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Wenn flexibles Arbeiten die Karriere bremst

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Bundesfachbereichsfrauenkonferenz

Soziologin Yvonne Lott Bender Soziologin Yvonne Lott

Zwar bringt die Digitalisierung auch mehr Möglichkeiten, von zu Hause aus zu arbeiten – was Frauen entgegenkommt. Und sie birgt auch noch mehr Möglichkeiten zur Flexibilisierung der Arbeitszeit. Ob Frauen aber unterm Strich mehr Chancen auf beruflichen Aufstieg haben,  ist längst nicht gesagt. So jedenfalls sieht es die Soziologin Yvonne Lott von der Hans-Boeckler-Stiftung.

Ana-Lena arbeitet derzeit einen Tag die Woche von zu Hause aus. Homeoffice ist seit einigen Jahren in ihrer Kommune möglich. Ana-Lena hat sofort zugriffen: Doch sie arbeitet nicht nur freitags im Homeoffice, sie hat generell ihre Arbeitszeit auf 30 Stunden die Woche reduziert. Der Grund: Sie kann sich so besser um ihre kleine Tochter kümmern. Digitalisierung sieht sie im Grunde als eine große Chance, Beruf und Familie besser unter einen Hut zu bekommen. Das einzige, was ihr Bauchgrimmen macht, sind die Leistungskontrollen und Verhaltenskontrollen, die die Digitalisierung mit sich bringt. „Das müsste der Personalrat verbindlich im Sinne der Beschäftigten regeln“, meint sie. Also dafür sorgen, dass der Arbeitgeber eben nicht per Mausklick nachschauen, ob und wie lange sie arbeitet. 

Ana-Lena existiert nicht. Aber es gibt viele Frauen in der Wirtschaft und in der öffentlichen Verwaltung, die so oder so ähnlich denken und das auch sagen. Sie vernachlässigen, dass mit der Digitalisierung noch jede Menge anderer Entwicklungen einhergehen. „Die Halbwertszeit von Wissen wird sich erheblich verringern“, betont Soziologin Lott. Ein zeitweiser Ausstieg aus dem Job – um Kinder zu betreuen und Angehörige zu pflegen – kann noch gravierendere Folgen haben als bisher. Weil die Technik und das Wissen weit schneller veralten als bisher. Hinzu kommt: Teilzeitbeschäftigte – und das sind nach wie vor meist Frauen – sind oft von Weiterbildungsmöglichkeiten ausgeschlossen: Weil sie häufig nur in Vollzeit angeboten werden und diese Möglichkeiten deshalb seltener nutzen können oder weil ihr Weiterbildungsinteresse von den zuständigen Führungskräften nicht unterstützt wird. Die Folge: Selbst wer nicht pausiert, zieht bei der Berufskarriere nach bisherigen Erkenntnissen oft den Kürzeren beziehungsweise bleibt schlicht stehen und wird von Kolleginnen wie auch Kollegen überholt.

Hinzu kommt: Der Trend geht in Richtung Plattformisierung. Das heißt: Der Normalarbeitsplatz mit unbefristetem Arbeitsvertrag wird womöglich mittelfristig durch das so genannte Crowd-Work abgelöst. Die Unternehmen schreiben bestimmte Projekte oder Teile davon auf digitalen Plattformen aus. Solo-Selbstständige führen diese Aufträge dann aus. Bezahlt wird nach Projekt – nicht nach Zeit. Der Vorteil für die Selbstständigen: Eine größtmögliche Flexibilität. Keine Kontrolle darüber, wann und wieviel gearbeitet wird. Gerade für Frauen erscheint eine solche Arbeitsweise sehr interessant – denn sie lässt sich gut mit den anderen Aufgaben in der Familie verbinden. Der Nachteil: Das Unternehmen übernimmt keinerlei Verantwortung. Es interessiert den Auftraggeber nicht, ob die Kinder krank sind oder die Auftragnehmerin selbst. Er will das Ergebnis – auch wenn das zusätzliche Nachtschichten für die Auftragnehmerin bedeutet. Entgrenzung bleibt somit trotz oder gerade aufgrund der Selbstständigkeit weiter auf der Tagesordnung.

Flexibles Arbeiten – und das wird oft vergessen - bedeutet meist Arbeitsintensivierung und Mehrarbeit. Denn die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmen. Flexibles Arbeiten wird zudem oft zur Leistungssteigerung eingesetzt – weil sich der Arbeitgeber beziehungsweise der Auftraggeber eben nicht mehr darum schert, ob Widrigkeiten des Lebens wie Krankheit den Arbeitsablauf verlangsamen.

Wissenschaftlich wurde belegt, dass bei unbefristeten Stellen die Unternehmen ein Idealbild des Arbeitnehmers im Kopf haben– ob es sich um Frauen oder um Männer handelt. Er oder sie arbeitet Vollzeit, nimmt Überstunden in Kauf und ist präsent im Betrieb. Der Job ist wichtig – um nicht zu sagen das Wichtigste in dieser Lebensphase. Wobei die Erfahrung zeigt, dass Männer weit eher als Frauen diesem Ideal entsprechen können. So verwundert es kaum, dass Männer – wenn es um flexibles Arbeiten geht – eine Reduzierung der Arbeit eher negativ bewerten. Flexibles Arbeiten heißt für sie oft mehr Arbeit, sprich Überstunden. Während Frauen in Zusammenhang mit Flexibilisierung eher Reduzierung der Arbeitszeit verstehen. Und genauso beurteilen auch die Unternehmen die eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wenn Männer flexibel arbeiten – also mehr arbeiten -, verbessern sie ihre Karrierechancen. Frauen, die flexibel arbeiten wollen, werden von den Unternehmen in Sachen Aufstieg kaum noch wahrgenommen.

Flexibles Arbeiten bedeutet für Männer somit eher Entgrenzung als für Frauen. Für Frauen bedeutet flexibles Arbeiten weiterhin eher ein Hemmschuh für die Karriere. Dass Frauen nach wie vor ein Großteil der Sorgearbeit in der Familie übernehmen, wirkt sich weiterhin nachteilig auf ihre berufliche Laufbahn aus.

Was ist zu tun? Lott plädiert dafür, die Geschlechterbilder zu hinterfragen. Außerdem braucht es klar betriebliche Vereinbarungen zur Arbeitszeitgestaltung, den Ausschluss von Leistungs- und Verhaltenskontrollen sowie mehr Qualifizierungen von Vorgesetzen zum geschlechtergerechten Führen, um aktiv gegen Geschlechterstereotypen – vorgefertigte Bilder im Kopf über pauschale Zuschreibungen zu Verhalten und Leistungen von Männern und Frauen – zu arbeiten.

Text: Jana Bender