JAV/PR-FORUM 2017

Nur Identifikation motiviert langfristig

JAV/PR-FORUM

Präsentation Jutta Rump

Professor Jutta Rump Bender Professor Jutta Rump

Die demografische Entwicklung und die Digitalisierung werden Konsequenzen für den Führungsstil und die Führungsstrukturen in den Unternehmen wie in der öffentlichen Verwaltung haben. Doch nicht nur das Verhältnis von Führungskräften und Beschäftigten wird neu strukturiert werden. Auch die Rolle von Betriebs- und Personalräten wird sich ändern. Der Grund: Aus bisher kollektiv geprägten Regelungen werden im Zuge der Digitalisierung Regelungen mit Mindeststandards werden, die modular ausgerichtet sind. So jedenfalls sieht es Professor Jutta Rump, Chefin des Instituts für Beschäftigung und Employability in Ludwigshafen. Was es mit diesen Thesen auf sich hat, erläuterte sie vor den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des JAV/PersonalräteForums 2017 in Magdeburg.

Rump sieht drei Megatrends, die sich auf die Arbeitswelt auswirken: Die demografische, die technisch-ökonomische, zu der auch die Digitalisierung und die Globalisierung zählt, sowie die gesellschaftliche Entwicklung, in der unter anderem Urbanisierung, Work-Life-Balance als Lebensentwurf, Individualisierung und Sensibilisierung für Nachhaltigkeit zählt.

Dass der demografische Wandel die Arbeitswelt längst erreicht hat, steht außer Frage. Die Zahl der Schulabgänger nimmt ab, nicht alle Ausbildungsplätze finden Interessenten. Einzelne Bereiche suchen bereits händeringend Fachkräfte. Rump räumt ein, dass der eine oder andere all die Analysen um die demografische Entwicklung vielleicht nicht mehr hören kann. Doch es hilft nichts: „Die demografische Entwicklung lässt uns nicht los.“ Die Folgen der demografischen Entwicklung werden erst dann bedeutungslos sein, wenn die Babyboomer gestorben sind – und das wird voraussichtlich erst in 50 Jahren sein.

Deutschland registriert nach Rumps Darstellung die höchste Alterungsgeschwindigkeit weltweit. Das Durchschnittsalter der Beschäftigten liegt derzeit bei  47 Jahren. Und das hat Folgen für die Arbeitswelt. Wobei die zentrale Frage lautet: Wie bleibe ich als Beschäftigter arbeitsfähig? Wie bleiben die Beschäftigten gesund, wie bleiben sie motiviert? Damit sie bis zum regulären Renteneintritt tatsächlich berufstätig bleiben, damit sie engagiert dabei sind und sich nicht auf „Dienst nach Vorschrift“ zurückziehen, sondern bis 67 „mit einem Lächeln auf den Lippen“ ins Büro, ins Bürgercenter, in den Betrieb kommen? Die demografische Entwicklung bringt nach Rump auf unterschiedlichen Ebenen Folgen für die Arbeitswelt mit sich: sie birgt das Risiko des kollektiven Ausstiegs; der Anteil der Nachwuchskräfte sinkt; die Unterschiedlichkeit der Sozialisationen der Generationen nimmt zu; das Normalarbeitsverhältnis verliert an Bedeutung; die Vielfalt nimmt zu und die sozialen Sicherungssysteme müsse reformiert werden.

Auch die Digitalisierung ist wie die demografische Entwicklung längst im Gange.  Letztendlich wird die Digitalisierung alle Bereiche unseres Lebens erfassen – nach und nach. Bekannt ist: Technische Innovationen werden seit jeher mit Innovationen in Geschäftsmodellen und Prozess-Innovationen begleitet. Solche Innovationen wiederum sind nur möglich, wenn sie mit sozialen Innovationen einhergehen – wenn sich also auch der Umgang mit Personal wandelt.

Wie wird die Zukunft aussehen? Rump räumt ein: Sie hat keine Glaskugel. Aber sie braucht auch keine. Die relevanten Fragen liegen auf dem Tisch. Sie lauten: Wie verändern sich die Jobs entlang der Wertschöpfungskette? Wie wird die Arbeit künftig organisiert sein? Voraussichtlich werdne unterschiedliche Arten der Arbeitsorganisation nebeneinander bestehen. Stichwort Hierarchien. Vermutlich werden sie flacher werden. Dann aber wird sich auch die Entscheidungsfindung verändern. Vor allem aber: Die Anforderungen an die Kompetenzen und Qualifikationen werden neu definiert. Was auch Auswirkungen auf die Personalentwicklung haben wird – ebenso wie die verbesserte Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dass dabei Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen angepasst werden müssen, steht außer Frage. Aber wie? Kollektiv geprägte Regelungen wird es in Zukunft weniger geben. Dafür umso mehr modular ausgerichtete Regelungen mit Mindeststandards, prophezeit Rump.

