Fachgruppe Sozial-, Kinder- und Jugendhilfe

Politik muss Digitalisierung einen Rahmen setzen

Soziale Arbeit

Digitalisierung

Professorin warnt vor leichtfertigem Umgang mit Daten in der Sozialen Arbeit
Professor Nadia Kutscher privat Professorin Nadia Kutscher

Die Digitalisierung verändert auch die sozialen Dienste. Dabei hat die Professorin Nadia Kutscher vom Lehrstuhl für Erziehungshilfe und Soziale Arbeit der Universität zu Köln nicht zuerst die Roboter im Blick, die möglicherweise irgendwann bei Menschen für die Kommunikation sorgen. Sie denkt bei Digitalisierung vielmehr an die Daten, die unbedacht oder gar freiwillig während der sozialen Arbeit über die Nutzung sozialer Medien preisgegeben werden. Weil Datenschutz in Zeiten der Digitalisierung nicht allein von den Betroffenen in den Griff zu bekommen ist, fordert Kutscher von der Politik, endlich der Digitalisierung einen Rahmen zu setzen und sie zu gestalten.

Wie macht sich die Digitalisierung bisher in der sozialen Arbeit bemerkbar?

Kutscher:  In der sozialen Arbeit verändert die Digitalisierung bereits heute die Arbeitsprozesse. Das heißt: In den meisten Einrichtungen wird mit dem PC gearbeitet, in vielen Institutionen gehört Onlineberatung dazu. Falldokumentation in der Sozialen Arbeit erfolgt auch vielfach softwarebasiert und verschiedene Personen haben dann dezentral Zugriff auf E-Akten. Aber auch „soziale Medien“ wie Facebook, WhatsApp, Instagram oder Youtube werden von Institutionen und Fachkräften, teils auch für den Kontakt mit Adressat*innen genutzt.

Es ist schwierig zu sagen, wie sich die Digitalisierung genau entwickeln wird. Zu vermuten ist, dass personenbezogene Dienstleistungen wie die soziale Arbeit aller Voraussicht nach auch in den nächsten Jahren nicht vollautomatisiert werden. Schon vor Jahren ist man von Szenarien ausgegangen, dass den Menschen, die Hilfe suchen, automatisierte Bots antworten. Das ist bislang zumindest nicht in größerem Ausmaß so gekommen und es ist schwer abzusehen, wird aber auch diskutiert, ob z.B. Teile von Onlineberatung wie Erstkontakte über Beratungs-Bots abgedeckt werden können und sollen. Hier stellen sich auch ethische Fragen.

Und Roboter?

Kutscher: In der Pflege werden mittlerweile Roboter eingesetzt, beispielsweise in Japan, aber auch in Deutschland wird daran geforscht. An verschiedenen Stellen übernehmen sie unterstützende und entlastende Tätigkeiten. Es werden unterschiedliche Szenarien diskutiert, aber es ist schwer abzusehen, wie sich das entwickeln wird. Das hat auch damit zu tun, wie sich „Künstliche Intelligenz“-Anwendungen weiterentwickeln, welche ethischen Richtlinien gestaltet und gelten werden. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, welche Tätigkeiten wir automatisiert „auslagern“ wollen und von welchen wir bewusst wollen, dass sie durch Menschen durchgeführt werden. Es gibt in der Debatte sowohl Aspekte, die dafür- und welche, die dagegen sprechen.  

Dennoch sehen Sie die Digitalisierung sehr kritisch?

Kutscher: Digitalisierung an sich ist erst einmal weder gut noch böse. Aber wir haben derzeit Entwicklungen, die kritisch reflektiert werden müssen und die Fragen nach einer Gestaltung aufwerfen, die Fachlichkeit sichern. Dabei geht es zum Einen um die Frage, welche Daten wie verarbeitet und genutzt werden und welche Folgen das für die AdressatInnen Sozialer Arbeit hat. Zum Anderen geht es darum, wie die technischen Logiken digitaler Dienste mit fachlichen Logiken und Anforderungen Sozialer Arbeit in Konflikt geraten, ob das wahrgenommen und reflektiert und dann auch entsprechend gestaltet wird. In der sozialen Arbeit geht es um sehr sensible Daten. Die  Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter im Allgemeinen Sozialen Dienst dokumentieren viel über die Frauen, Männer und Kinder, generell über die Familien, mit denen sie arbeiten. Die Falldokumentation besteht damit aus vielen personenbezogenen Daten. Und natürlich sind die Alltagsmedien wie Facebook, Google, WhatsApp auch in die sozialen Dienste eingedrungen beziehungsweise werden dort genutzt. Weil auch die Frauen und Männer, die beraten und betreut werden, diese Medien nutzen.

