JAV/PR-FORUM 2014

Mehr Gestalter und weniger Verwalter

Interview

Professor gibt Ausbildung eine Vier-minus

Christoph Reichard Bender Christoph Reichard (rechts)

Christoph Reichard, emeritierter Professor der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Potsdam, plädiert dafür, die Ausbildung für den öffentlichen Dienst zu modernisieren. Künftig soll die Ausbildung mehr die Gestalter anziehen und weniger diejenigen, die vor allem in den öffentlichen Dienst des sicheren Arbeitsplatzes wegen wollen. Reichard muss es wissen. Jahrelang hat er Frauen und Männer ausgebildet, die  in die öffentliche Verwaltung gingen. Reichard spricht sich zudem dafür aus, bei der Einstellung für Posten des höheren Dienstes nicht nur Juristen im Blick zu haben, sondern das gesamte Spektrum der Studienfächer. Was er genau damit meint, erklärt Reichard in einem Interview mit ver.di.de.

Professor Reichard, wenn Sie der Ausbildung im öffentlichen Dienst Schulnoten zwischen eins bis sechs geben müssten, welche Note würden Sie vergeben?

Reichard:  Eine Schulnote für  alle Ebenen? Das ist schwer...Na, per saldo würde ich vielleicht Vier-minus sagen. Aber eben unterm Strich. Man muss die Ausbildung im Hinblick auf die verschiedenen Laufbahnebenen differenziert sehen. Für den Bereich der „Allgemeinen Verwaltung“ bilden Staat und Kommunen zum Beispiel im mittleren Dienst – das ist im Wesentlichen die Sachbearbeiter-Ebene  –sowohl Angestellte wie Beamte aus. Auch im gehobenen Dienst werden Sachbearbeiter ausgebildet, die aber später auch Führungsfunktionen übernehmen können. Hier sind das überwiegend Beamte. Die Ausbildung erfolgt an speziellen internen Verwaltungsfachhochschulen, aber auch an anderen Fachhochschulen.

Im höheren Dienst bildet der Staat nicht selber aus. Hier geht es um Absolventen von Hochschulprogrammen, die der Staat nach ihrer Ausbildung rekrutiert. Meist sind das Juristen. Wenn man es nun differenziert sieht, dann verdient meines Erachtens die Ausbildung zum mittleren Dienst die Note Drei bis Vier und die Fachhochschulausbildung zum gehobenen Dienst, die der Staat meist selbstausübt, die Note Vier minus. Für die einseitige Rekrutierung von Nachwuchskräften für den höheren Dienst kann ich leider nur eine Fünf geben.

Was missfällt Ihnen allgemein an der Ausbildung für die Verwaltung?

Reichard: Der Staat legt sehr großen Wert auf die rechtliche Qualifizierung des Personals. Keine Frage: Es ist wichtig, dass für Sachbearbeiter in der öffentlichen Verwaltung Rechtsfragen keine Bücher mit sieben Siegeln sein dürfen. Sie müssen die Vorschriften kennen und anwenden können. Aber die einseitige Konzentration auf Rechtsfragen, wie sie bei uns auf allen Ebenen des öffentlichen Dienstes stattfindet, macht mich nachdenklich. Gerade der mittlere Dienst hat viel mit Bürgerinnen und Bürgern zu tun. Doch darauf werden die Nachwuchskräfte nicht hinreichend vorbereitet. Auch die neue Informationstechnologie spielt in der Ausbildung nur eine begrenzte Rolle.

Was genau werfen Sie dem Staat in Sachen Ausbildung seiner Bediensteten vor?

Reichard: Vorwurf Nummer eins lautet: die Ausbildung ist viel zu einseitig, sie müsste viel breiter aufgestellt sein – sowohl im mittleren als auch im gehobenen Dienst. Denn gerade im gehobenen Dienst geht es auch um Führungsaufgaben, z.B. eine Gruppe zu leiten. Entsprechend groß ist dann die Verantwortung. Eine breiter angelegte Ausbildung, die auch sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Themen beinhaltet, bereitet die Absolventen besser auf ihre spätere Tätigkeit vor.

Doch es ist nicht nur die Ausrichtung auf Rechtsfragen. Es geht auch um die Art der Ausbildung. Die Ausbildung auf einer der Verwaltungsfachschulen hat viel von einem Pauk-Studium. 30 Wochenstunden Lehre an der Fachhochschule sind Standard. Damit sitzen die Verwaltungsfachhochschüler doppelt so lang in den Lehrsälen wie andere Studenten. Meines Erachtens hat eine solche Ausbildung ein passives Konsumentenverhalten des Verwaltungsnachwuchses zur Folge. Wer so lange im Hörsaal sitzt, dem bleibt kaum noch Zeit, selbst etwas zu tun wie z.B. Referate auszuarbeiten oder Bücher und Aufsätze zu lesen. Ich habe den Verdacht, dass das politisch auch so gewollt ist. Weil die Verantwortlichen Verwalter wollen und keine Gestalter – angepasst, brav, unauffällig, wenig aufmuckend. Ich finde das schade.

Wie kritisch sehen die jungen Leute selbst die Situation?

