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Lärm, Stress und keine Vertretung

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Kita-Studie

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Wie stark sehen sich Erzieherinnen und Erzieher von ihrem Berufsalltag belastet? Was sind die Gründe dafür und welche Maßnahmen könnten die Belastung lindern? Ende vergangenen Jahres wollten es die Universität Hamburg und die Berufsgenossenschaft für Gesundheit und Wohlfahrtspflege (BGW) genau wissen und starteten die VitaKita-Studie. Nun liegen die ersten Ergebnisse vor. Marlies Gude, angehende Arbeits- und Organisationspsychologin und eine der Projektmitarbeiterinnen der Studie, erläutert in einem  Interview mit ver.di die Ziele, die Ergebnisse und die Empfehlungen der Studie.

Die Erzieherinnen und Erzieher beantworteten online ihre Fragen.

Gude: Ja, es war vor allem eine Online-Befragung. Allerdings stellte sich heraus, dass einige Erzieherinnen und Erzieher in den Kitas nicht ohne weiteres Zugang zum Internet haben. In diesen Ausnahmefällen konnten die Befragten auch klassisch per Fragebogen teilnehmen.

 Sind Sie zufrieden mit der Resonanz?

Gude: Es haben Erzieherinnen und Erzieher aus allen Bundesländern teilgenommen. Insgesamt haben wir nahezu 900 ausgefüllte Fragebögen registriert – das hat uns gefreut. Es handelt sich hierbei allerdings nicht um eine repräsentative Studie. Das war auch nicht unser Ziel. Es ging uns darum, die unterschiedlichen Arbeitsbedingungen in den Kitas der Republik zu beleuchten. Und das ist uns gelungen.

Das war auch der Ausgangspunkt der Analyse?

Gude: Es war eine persönliche Erfahrung: Sylvie Vincent-Höper, die Leiterin des Projekts, ist vor kurzem Mutter geworden und hat nun selbst die Rahmenbedingungen in den Kitas erfahren. Wir gingen nun der Frage nach, ob die Situation sich für die Erzieherinnen und Erzieher überall ähnlich gestaltet oder ob es Unterschiede gibt. Aus vergangenen Forschungsarbeiten ist bereits bekannt, dass die Quote der Frühverrentung bei Erzieherinnen und Erzieher hoch ist, dass die Erzieherinnen und Erzieher oft über emotionale Erschöpfung klagen. Wir wollten wissen, welche Bedingungen der Arbeit mit diesen Beschwerden in Zusammenhang gebracht werden können. Denn es ist ein offenes Geheimnis, dass die Arbeitsbedingungen ganz entscheidend sind für die psychische Gesundheit der Beschäftigten.

Wie sieht die Lage in den Kitas aus? Sind entsprechende bauliche Maßnahmen inzwischen die Regel?

Gude: Wir mutmaßten, dass solche Dinge wie erwachsenengerechte Stühle, entsprechendes Mobiliar und Lärmschutz inzwischen gang und gäbe sind. Denn das sind meiner Ansicht nach Minimalanforderungen an den Arbeitsplatz. Zudem wurde in den vergangenen Jahren viel darüber diskutiert und niemand bestreitet, dass kaum ein Erwachsener jahrelang auf Kinderstühlen sitzen kann, ohne Rückenschmerzen zu bekommen. Doch das trifft leider nicht zu. Viele Kitas sind offenbar immer noch nicht entsprechend ausgestattet und hier gibt es immer noch Handlungsbedarf.

In unserer Studie ging es jedoch zu großen Teilen um die psychischen Belastungen. Als belastend werden von den Erzieherinnen und Erziehern vor allem der Zeitdruck genannt, die hohen Konzentrationserfordernisse, die hohe Arbeitsintensität und die emotionale Dissonanz.

Was ist unter emotionaler Dissonanz zu verstehen?

Gude: Wir beschreiben mit diesem Begriff den Umstand, dass Beschäftigte Emotionen zeigen müssen, die sie selbst in diesem Moment nicht erleben. Sicher ist das auch in anderen Berufen so, aber nach unserer Einschätzung sind Erzieherinnen und Erzieher besonders betroffen, zum Beispiel weil es für sie während des Arbeitstages auch keine Rückzugsmöglichkeiten gibt. Nach unseren Ergebnissen hängt emotionale Dissonanz bei der Beschäftigtengruppe der ErzieherInnen zudem sehr eng zusammen mit Faktoren wie emotionaler Erschöpfung und psychosomatischen Beschwerden.