Die ersten Diskussionen dazu gab es schon vor etwa zehn Jahren. Die Sozialarbeiter*innen wollen mit ihren Klienten gut in Kontakt bleiben und nutzen deshalb die sozialen Medien, weil die Klienten diese Medien auch nutzen. Ob WhatsApp oder Facebook - diese Medien gehören nach Meinung vieler heutzutage dazu, auch wenn man das kritisch sehen kann. In der Street-Work, in stationären Hilfen oder in der Schulsozialarbeit werden sie oft genutzt. Dabei wird aber oft nicht reflektiert, welche Folgen das hat und auch der Datenschutz nicht hinreichend beachtet.

Die Beschäftigten sind somit in einem Dilemma.

Kutscher: Manchmal scheint es ein Dilemma zu sein, wenn man bestimmte Zielgruppen erreichen will und das derzeit nicht anders zu gehen scheint als über die etablierten sozialen Medienkanäle. Manchmal ist es aber auch kein Dilemma, wenn man klar betrachtet, welchen Preis eine bestimmte Mediennutzung hat, die den Datenschutz für Klientinnen und Klienten aushebelt. Da geht es oftmals auch um den Komfort, an den sich sowohl Fachkräfte als auch Adressat*innen gewöhnt haben, teils ist es Bequemlichkeit, teils ist es mangelnde Informiertheit. Im privaten Alltag sind viele Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter die Vorteile gewohnt, die die sozialen Medien bieten. Und so nutzen viele sie auch oft, wenn es um den Beruf geht. Die Grenze zwischen dem Beruflichen und dem Privaten verschwimmt. Und dabei geraten Daten an kommerzielle Anbieter und Dritte, die nicht mehr zurückgeholt werden können. Das ist hinsichtlich des Datenschutzes für Klientinnen und Klienten  ein Problem und verletzt grundlegende fachliche Standards.

Was ist zu tun?

Kutscher: Was den Umgang mit den Daten betrifft, müssen wir noch sensibler werden. Es muss den Fachkräften im Detail klar sein, welche Daten über ihre Klienten sie freigeben, wenn sie diese Medien nutzen, und welche Folgen das für die Klientinnen und Klienten haben kann. Das bedeutet auch, mehr und systematisch darüber aufzuklären und das auch zu Inhalten von Aus- und Fortbildung zu machen. Und wir brauchen Richtlinien, wie mit diesen Medien umgegangen werden muss. Da sind die Träger gefragt. Weil sich viele von uns so sehr an die sozialen Medien gewöhnt haben, weil das praktisch und komfortabel ist, ist es schwer, sich dafür zu entscheiden, sich da einzuschränken.

Gleichzeitig wissen die meisten nicht genau oder können sich nicht vorstellen, wie wertvoll Daten sind und wie sie kommerziell genutzt werden. Wie sie zusammengesetzt ein detailliertes Bild der Menschen entstehen lassen, das für sie in der Zukunft und teils auch schon jetzt Folgen hat. Scheinbar harmlose Daten werden genutzt, um Persönlichkeitsprofile zu erstellen, die dann auch Folgen für den Ausschluss im Zugang zu Leistungen haben.

Es lässt sich damit bestimmen, welche persönlichen, politischen, sexuellen Orientierungen jemand hat. Das kann für Manipulation im wirtschaftlichen Bereich genutzt werden, das kann dazu führen, dass man Inhalte im Internet stark vorgefiltert bekommt und weniger frei zugänglich hat und vieles mehr. All diese kleinen Daten sind Puzzleteile. Und plötzlich bekommt einer der Klienten vielleicht keinen Handyvertrag mehr oder keinen Kredit oder die Stelle nicht, die er dringend bräuchte. Weil er gläsern wurde – auch durch die Kommunikation mit Einrichtungen der Sozialen Arbeit, in der diese Dienste genutzt wurden und dabei Metadaten produziert wurden, die Folgen haben.

Aber lässt sich das individuell lösen?

