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Digitalisierung muss Arbeitsbedingungen verbessern

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Bericht JAV-Personalräte-Forum

JAV-PR-Forum 2019 ver.di JAV-PR-Forum 2019

Die Digitalisierung hat 2019 das JAV-Personalräte-Forum des Fachbereichs Gemeinden in Magdeburg geprägt. Die neue Leiterin des Bundesfachbereichs Gemeinden, Christine Behle, betonte vor den rund 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus dem gesamten Bundesgebiet, wie wichtig es ist, immer vor Augen zu haben, dass  der Mensch die Technik steuert und nicht umgekehrt. Diese Maxime müsse bei der Gestaltung der Digitalisierung immer im Fokus stehen.  Zudem ist ihr wichtig: „Künstliche Intelligenz darf kein Selbstzweck sein. In die Systeme müssen Standards der Guten Arbeit als Grundsatz für alle weiteren Entwicklungen integriert sein.“

Das Forum stand unter dem Titel „Zeit, dass sich was dreht – gute Arbeit gestalten“. Denn der Veränderungsdruck auf öffentliche Verwaltungen und Betriebe nimmt zu. Der Blick ist auf Organisationsstrukturen, auf Prozessabläufe und Arbeitsinhalte gerichtet. Dabei treibt die Digitalisierung diese Entwicklung. Deshalb stand folgende Frage im Mittelpunkt des Forums: Wie kann es gelingen, diese Themen mit den Zielen guter  Ausbildung und guter Arbeit zu verknüpfen?

Die Auswirkungen der Digitalisierung wurden nicht nur im Plenum diskutiert, sondern auch in den Foren. So ging es um die Arbeit in den Bürgerämtern, wie sich vollautomatische Verwaltungsverfahren auf die Beschäftigten auswirken, um neue Ansätze in der Arbeitsgestaltung, aber auch um den Datenschutz in der Personalratsarbeit, um alternsgerechtes Arbeiten, um agile Arbeit und um Überlastung. Die speziellen Foren für die Jugend- und Auszubildendenvertreter*innen beschäftigten sich unter anderem mit den Rechten und den Aufgaben der JAVen (Jugend- und Auszubildendenvertretungen), mit der die Öffentlichkeitsarbeit der JAV und digitalen Tools für die JA-Versammlung.

ver.di startet Initiative kommunal.sozial.digital

Für Behle müssen ver.di und die Beschäftigtenvertretungen bei der Gestaltung der Digitalisierung stärker an betrieblichen und lokalen Strategien arbeiten. Sie verwies darauf, dass die KGST (Kommunale Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement) in Köln ein so genanntes Drehbuch Digitalisierung entwickelt hat. Ver.di müsse dazu Stellung beziehen. Gebraucht werden nach Behle ferner lokale Initiativen zur Digitalisierung, nicht nur für Großstädte, sondern auch für den ländlichen Raum. Behle verwies zudem darauf, dass Anfang 2020 die Initiative kommunal.sozial.digital startet, mit der sich ver.di in lokale Prozesse einmischen will. Gemeinsam mit den Wohlfahrtsverbänden wolle ver.di lokale Diskurse anschieben, in die sowohl Bürgerinnen und Bürger als auch die Beschäftigten der Kommunen einbezogen werden. 

Wichtig für Behle: Digitalisierung muss mit der Verbesserung der Arbeitsbedingungen einhergehen. Ob in Sachen Elektromobilität, Drohneneinsatz oder fahrerlose Transportsysteme – „gebraucht werden klare betriebliche Regelungen“, sagt Behle – auch mit Blick auf den von ver.di angestrebten Tarifvertrag Digitalisierung. Mit diesem Tarifvertrag wolle ver.di Leitplanken für gute digitale Arbeit setzen. Es sollen dabei zum Beispiel Regelungen geschaffen werden zu agiler Arbeit, zu Home-Office, zu Qualifizierung, zu Beschäftigungssicherung, zu Gesundheitsschutz und Arbeitnehmerdatenschutz.

Tarifrunde 2020: Zeitsouveränität

Mit Blick auf die ver.di-Umfrage unter den ver.di-Mitgliedern zur Arbeitszeit hob Behle den Beschluss der ver.di-Bundestarifkommission öffentlicher Dienst hervor, nach dem Entlastung der Beschäftigten durch mehr Zeitsouveränität angestrebt wird. Damit wird die Arbeitszeit zum Tarifgegenstand der kommenden Tarifrunde für die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes. Während die Umfrage zur Arbeitszeit abgeschlossen ist, finden nach Behles Darstellung derzeit noch die Experteninterviews statt. Hier soll konkret nach betrieblichen Problemlagen gefragt und nach Lösungsansätzen gesucht werden.

Vision einer besseren Welt nötig

Der Soziologie-Professor Klaus Dörre von der Universität Jena ging in seinem Referat auf die sich abzeichnenden Veränderungen in der Arbeitswelt ein und zeigte Ansätze auf, wie die Arbeitswelt angesichts der neuen technischen Entwicklungen gestaltet werden könnte. Seine Bestandsaufnahme: Das derzeitige Produzieren und Konsumieren geht zu Lasten der sozialen Nachhaltigkeit. Der Staat als Innovator und sicherheitsstiftende Institution wird zur Gestaltung der Digitalisierung benötigt. Neue Mobilitätskonzepte sind notwendig und die soziale Frage muss im Wandel immer mitdiskutiert werden.  Außerdem braucht es langfristige Finanzierungskonzepte für die Verbesserung und Modernisierung der Infrastruktur. Dörre sieht zudem soziale und ökologische Konflikte, die entgegenlaufen.

Für Dörre müssen dringend Wege zu einer ökologisch-sozialen Nachhaltigkeit aufgezeigt werden. Außerdem braucht es die „Vision einer besseren Gesellschaft“.

Was wäre möglich? Zum Beispiel eine bedingungslose Grundzeit – ein Konzept eines  zeitlich begrenzten Voll- oder Teil-Ausstiegs aus der Arbeitswelt. Oder eine Bildungskarenzzeit, wonach eine Qualifizierung bei 60 Prozent des bisherigen Einkommens möglich ist. Oder Living Wages – eine Initiative aus Großbritannien. Dieser Stiftung gehören  Unternehmen an, die Löhne über Mindestlohn zahlen, wobei die Details eine Kommission in der jeweiligen Region regelt.

Workshops der JAV

Die Jugend- und Auszubildendenvertreter*innen betrachteten die rechtlichen Aspekte der zum großen Teil bevorstehenden JAV-Wahlen und erweiterten ihr Wissen um das Thema Öffentlichkeitsarbeit sowie rund um die Ansprache zur JAV-Wahl und Tarifrunden. Aber auch praktische Tipps und Tricks zum Aufpeppen für JA-Versammlungen mit digitalen Tools sowie der Austausch untereinander kamen nicht zu kurz.