JAV/PR-FORUM 2014

Ausbildung ist zu stark auf Rechtsfragen konzentriert

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Ausbildung für den öffentlichen Dienst

Christoph Reichard  Bender Christoph Reichard

Christoph Reichard, emeritierter Professor für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Potsdam, macht sich für eine Modernisierung der Ausbildung für den öffentlichen Dienst  stark.  Seit rund 30 Jahren habe sich die Ausbildung nicht verändert, die Aufgaben der Fachleute in der öffentlichen Verwaltung dagegen veränderten sich im gleichen Zeitraum erheblich. Ob Angestellte oder Beamte – während der Ausbildung würden sie nicht genügend auf die Aufgaben vorbereitet, für die sie im Arbeitsalltag in den Kommunen, bei den Ländern oder beim Bund bewältigen müssten.

Ob mittlerer, gehobener oder höherer Dienst – da ist so manches, was Reichard an der Ausbildung für den öffentlichen Dienst stört. Was ihm aber vor allem gegen den Strich geht, ist die Rechtslastigkeit. Schon im mittleren Dienst geht es seiner Ansicht nach zu viel um Rechtsvorschriften, in der Fachhochschulausbildung für den gehobenen Dienst sind Rechtsvorschriften das A und O. Und für den höheren Dienst werden in der Regel Juristen eingekauft. Sozial- oder Geisteswissenschaftler? Fehlanzeige.

Offenbar denkt der Dienstherr: Hauptsache, die Staatsdiener kennen die Gesetze und die Vorschriften. Im gehobenen Dienst werden nach Reichards Beobachtungen meist Beamte bevorzugt .

Doch das ist nicht alles, was Reichard an der Ausbildung der Staatsdiener stört. Da ist nicht nur  der Umstand, dass die öffentliche Hand zweigleisig fährt. Beamte des mittleren Dienstes werden zwei Jahre ausgebildet, Angestellte brauchen drei Jahre. Extrem groß sind nach seinen Worten auch die Unterschiede in der Ausbildung zwischen Bund, Ländern und Kommunen.

Mythos der Verwaltung als Vollstrecker 

Reichard macht ein dickes Fragezeichen dahinter, ob diese Rechtslastigkeit im Arbeitsalltag tatsächlich gebraucht wird. Und er erinnert daran, dass heute Beamte wie Angestellte des öffentlichen Dienstes weit mehr als in früheren Jahren Kontakt mit den Bürgerinnen und Bürgern haben – zum Beispiel in den Serviceämtern der Kommunen. Auf diese Aufgaben aber würden die Frauen und Männer nicht vorbereitet. Der Mythos der Verwaltung als reiner Gesetzesvollstrecker treffe längst nicht mehr zu, betont Reichard und stellt fest: „Die offiziellen Lehrpläne haben sich in den vergangenen 30 Jahren nicht verändert.“

Nötig sei ein neues Leitbild für den öffentlichen Dienst – für einen neuen Verwaltungsgeneralisten. Dass dieser Verwaltungsgeneralist die Rechtsordnung kennen muss, stehe außer Frage. Aber daneben sei ein breites Qualifikationsprofil nötig. Gebraucht würden Kenntnisse und Fähigkeiten, mit denen Probleme gelöst werden können.  

Reichard kritisiert auch die Lernmethoden an den Verwaltungsfachhochschulen. Er spricht von einem Paukstudium. Die Studenten hätten drei Mal so viele Unterrichtsstunden zu bewältigen wie ein Student einer Universität. Reichard fragt deshalb, ob ein Studium an einer Verwaltungsfachhochschule die Bezeichnung Studium überhaupt verdient.

Und was den höheren Dienst betrifft: Hier bildet der Staat nicht unmittelbar aus. Die Anwärter für den höheren Dienst rekrutiert der Staat von den Hochschulen. Zwei Drittel aller Nachwuchskräfte haben nach Reichards Angaben eine juristische Qualifikation, der Rest kommt aus den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Reichard spricht deshalb von einem klaren Juristen-Monopol im öffentlichen Dienst. Das Manko dieser Ausbildung: Während des Studiums werden keine Management-Kenntnisse vermittelt, obwohl die Absolventen später Stellen besetzen, in denen solche Kenntnisse dringend nötig und auch vorausgesetzt werden. „Juristen stellen wiederum Juristen als Nachwuchskräfte ein.“ Und weil das im öffentlichen Dienst in Deutschland nach Reichards Darstellung so ist, stellt es eine große Herausforderung dar, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Dass dies möglich ist, „haben andere Länder gezeigt“.

Was noch auffällt: Regiert die CDU, dann haben Beamte gute Chancen. Stellt die SPD die Regierung, werden Angestellte bevorzugt.  Und: Jeder zweite Beschäftigte im öffentlichen Dienst arbeitet nicht mehr in der Kernverwaltung, sondern in einer der Ausgliederungen.

Verwaltung muss attraktiver werden

Wenig attraktiv scheint für Reichard der öffentliche Dienst für all jene, die er Gestalter nennt. Ein höheres Gehaltsniveau reiche dabei nicht aus, solche jungen Leute für den öffentlichen Dienst zu ködern. Nötig seien modernere Ausbildungsinhalte und ein breites Weiterbildungsangebot. Und: Der öffentliche Arbeitgeber müsse Perspektiven eröffnen. Das aber geht nur mit Personalentwicklung.

Heute ist Personalentwicklung in vielen Verwaltungen und Einrichtungen der öffentlichen Hand ein Begriff ohne Inhalt. Reichard kennt nur eine Handvoll Kommunen, deren Personalplanung länger reicht als ein bis zwei Jahre. „Personalentwicklung ist eine unverzichtbare Voraussetzung dafür, damit dem Nachwuchs eine vernünftige Perspektive geboten werden kann“, ist er überzeugt.