Reichard: Es spielen verschiedene Faktoren zusammen. Der öffentliche Dienst hat ein bestimmtes Image und zieht vor allem Menschen an, die sich an diesem Image nicht stören. Gleichzeitig bekommen diese jungen Leute rund 1000 Euro im Monat – obwohl sie noch in der Ausbildung sind. Auch dieser Umstand zieht wieder ganz bestimmte junge Leute an. Untersuchungen haben ergeben, dass der Staat hier – vermutlich unbewusst – selektiert: Jedenfalls bewerben sich in starkem Maße junge Leute für eine Ausbildung im öffentlichen Dienst, die einen sicheren Arbeitsplatz schätzen oder deren Vater und Großvater auch schon im öffentlichen Dienst tätig waren. Die Kreativen, die Veränderer meiden eher den öffentlichen Dienst. Und wenn sie sich doch haben ausbilden lassen, dann verziehen sie sich rasch nach der Ausbildung. Sie machen sich selbstständig oder gehen in die Wirtschaft, weil sie dort vielfältigere Möglichkeiten sehen als im öffentlichen Dienst. Wenn der Staat in Zukunft – und angesichts des demografischen Wandels – auch gute Bewerber haben will, muss er an seinem Image arbeiten, muss er gezielt auf besonders qualifizierte junge Leute zugehen und muss auch die Ausbildung den heutigen und künftigen Erfordernissen anpassen.

Ist das in allen Bundesländern gleich?

Reichard: In der Grundtendenz schon. Natürlich gibt es – je nach politischer Coleur der Landesregierungen - Unterschiede in einer gewissen Spannbreite. So wird in Berlin, Bremen, in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Niedersachsen etwas breiter ausgebildet und rekrutiert. In Bayern dagegen erscheint der öffentliche Dienst eher konservativ, auch in Thüringen, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern dominiert das konservative Element. Gleichzeitig haben wir beobachtet, dass während einer SPD-Regierung mehr Angestellte als Nachwuchskräfte eingestellt werden, während unter CDU-Einfluss die Zahl der Beamtinnen und Beamten steigt.

Was stört sie an den Lehrplänen?

Reichard: Beim mittleren Dienst z.B., dass seit Jahrzehnten kaum etwas geändert wurde. Das ist das Ergebnis unserer Durchsicht der Lehrpläne. Dabei hat sich in den vergangenen Jahrzehnten Entscheidendes getan – wie in der Informationstechnologie. Und die Sachbearbeiter haben heute wesentlich mehr Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern. Die Lehrpläne hätten eine Auffrischung dringend nötig. Auch an den Fachhochschulen wird kein starker Änderungsdruck empfunden. Allerdings kann man auch nicht alle Fachhochschulen über einen Kamm scheren, es gibt einige Ausnahmen, die die Lehrkonzepte modernisiert haben.

Wenn Fachleute von außen kommen, dann sind es Juristen.

Reichard: Genau so ist es. Im höheren Dienst dominieren weiterhin die Juristen. Dabei würde es der Verwaltung gut tun, andere Berufsabschlüsse in ihren Reihen zu haben – wie Sozial- und Geisteswissenschaftler. Aber es gibt einen in sich weitgehend geschlossenen Rekrutierungskreislauf: Juristen sitzen an den Schaltstellen und suchen wiederum Juristen aus. 

Was müsste passieren, damit sich hier etwas grundlegend ändert?

Reichard: Abgesehen vom Imagewandel, abgesehen von moderneren Lehrplänen braucht es zunächst in den verschiedenen Verwaltungen eine vorausschauende Personalplanung, um den künftigen Nachwuchskräftebedarf abzuschätzen. Leider kann in den meisten öffentlichen Einrichtungen auf allen Verwaltungsebenen davon keine Rede sein. Personalplanung ist meist kurzfristig angelegt. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass z.B. im Schulbereich immer erst zu Schuljahresbeginn das große Jammern über zu wenig Lehrer einsetzt. Wie viele Lehrer welcher Fachrichtung zu welchem Zeitpunkt gebraucht werden, ist eigentlich Jahre zuvor bekannt. Die Schulämter wissen in der Regel, wer in Rente geht.  Eigentlich müsste das halbwegs zu planen sein.

Wird in der öffentlichen Verwaltung der demografische Wandel berücksichtigt?

Reichard: Ich glaube, der demografische Wandel stellt ein großes Problem dar.  Denn es ist ein offenes Geheimnis, dass in 5  bis 10 Jahren ein Großteil der Beschäftigten des öffentlichen Dienstes die Stühle räumen wird, weil vor Jahrzehnten geburtenstarke Jahrgänge in stärkerem Maße rekrutiert worden sind. Hinzu kommt, dass es auch viel weniger Bewerber als vor zehn oder 20 Jahren geben wird. Theoretisch ist diese Falle den staatlichen Personalpolitikern schon bekannt. Aber praktisch geschieht immer noch recht wenig, um ihr entgegenzuwirken. Auf jeden Fall muss der öffentliche Dienst für die schrumpfende Zahl potenzieller Interessent/innen deutlich attraktiver werden, das steht außer Frage.

Was kann der öffentliche Dienst tun?

Reichard: Die Verwaltungen und Einrichtungen müssen verstärkt auf Qualifizierung setzen. Es muss darum gehen, Gestalter in den öffentlichen Dienst zu holen und nicht nur Bewahrer. Es ist auch eine Geldfrage, ob ich gutes Personal bekomme oder nicht. Aber es ist nicht allein das Geld. Es geht auch darum, den Beschäftigten – und vor allem den Nachwuchskräften – deutlich zu machen, dass sie etwas gesellschaftlich Relevantes tun und dass sie etwas „bewegen“ können. Die staatlichen Behörden müssen besser als bisher vermitteln, dass Tätigkeiten bei ihnen durchaus sinnstiftend und motivierend sind und dass sich abwechslungsreiche und herausfordernde Berufsperspektiven – bei weiterhin gesicherten Arbeitsplätzen und angemessener Bezahlung – bieten. . Eine Gesellschaft braucht auch in ihrer Verwaltung nicht nur Bewahrer, sondern auch Veränderer. Sonst besteht die Gefahr, dass sich eine Verwaltung von denen entfernt, für die sie eigentlich da sein will – nämlich für die Bürgerinnen und Bürger.

Fragen von Jana Bender/ November 2014