieren für digitale Prozesse, Zugangsprobleme für Nutzer, geringen Nutzen für die Bürgerinnen und Bürger sowie den Mangel an qualifiziertem Personal für die Einrichtung und den Betrieb digitaler Angebote und digitaler Prozesse.

Digitalisierung wird vieles umkrempeln

Doch bei aller Ernüchterung gibt es auch Beispiele, in denen die Digitalisierung mehr oder weniger funktioniert. Gerne immer wieder erwähnt: die Finanzverwaltung. 22,1 Millionen Bürgerinnen und Bürger machen ihre Steuererklärung elektronisch. Warum es hier klappt? Weil länderübergreifend mit „Elster“ eine einheitliche Lösung gefunden wurde, meint Zanker. Gut dabei ist auch die Bundesagentur für Arbeit. Die elektronische Akte der Bundesagentur für Arbeit ist eines der weltweit größten Projekte der Aktendigitalisierung. Bis Ende 2018 sollen in allen 303 Jobcentern bundesweit die 63 000 Anwender auf E-Akten zurückgreifen.

Es sind vor allem die einfachen Tätigkeiten, die von Computern übernommen werden. Aber die Digitalisierung macht hier nicht halt. Auch Fachkraftberufe sind betroffen. 1,2 Millionen Beschäftigte sind in diesen Bereichen tätig, in der die Digitalisierung vieles umkrempeln kann. Experten gehen von einem Substitutionspotenzial von teilweise bis zu 60 Prozent aus. Das bedeutet: Viele der Helfertätigkeiten, viele der Tätigkeiten, die Fachkräfte bisher erledigten, werden im Zuge der Digitalisierung wegfallen. Gleichzeitig werden sich Berufsfelder und die Aufteilung der Arbeit zwischen Mensch und Technik verändern. Weniger anfällig, von der Technik übernommen zu werden, sind Berufe, bei denen es um Wahrnehmung und um Beurteilung geht, um Kreativität, um Empathie und persönliche Ansprache. 2017 wurden hier etwa 600.000 Beschäftigte gezählt. Insgesamt gesehen werden im öffentlichen Dienst nach derzeitigen Prognosen knapp 17 Prozent der Stellen wegfallen.

Und die Beschäftigten?    

Und wie beurteilen die Beschäftigten die Auswirkungen der Digitalisierung? Im Rahmen der Sonderauswertung des DGB-Index Gute Arbeit 2017 bekundeten etwa 63 Prozent der befragten Beschäftigten der öffentlichen Verwaltung, ihre Arbeit sei durch die Digitalisierung mehr geworden, nur drei Prozent meinten, ihre Arbeitsmenge sei geringer geworden. Jeder dritte sieht keine Veränderung.

Auch was die Entscheidungsspielräume betrifft, sind die Ergebnisse bisher nicht berauschend: 71 Prozent der Beschäftigten sahen keine Veränderung, 16 Prozent gaben an, sie hätten nun größere Entscheidungsspielräume, 13 Prozent meinten, die Entscheidungsspielräume hätten sich verengt. Deutlich werden die Veränderungen im Zuge der Digitalisierung bei der Kontrolle durch den Arbeitgeber: Jeder zweite Beschäftigte ist überzeugt, nun mehr überwacht zu werden, nur ein Prozent glaubt, er unterliege einer geringeren Kontrolle. Auch in den Bereichen „Work-Life-Balance“ und „Mobiles Arbeiten“ sind die Vorteile für die Beschäftigten nicht überragend: Nur einer von fünf Beschäftigten  glaubt, dass die Work-Life-Balance sich verbessert hat, über 70 Prozent sehen keine Unterschiede zur vordigitalen Zeit. Ähnlich sieht es beim „Mobilen Arbeiten“ aus: Für 23 Prozent der Beschäftigten ist der Anteil der mobilen Arbeit gestiegen, bei 71 Prozent blieb alles gleich, 7 Prozent arbeiten heute weniger oft mobil.

Die betrieblichen Herausforderungen lassen sich für Zanker klar benennen: Es gilt, aktiv neue Beschäftigungschancen und berufliche Perspektiven zu erschließen. Qualifikation muss eine noch größere Rolle spielen, damit die Beschäftigten der technischen Entwicklung folgen. Technik ändert sich rasant, wer mit mithalten kann, sie nicht bedienen kann, fühlt sich an den Rand gedrängt. Was den Arbeits- und Gesundheitsschutz betrifft, so bleiben die alten Probleme auch die neuen Probleme. Die Technik nimmt immer mehr Entscheidungen ab. Selbstbestimmtes Arbeiten muss deshalb auf die Agenda. Auch morgen muss der Mensch bestimmen und nicht die Technik. In Sachen orts- und zeitflexibler Arbeit gilt: „Chancen nutzen, Risiken vermeiden.“ Und ganz wichtig: Es muss verhindert werden, dass Beschäftigte gläsern werden. Dieser Bereich ist für die Beschäftigten besonders sensibel. Der Datenschutz und die Persönlichkeitsrechte müssen deshalb bei der  Beschäftigtenvertretung ganz oben auf die Agenda stehen und immer wieder überprüft werden.

Text: Jana Bender/November 2018

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