Frauen

Von Arbeitszeitmodellen und Führungspositionen

Frauen

Bundesfachbereichsfrauenkonferenz

Digitalisierung oder gläserne Decken, Arbeitszeitmodelle oder zu wenig Frauen in Führungspositionen? Was treibt Frauen in den Verwaltungen sowie den Betrieben der Kommunen und der Länder um? ver.di hat Frauen gefragt, über was in den Verwaltungen, Betrieben und Institutionen debattiert wird, was genau das frauenpolitische Thema bei der Arbeit ist. Das Ergebnis: Das aktuelle, frauenpolitische Thema gibt es nicht. Je nach Betrieb, je nach Veraltung oder Institution ist ein anderes Thema aktuell.

Anja Russow-Hötting Bender Anja Russow-Hötting

Wie muss ein Stadtteil aussehen?

„Wir arbeiten derzeit in Mannheim mit an der Entwicklung eines neuen Stadtteils. Hier geht es uns um Fragen wie: Was ist wichtig für Frauen, um dort gut zu leben? Wir wollen einen lebendigen Stadtteil, keine reine Schlafstadt.  Hier soll es Wohnungen und Arbeitsplätze geben, genügend Kitas und Schulen, Möglichkeiten der Pflege. Junge und alte Frauen sollen zusammen in dem Stadtteil leben und arbeiten. Wir wollen keine homogene Altersstruktur, sondern eine Durchmischung in Alter und Sozialstruktur. Dieser Stadtteil beschäftigt die Frauen in der Stadtverwaltung und besonders das Büro der Gleichstellungsbeauftragten derzeit stark.

Was ansonsten die Chancengleichheit angeht, so ist Mannheim – glaube ich – relativ gut aufgestellt. Bei uns sind Frauen in Führungspositionen. Sie zeigen den jüngeren Frauen, dass es möglich ist aufzusteigen, dass die gläsernen Decken durchbrochen werden können.  Allerdings ärgert uns immer wieder, dass Frauen und Männer unterschiedlich bewertet werden, obwohl sie das Gleiche tun und gleich erfolgreich sind. Klassisches Beispiel: Wenn Frauen ihre Arbeit flexibler gestalten wollen, heißt es, jetzt will sie sich mehr um ihre Familie kümmern, sich also weniger im Job engagieren. Wollen Männer flexibler arbeiten, gehen die Chefs davon aus, dass sie mehr arbeiten wollen – für den Job. So gesehen, ziehen Frauen – ohne dass sie aktiv etwas tun -  immer die falsche Karte. Diese Bewertungssystematik müssen wir angehen.“  Anja Russow-Hötting, Stadtverwaltung Mannheim, Baden-Württemberg 

Heike Hübinger, Langen, Hessen Bender Heike Hübinger, Langen, Hessen

Arbeitszeitmodelle besser koordinieren

„Bei uns in der Stadtverwaltung arbeiten zu wenige Leute. Es wurden in den letzten Jahren auf Beschluss der Stadtverordnetenversammlung viele Stellen in der Verwaltung eingespart .Die Folge: Arbeitsverdichtung. Das trifft nicht nur auf die klassische Verwaltung zu, sondern auch auf die Kitas. Da gibt es nicht genug Fachpersonal. Hinzu kommt: Es gibt so viele Arbeitsmodelle, dass es offenbar schwierig ist, diese verschiedenen Modelle zu koordinieren. Dadurch werden die Arbeitsabläufe teilweise noch weiter erschwert. Wenn unterschiedliche Arbeitsmodelle ermöglicht werden, muss entweder mehr Personal vorgehalten werden, damit die Reibungsverluste an den Schnittstellen ausgeglichen werden, oder aber es braucht eine exzellente Organisation. Geschieht das nicht, werden die Arbeitsabläufe erschwert und es kommt zu Überlastung.

Digitalisierung ist in diesem Zusammenhang nicht wirklich ein Thema bei uns. Es wird auch nicht darüber diskutiert, ob dadurch Arbeitsplätze wegfallen. Ich denke, das liegt daran, dass wir schon so viele Veränderungen und Entwicklungen mitgemacht haben. Die Kolleginnen und Kollegen werden die weiteren auch noch stemmen. Wichtig hierbei sind gute Schulungen und Unterstützung, vielleicht auch alter(n)sgerechte Arbeitsplätze.

Das ist das Hauptthema: Wie kann ich meine Arbeitsfähigkeit erhalten und bis zum Renteneintritt arbeiten. Nicht jede hat die Möglichkeit, Zeiten zu reduzieren oder die bald auslaufende Altersteilzeitregelung in Anspruch zu nehmen. Und ein Homeoffice-Arbeitsplatz wird auch nicht jedem gewährt.“ Heike Hübinger, Stadtverwaltung Langen, Hessen

Lena Tor Bender Lena Tor

Nur wenige weibliche Führungskräfte

„Bei uns im Statistischen Landesamt in Düsseldorf sind immer noch vor allem Männer die Chefs. Frauen sind im Verhältnis unterrepräsentiert bezogen auf Führungspositionen, gerade in der Informationstechnik. Das mag daran liegen, dass vor allem Frauen die volle Elternzeit nehmen und die Kinder betreuen. Da wird offenbar befürchtet, dass Frauen angesichts der heutigen schnelllebigen Zeit den Anschluss verlieren. Vielleicht liegt es auch an der Bewertungsstruktur, denn es heißt, dass Frauen in der Bewertung immer noch gegenüber Männern im Nachteil sind. Übrigens: Frauen werden auch von Frauen oft schlechter beurteilt als die Leistungen von Männern. Und natürlich arbeiten bei uns viel mehr Frauen in Teilzeit als Männer. Derzeit gilt Teilzeit auch bei uns noch als Karriereknick. Von gleichen Chancen kann nicht gesprochen werden. Da gibt es meines Erachtens noch viel zu tun. Denn das sind gläserne Decken, an die Frauen immer wieder stoßen.

