Arbeit

Beschäftigte klagen über steigende Arbeitsintensität

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Sorgearbeit ist weiblich

Ob Vollzeit oder Teilzeit – die Arbeit ist flexibler geworden. Gleitender Arbeitsbeginn und Kernarbeitszeiten sind heute die üblichen Arbeitszeitmodelle in Verwaltungsbereichen. Jedoch wird in anderen Bereichen des Dienstleistungssektors versucht, mit erweiterten Öffnungs- und Erreichbarkeitszeiten die Attraktivität der Dienstleistungen und Angebote zu steigern. Wie wirkt sich die Flexibilität auf die Beschäftigten aus? Sind Familie, Freizeit und Beruf  nun besser miteinander in Einklang zu bringen? Dieser Frage ist eine Studie nachgegangen, die die beiden ver.di-Bereiche „Innovation und Gute Arbeit/“ und „Frauen und Gleichstellungspolitik sowie Genderpolitik“ durchgeführt haben.

Das Ergebnis der Studie: Die Flexibilisierung der Arbeitszeit, die gerade die Arbeitgeber immer wieder rühmen, erleichtert den Beschäftigten nicht die Organisation der Sorgearbeit  – womit stets die Betreuung von Kindern oder pflegebedürftigen Personen gemeint ist. Der Grund liegt darin, dass sich mit der Flexibilisierung nicht in gleichem Maße die Zeitsouveränität für die Beschäftigten verbessert. Oder anders gesagt: Die Flexibilität nützt den Arbeitgebern, die Arbeitsabläufe in ihrem Sinne zu gestalten. Für die  Beschäftigten bleibt das Zeitkorsett sehr eng – zu eng, um auf ihre die Belange der Kindererziehung oder der Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger eingehen zu können.

Die Analyse hat den Dienstleistungssektor insgesamt sowie fünf Dienstleistungsbereiche genauer angesehen und im Rahmen der Repräsentativumfrage  mit dem DGB-Index Gute-Arbeit ( 2017) insgesamt 3280 Antworten ausgewertet. Einbezogen war der Einzelhandel, IKT-Branche, Krankenhaus/Altenpflege, Ver- und Entsorgung sowie die öffentliche Verwaltung. Mithilfe der Analyse wollte ver.di wissen, wie die Sorgearbeit heute auf die Geschlechter verteilt sind, welche Schwierigkeiten es bei der Vereinbarkeit von Familie, Freizeit und Beruf es nach wie vor gibt, wie die Flexibilisierung der Arbeitszeit in der Dienstleistungsbranche konkret aussieht und ob mehr Flexibilität tatsächlich auch mehr Zeitsouveränität bedeutet. Um die Antwort vorwegzunehmen: Nein - das tut sie eben nicht. Das heißt: Flexibilität kommt in der Regel den Arbeitgebern zugute, nicht den Beschäftigten.

Generell gesehen zeigt die Studie, dass es nach wie vor die überwiegende Mehrheit der Frauen ist, die Sorgearbeit erledigen, die sich um die Kinder und die Pflege von älteren Angehörigen kümmern. Es sind die Frauen, die entweder ihren Beruf erstmal ganz aufgeben oder zeitlich deutlich reduzieren – also in Teilzeit gehen. Und damit tragen die Frauen all das, was mit Teilzeit auch heute noch verbunden ist – nämlich nicht nur weniger Geld und damit auch weniger Rente, sondern für sie gelten auch schlechtere berufliche Aufstiegschancen und weniger Teilhabe an Weiterbildung. Und selbst wenn Frauen Vollzeit arbeiten, übernehmen sie deutlich mehr Sorgearbeit als Männer. Übrigens: 70 Prozent der Frauen, die in Teilzeit arbeiten, nennen familiäre Verpflichtungen als Hauptgrund für die Arbeitszeitreduzierung.

Was erstaunt: Trotz Teilzeit haben viele der Befragten Schwierigkeiten, die Sorgearbeit zeitlich mit dem Beruf zu vereinbaren. Der Grund hierfür mag in dem Umstand liegen, dass viele Betriebe und Verwaltungen – gerade im Einzelhandel und im Bereich Krankenhaus/Pflege – nach wie vor auf Teilzeitkräfte setzen, weil sie damit auch besser Arbeitsspitzen abfedern können. Für die Beschäftigten heißt diese Flexibilisierung, dass sie häufig kurzfristig einspringen müssen – was es wiederum schwierig macht, der Sorgearbeit nachzukommen. Und auch das verursacht Stress: Denn kurzfristig müssen Lösungen für die Kinderbetreuung außerhalb von Kita Öffnungszeiten gefunden werden oder jemand, der pflegebedürftigen Mutter das Essen reichen.

Als Folge der Arbeitsverdichtung gaben viele der Befragten an, häufig so kaputt von der Arbeit zu kommen, dass sie nur schwer die Sorgearbeit erledigen können. „Viele Beschäftigte  arbeiten ständig am Rande der Belastbarkeit“, sagt Astrid Schmidt, die an der Studie mitgearbeitet hat. Die Intensivierung von Arbeit, Arbeitshetze und Zeitdruck gehören der Studie zufolge zu den drängendsten Problemen im Dienstleistungssektor und sind ein zentraler Faktor für psychische Belastungen. Die daraus resultierende Erschöpfung wirkt sich negativ auf die Vereinbarkeit von Sorgearbeit und Beruf aus. Dass es Unterschiede in den Branchen gibt, liegt auf der Hand. In Branchen mit mehr starren Arbeitszeitmodellen lässt sich Vollzeitarbeit mit gleichzeitiger Sorgearbeit kaum verwirklichen. Gleiches gilt für atypische Arbeitszeiten, wie Arbeit am Abend und am Wochenende. Beruf und Sorgearbeit sind in solchen Fällen nur möglich, wenn die Partner sich abwechseln oder wenn sonstige Unterstützung gewährleistet ist. Für die Frauen und  Männer, die Sorgearbeit übernehmen, bedeuten solche Arbeitszeiten immer Stress, weil viel – und oft auch kurzfristig - organisiert werden muss.

Im öffentlichen Dienst dagegen scheint Zeitsouveränität besser machbar, wichtig hierfür sind verlässliche und planbare Arbeitszeiten. Flexible Arbeitszeitregelungen, in denen  Beschäftigten entsprechende Spielräume für Arbeitszeitbeginn und Arbeitsende haben kommen der Vereinbarkeit mit Sorgearbeit entgegen.

Was wird gebraucht, damit Sorgearbeit und Beruf besser in Einklang zu bringen sind? Ganz klar: Mehr Zeitsouveränität, eine Handlungsspielräume, die auch auf den Interessen der Beschäftigten basiert. Außerdem müssen die Leistungsanforderungen und Belastungen in den Fokus, ist sich Schmidt sicher. Steigende Arbeitsvolumen verursachen in vielen Fällen Hetze und Stress. „Wir brauchen realisierbare Leistungsanforderungen und ausreichend Personal, um der Entgrenzung und Verdichtung von Arbeit zu begegnen. Vereinbarkeit muss mit Vollzeitjobs kompatibel sein“, sagt Schmidt. Nur so sei gute Arbeit und damit gesunde Arbeit möglich. Wobei die Vereinbarkeit von Beruf und Sorgearbeit ein Faktor der guten Arbeit darstellt.

Zum Dienstleistungssektor gehören die Wirtschaftsbereiche Handel, Gastgewerbe und Verkehr, Finanzierung, Vermietung und Unternehmensdienstleister sowie öffentliche und private Dienstleister.