Kutscher: Nur sehr begrenzt. Es geht um eine Sensibilisierung der Fachkräfte und eine entsprechende Positionierung und Ausstattung seitens der Träger, die auch bedeutet, dass da auch personelle Ressourcen reingehen wie beispielsweise Stabsstellen in den verschiedenen Handlungsfeldern mit Personen, die die Digitalisierung systematisch begleiten und die Fachkräfte vor Ort hinsichtlich der Fragen, die sich jeweils ergeben beraten. Da ist aber auch die Politik gefragt. Die Digitalisierung schreitet voran. Aber die Politik muss Rahmenbedingungen setzen, wie mit all den Daten umgegangen wird, die nun eben nicht mehr nur in Akten auftauchen und von wenigen gesehen werden, sondern nun auch von Dritten – und zwar kommerziell – genutzt werden können. Da geht es darum, dass die Anbieter kommerzieller Dienste mehr in die Pflicht genommen werden, wenn es um den Schutz von Daten geht, aber auch darum, datensichere Umgebungen zu schaffen, die im Alltag gut nutzbar sind.

Geht es dabei vor allem um die sozialen Medien?

Kutscher: Die sozialen Medien sind ein großer Bereich, in dem sich diese Fragen im Alltag viel stellen. Aber es geht auch darum, wie sich fachliches Handeln verändert, wenn Software genutzt wird, um Falldokumentation zu organisieren oder Risikoeinschätzungen algorithmenbasiert vorzunehmen. Das kann viele Arbeitsabläufe erleichtern. Es zeigt sich aber auch, dass die Software allein dadurch, dass sie in Entscheidungsverfahren eingelagert ist, da auch eine Wirkung entfaltet, über die wir noch wenig wissen. Die Frage ist hier, inwiefern sich fachliche Entscheidungen durch die Nutzung digitaler Medien verändern, welche Rolle die Technik im Verhältnis zu Fachkräften bekommt und ähnliches, beispielsweise bei der Einschätzung von Kindeswohlgefährdung, wenn ASD-Mitarbeiter*innen die Fallanamnese und die Gefährdungseinschätzung mit Hilfe von Software vornimmt, die dann einen Gefährdungsschwellenwert berechnet. Hier ist es spannend, wie sich Organisationen und Fachkräfte damit auseinandersetzen, was da quasi nebenbei passiert und wie das bewusst gestaltet wird, um Fachlichkeit zu sichern.  

Nochmal zu den Daten. Wie fließen die Daten heute schon zusammen?

Kutscher: Algorithmen spielen mittlerweile schon an verschiedenen Stellen eine Rolle für den Zugang zu Leistungen. Virginia Eubanks hat gezeigt, dass in Los Angeles beispielsweise Daten von Wohnungslosen wie Name und andere personenbezogene Daten sowie psychische Belastungen, Inanspruchnahme von Hilfen und vieles mehr zusammenfließen und auf der Basis dieser Metadaten berechnet wird, welche Priorität jemand bei einem Wohnberechtigungsprogramm bekommt.  Die Daten werden dabei auch mit vielen anderen Organisationen geteilt und mehrere Jahre lang gespeichert.

Wir können uns nicht wirklich vorstellen, dass wir bereits heute schon viel von uns preisgegeben haben. Oder?

Kutscher: Ich glaube, vielen ist das entweder nicht klar oder es ist so unangenehm, das wahrzunehmen, weil man sich dann von einer Reihe Annehmlichkeiten verabschieden müsste, an die man sich gewöhnt hat. Eine Individualisierung von Verantwortung greift angesichts der globalen Strukturen der Digitalisierung aber zu kurz. Fachleute wie Datenanalysten warnen längst und dringend, dass nicht nur die einzelnen Bürger*innen mehr Wissen über digitale Medien und das, was damit verbunden ist, benötigen. Trägerorganisationen und Fachkräfte in der Sozialen Arbeit haben hier meines Erachtens auch eine Verantwortung für diejenigen, die in der Gesellschaft mit ihren Interessen und Rechten unterrepräsentiert sind. Und die Politik ist gefordert, hier Rahmenbedingungen über Gesetze zu gestalten, die die künftige Freiheit der Bürgerinnen und Bürger, den Erhalt der Demokratie und die Vermeidung von Benachteiligung im Zusammenhang der Digitalisierung sichern helfen.