Aber der Beruf der Erzieherin und des Erziehers ist nicht nur belastend. Die Analyse zeigt, dass es auch Ressourcen gibt, die den Erzieherinnen und Erziehern helfen können, mit den Belastungen umzugehen. Zu diesen Ressourcen zählten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Befragung zum Beispiel Wertschätzung, die Unterstützung durch das Team oder durch die Kita-Leitung. Viele der Erzieherinnen und Erzieher zum Beispiel sehen ihre Arbeit als bedeutsam für die Gesellschaft an. Hier spiegelt sich die Wertschätzung, die sie von den Eltern und der Gesellschaft erfahren. Diese Wertschätzung kann Belastungen in der Wahrnehmung des Einzelnen vermindern und ist somit ein gesundheitsfördernder Faktor.

Generell aber lautet das Fazit der Befragung: Es gibt noch viel zu tun.

Gude: So kann man es nennen. Wie gesagt: Selbst bei der Ausstattung liegt einiges noch im Argen. So ist die Lärmbelastung nach wie vor oft sehr hoch. Wobei sich Lärm immer auch auf die psychische Gesundheit auswirkt. Zudem ist die emotionale Belastung ein großes Thema unter den Beschäftigten. Dazu müssen auch Stressoren gezählt werden, die von den Eltern kommen – deren hohe Erwartungshaltung zum Beispiel oder der Umstand, dass die Erzieherinnen und Erzieher den Eindruck haben, die Eltern schieben der Kita immer mehr Erziehungsaufgaben zu. Ferner klagen die Beschäftigten über ihrer Ansicht nach illegitime Aufgaben. So werden Arbeitsaufträge genannt, die der oder die Einzelne als unnötig oder unzumutbar auffasst, etwa weil sie nicht zum beruflichen Rollenverständnis gehören. So haben zum Beispiel Beschäftigte in Interviews berichtet, die wir vor der Online-Befragung durchgeführt haben, dass sie am Abend Tische abwischen und den Boden putzen sollen – häufig noch nach dem eigentlichen Feierabend. Viele stöhnen auch über die umfangreichen Dokumentationspflichten, die inzwischen zum Berufsalltag gehören, für die sie jedoch häufig nicht genügend Zeit haben.

Was muss geschehen, damit die Belastung reduziert wird?

Gude: Gefährdungsbeurteilungen können ein Schlüssel sein, da sie per Gesetz vorgeschrieben sind und auch entsprechende Maßnahmen nach sich ziehen müssen. Nach unserer Beobachtung werden sie noch nicht flächendeckend durchgeführt und die psychischen Belastungen sind häufig kein zentraler Bestandteil. Aber klar: Das alles ändert nicht per Knopfdruck die Situation. Da braucht es ein wenig Zeit.

Zudem klagen viele Erzieherinnen und Erzieher über eine ihrer Ansicht nach verbesserungswürdige Organisation der Arbeit. Sie sind sich sicher, wenn die Arbeit besser organisiert wäre, käme auf den Einzelnen weniger Arbeit zu. Hier geht es darum, den Kita-Leitungen das entsprechende Handwerkszeug zur Verfügung zu stellen.

Würde es helfen, mehr Erzieherinnen und Erzieher einzustellen?

Gude: Mehr Personal ist ein wichtiger Faktor. Aber generell haben wir uns in unserer Studie auf andere Faktoren der Arbeitsbedingungen konzentriert. Abhilfe könnten etwa klare Vertretungsregelungen schaffen. Oftmals fehlen solche Regelungen derzeit. Die Folge: Wird jemand in der Kita krank, muss eine Kollegin die Kinder mit übernehmen. Viele Kitas arbeiten bereits mit Springer-Regelungen. So wird bei Krankheit oder Weiterbildung nicht das verbleibende Personal zu stark belastet und erkrankt dann möglicherweise zeitversetzt ebenfalls. Und: Mit einer guten Vertretungsregelung wird eine Last von den Kranken genommen – nämlich angeschlagen doch zur Arbeit zu gehen, um die Kollegin oder den Kollegen nicht zu überfordern.

In den Kitas steigt auch die Zahl der Erzieherinnen und Erzieher, die über 50 Jahre sind. Welche Folgen hat das?

Gude: Mit dem zunehmenden Alter nehmen die gesundheitlichen Probleme zu. Umso wichtiger ist Prävention – und damit sind wir bei der Ausstattung der Kitas und bei der Verminderung von belastenden Faktoren. Denn meist ist es so, dass belastende Rahmenbedingungen von jungen Kolleginnen und Kollegen besser weggesteckt werden als von älteren. Wobei es meist nur eine Frage der Zeit ist bis sich Kinderstühle und der Umstand, dass die Erzieherinnen und Erziehen oft Kinder und damit Gewicht hochheben, zum Beispiel auf den Rücken auswirken.

Fragen von Jana Bender/April 2016