Was bedeutet Digitalisierung für die Unternehmen? Es wird vieles durchgewirbelt. Traditionelle Geschäftsmodelle sind nicht eins zu eins auf digitale zu übertragen. Es muss einerseits einiges bewahrt und vieles verändert werden.  Die Unternehmen brauchen sowohl bei ihrem Produkt als auch für die Mitarbeiter Lösungen für alle Generationen – für die Digital Natives, also all jene, die Computer, Smartphone und Klicks mit der Muttermilch aufgesogen haben, als auch für die Digital Immigrants, die Älteren zum Beispiel, die die klassische analoge Welt kennen und lieben, aber auch die  technischen Errungenschaften sich zu eigen gemacht haben. Und das angesichts des Fachkräfteengpasses. Vielleicht sind Betriebe und Verwaltungen aber gerade infolge des Fachkräfteengpasses gezwungen, schneller digitale Antworten zu finden.

Was die Arbeit angeht, so gehört nach Rump den flexiblen Arbeitszeitmodellen die Zukunft.  „Die Menschen wollen über ihre Zeit bestimmen“, weiß sie. Deshalb wird es in Sachen Arbeit und Arbeitszeit auch um Autonomie, um Arbeitsdauer, um Arbeitsdichte, Verteilung und Lage gehen – wobei sie unter Lage unter anderem die Reduzierung der Nachtarbeit und eine ergonomische Schichtplangestaltung einreiht.  Mobile Arbeit bietet Unternehmen und den Mitarbeitern eine Reihe von Chancen – unter anderem die bessere Vereinbarkeit von Familie/Privatleben und dem Beruf sowie die Möglichkeit, besser in global agierende  Unternehmen zusammenzuarbeiten.  Aber mobiles Arbeiten braucht Regelungen zur Erreichbarkeit und Verfügbarkeit, verbindliche Kommunikations- und Kooperationsstandards, Selbstmanagement und klar definierte Arbeitspakete. Und: Je agiler Organisationen sind, desto mehr starre Leitplanken brauchen sie. Davon ist Rump überzeugt.

Bleibt noch der  Mitarbeiter 4.0. Hier ist der Arbeitgeber wie der Beschäftigte gefragt. „Es geht um das magische Dreieck, das aus Kompetenzen/Qualifikationen, aus Gesundheit/Wohlbefinden und aus Identifikation/Motivation besteht. Diese drei Faktoren bilden die Beschäftigungsfähigkeit.  Aber das Wichtigste ist Identifikation: Denn nur sie sorgt dafür, dass Beschäftigte langfristig motiviert bleiben. „Nur dann brenne ich für den Job, dann bin ich stolz“, sagt Rump.

Als Qualifikationsanforderungen an die Beschäftigten zählt Rump IT-Grundkompetenz und Medienkompetenzen, Lern- und Veränderungsbereitschaft sowie Lern- und Veränderungsfähigkeit auf, zudem die Fähigkeit im Umgang mit Geschwindigkeit und Komplexität, Selbst-Management und lebenslangem Lernen. Und sie fragt: Wer von uns ist zu all dem in der Lage?

Den Führungskräften empfiehlt Rump bei der Mitarbeiterentwicklung nicht gezielt nach den Schwächen zu suchen, sondern die Stärken und die Talente der einzelnen zu finden und zu fördern. Beschäftigte sollten immer nach ihren Stärken und Talenten eingesetzt werden. Und natürlich können und müssen ältere Beschäftige weitergebildet werden. Denn ältere Beschäftigte arbeiten und lernen nicht besser oder schlechter als jüngere. Aber ältere arbeiten und lernen anders.  Das muss bei Weiterbildungsangeboten berücksichtigt werden.

Doch nicht nur von Mitarbeitern, auch von den Führungskräften wird künftig viel verlangt – Managementkompetenzen ebenso wie Leadershipkompetenzen, ganzheitliches Denken, Veränderungsbereitschaft, Lernbereitschaft, Entscheidungsfähigkeit, analytisches Denken, Selbstmanagement….und vieles mehr. „Eigentlich wird die eierlegende Wollmilchsau gebraucht“, meint Rump. Und ähnliches wird von Betriebs- und Personalräten verlangt. 

Wie die Aufgaben bewältigt werden können? „Durch Demokratisierung von Führung und im Bedeutungswachs von gemischten Teams“, meint Rump. Partizipation wird künftig das Leitbild schlechthin sein. Entscheidungen werden delegiert. Handlungsspielräume übertragen, die Kommunikation wird hierarchiefreier sein als heute. Und die Teams werden heterogener sein.