Was die Digitalisierung angeht, mache ich mir schon Gedanken. Ich stehe erst am Anfang meines Berufslebens. In den nächsten Jahren wird sich viel verändern – was genau, können wir uns heute noch gar nicht vorstellen. Aber viele Berufsfelder, auf die heute noch ausgebildet wird, wird es vielleicht in zehn Jahren gar nicht mehr geben. Meine Generation muss sich darauf einstellen, dass sie sich tatsächlich immer weiterbilden muss. Und sie muss akzeptieren,  dass sie im Laufe ihres Berufslebens vielleicht verschiedene Berufe erlernt und ausübt. Es ist wichtig, dass wir uns frühzeitig auf eine solche Zukunft einstellen.“ Lena Tor,  Statistisches Landesamt in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen

Wilma Dypa Bender Wilma Dypa

Zu wenige Frauen in Führungspositionen

„In der Feuerwehr gibt es zu wenig Frauen und noch weniger Frauen in Führungspositionen. Es gibt einfach zu wenig Frauen, die dem Anforderungsprofil entsprechen. Kleine zierliche Frauen werden bei der Feuerwehr nicht glücklich. Bei der Feuerwehr muss zugepackt werden, da geht es auch um schwere Lasten, die nicht immer von Maschinen, von Technik übernommen werden können. Die Feuerwehr kann die Anforderungen nicht herunterschrauben, aber ich denke, dass sich auch wenig Frauen, die die geforderten Kriterien erfüllen, darüber Gedanken machen, bei der Feuerwehr einzusteigen. Es geht also auch darum, bei Frauen nicht nur für die Technischen Berufe zu werben, sondern auch für die Feuerwehr.

Warum ich mir mehr Frauen in der Führungsebene der Feuerwehr wünsche? Weil ich davon überzeugt bin, dass Frauen anders führen. Und diese andere Art der Führung würde der Feuerwehr guttun. Außerdem würden mehr Frauen als Chefs die Akzeptanz innerhalb der männerdominierten Feuerwehr stärken.

Digitalisierung heißt vor allem Veränderung. Wir müssen uns darauf einstellen, dass sich unsere Aufgabenbereiche verändern. Aber ehrlich gesagt, Veränderungen prägten mein ganzes Berufsleben. Veränderungen machen mir keine Angst. Seit ich 1982 bei der Feuerwehr angefangen habe, hat sich mein Arbeitsgebiet immer wieder geändert. Ich kenne das nicht anders. Wichtig ist, dass wir uns weiterbilden, dass wir Veränderung auch als Chance begreifen und uns nicht gegen Neuerungen sperren.

Wir müssen aber wachsam sein, dass mit den technischen Möglichkeiten nicht auch die Kontrolle der Leistung der Beschäftigten vorangetrieben wird. Die Technik macht Kontrolle möglich, die vor 20 Jahren undenkbar war. Deshalb müssen wir Dienstvereinbarungen abschließen, mit denen Verhaltens- und Leistungskontrollen verhindert werden. Und wir dürfen nicht darauf warten, bis Weiterbildung angeboten wird, wir müssen sie einfordern." Wilma Dypa, Feuerwehr, Berlin

Marlene Isenmann-Emser Bender Marlene Isenmann-Emser

Es geht leider wieder rückwärts

 „Ich habe den Eindruck, dass die Gleichstellungspolitik mittlerweile heftigen Gegenwind spürt. Da wird behauptet, die Frauen haben mittlerweile alles erreicht, und gefordert, dass jetzt mal Schluss sein muss mit dem Gleichstellungsthema. Es geht in Sachen Gleichstellungspolitik leider wieder rückwärts – das erlebe ich gerade. Und das macht mir große Sorgen. Die gläsernen Decken, die wir versucht haben zu entfernen, werden wieder fest stabilisiert, das heißt, wir stoßen auf heftigen Widerstand durch die Männer, die in vielen Fällen die Entscheider sind.

Vor allem die jungen Frauen sind nur schwer für Gleichstellungspolitik und die derzeitige Rückwärtstendenz zu sensibilisieren. Sie glauben, dass alles in Ordnung ist, bekunden gar, dass sie noch nie Benachteiligungen erlebt hätten. Vermutlich wachen sie erst auf, wenn sie – nach der Elternzeit – tatsächlich benachteiligt werden, wenn sie – trotz besserer Leistungen - die besser bezahlte Stelle nicht bekommen. Wir müssen uns im Betrieb und in den Verwaltungen weiter mit aller Kraft für eine Fortsetzung der Gleichstellungspolitik stark machen. Wir müssen das Erreichte mit aller Kraft verteidigen – wenn wir das nicht oder mit zu wenig Druck machen, wird vieles, was wir erreicht haben, einfach wieder zurückgedreht.“ Marlene Isenmann-Emser, Stadtverwaltung Kaiserslautern, Rheinland-Pfalz