Tarife

Die Zeit ist reif für mehr Selbstbestimmung

Tarife/Arbeitszeit

Arbeitzeit muss in den Fokus

Oliver Bandosz ver.di Oliver Bandosz

Die Arbeitszeit ist in der ver.di-Tarifpolitik wieder in den Fokus gerückt. Zur Freude all jener, die schon in den vergangenen Jahren immer wieder darauf hinwiesen, dass die Regelungen zur Arbeitszeit überdacht und weiterentwickelt werden müssen. Zunächst will ver.di genau wissen, welche Vorstellungen die Kolleginnen und Kollegen der einzelnen Branchen in Sachen Arbeitszeit haben. Eine Umfrage ist schon gestartet und läuft noch bis Ende Juni 2019. Diskussionen in den Betrieben und Verwaltungen sollen zudem dazu beitragen, dass Forderungen formuliert werden können, die exakt den Nerv der Beschäftigten treffen. Warum die Zeit reif für Veränderungen bei der Arbeitszeit ist, erklärt Oliver Bandosz, Leiter des Bereichs Tarifpolitik öffentlicher Dienst bei der ver.di Bundesverwaltung in Berlin.

Es kommt nicht überraschend, dass die Kolleginnen und Kollegen die Arbeitszeit in den Blick nehmen, oder?

Bandosz: Nein. Schon seit ein paar Jahren wird die Arbeitszeit diskutiert. Dabei geht es um die gesamte Breite der Fragen rund um die Arbeitszeit. Also etwa um Wünsche nach mehr Selbstbestimmtheit durch die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, um die Reduzierung der Arbeitszeit, um mehr freie Tage und auch ganz klassisch um eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit mit Lohnausgleich. Diese Fragen kamen in der Bundestarifkommission öD immer wieder zur Sprache. In den vergangenen Jahren haben wir uns in den Tarifverhandlungen für die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes vor allem für mehr Geld eingesetzt. Denn der öffentliche Dienst hatte einen stattlichen Nachholbedarf beim Einkommensniveau im Vergleich zu anderen Sparten. Deshalb wurde die Arbeitszeit auch erstmal auf der Agenda nach hinten geschoben.

Inzwischen aber meinen immer mehr Beschäftigte, dass es nun an der Zeit ist, die Arbeitszeit in den Blick zu nehmen – vor allem auch im Hinblick auf die Digitalisierung, die immer weiter fortschreitet. Aller Voraussicht nach werden im Zuge der Digitalisierung nicht nur, aber vor allem einfache, standardisierte Abläufe von Maschinen übernommen werden. Wir müssen uns überlegen, ob im Zuge dieses Prozesses die verbleibende Arbeit für Menschen anders verteilt wird als heute.

Die Bundestarifkommission hat die Anliegen der Beschäftigten zur Arbeitszeit aufgegriffen.

Bandosz: Schon 2016 hat die Bundtarifkommission öD eine Arbeitsgruppe zur Arbeitszeit gebildet. Im Laufe des Jahres 2017 hat sich diese Arbeitsgruppe damit beschäftigt, welche Möglichkeiten es gibt, die Arbeitszeit innerhalb des bestehenden Systems im Sinne der Interessen der Beschäftigten weiterzuentwickeln. Anreize bieten dabei auch durchaus Regelungen, die ver.di in einigen bereits abgeschlossen hat. Ich denke dabei an die Beispiele bei der Post, der Telekom und im Nahverkehr Bayern, wo inzwischen Wahlmodelle tarifvertraglich eingeführt sind. Das heißt, die Kolleginnen und Kollegen können wählen, ob sie lieber mehr Geld oder mehr Freizeit wollen.

Was treibt die Kolleginnen und Kollegen bei der Arbeitszeit genau um?

Bandosz: Das ist ganz unterschiedlich – je nach Branche, je nach Alter und je nach Geschlecht. Eine tragende Rolle spielt die eigene Lebenswirklichkeit. Da geht um Kindererziehung, um die Pflege der Eltern, um mehr Zeit für Hobbys oder Weiterbildung oder einfach darum, für eine bestimmte Zeit raus zu kommen, also um ein Sabbatical. Aber alle eint, dass der klassische 8-Stunden-Tag an Bedeutung verliert als Standard für den überwiegenden Teil der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Je nach Interessenlage, je nach Lebensplanung der Kolleginnen und Kollegen sind die Wünsche, die uns bisher bekannt sind, damit unterschiedlich. Es zeigt sich bisher auch, dass bei vielen eine tägliche Arbeitszeitverkürzung offenbar nicht so attraktiv ist wie mehr freie Tage. Aber weil die Wünsche so unterschiedlich sind, haben wir die Umfrage gestartet. Sie soll Klarheit darüber bringen, wo die Bedürfnisse der Kolleginnen und Kollegen liegen, wohin die Reise gehen soll. Diese Umfrage läuft noch. Die Kolleginnen und Kollegen können sich noch beteiligen. Und sollten das auch dringend tun. Sie können online abstimmen. Für bestimmte Bereiche wie etwa die Verkehrsflughäfen, die Abfallwirtschaft, Kitas, Grünflächenämter und Bauhöfe sowie Straßenbauverwaltungen, wo ein Internetzugang nicht unbedingt verfügbar ist, haben wir auch Papierfragebögen vorbereitet. Denn nur, wenn so viele Kolleginnen und Kollegen ihre Meinung äußern, werden wir ein realistisches Bild davon bekommen, was die ver.di-Mitglieder umtreibt.

Über eine Verminderung der Wochenarbeitszeit bei vollem Lohnausgleich wird nicht diskutiert?

Bandosz: Doch. Auch diese Variante ist in der Diskussion. Aber viele, die sich bisher geäußert haben, sind eher skeptisch, dass diese Variante Mittel der Wahl ist - jedenfalls nicht in den entscheidenden Schritten, die zu einer Entlastung führen und nicht nur zu Arbeitsverdichtung, bei der somit in der verkürzten Zeit letztendlich gleich viel gearbeitet wird wie zuvor.

Wie geht es dann weiter? Wie ist der Fahrplan?

Bandosz: Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass die Arbeitgeber nicht entzückt sein werden, wenn wir die Arbeitszeit ins Zentrum der künftigen Tarifverhandlungen stellen. Deshalb müssen wir auch so selbstkritisch sein und uns fragen, ob wir alle bereit sind, für die Forderungen auch zu kämpfen. Denn das werden wir müssen. Es ist äußerst wichtig, dass wir frühzeitig in den Betrieben und Verwaltungen darüber im Detail diskutieren, was wir wollen. Aber wir dürfen auch nicht aus den Augen verlieren, wie wir diese Forderungen dann durchsetzen. Allein am Verhandlungstisch werden wir die Wünsche, die bisher geäußert wurden, wohl nicht erreichen. Wir müssen uns frühzeitig abstimmen, frühzeitig Aktionen überlegen, und wir brauchen eine uns unterstützende Öffentlichkeit. Und wir müssen die kommenden Monate schon dazu nutzen, diese Tarifrunde vorzubereiten. Wir sind nicht keine Minute zu früh dran. Um Regelungen bei der Arbeitszeit durchzusetzen, müssen wir unsere gesamte Gestaltungsmacht einsetzen. Aber dann können und werden wir es schaffen.

Fragen von Jana Bender/Juni 2019