JAV/PR-FORUM 2015

Chancen nutzen, Risiken vermindern

Digitalisierung

Karl-Heinz Brandl privat Karl-Heinz Brandl

Die Digitalisierung krempelt Arbeit um. Wie sehen die Herausforderungen genau aus? Und welche Aufgaben sehen die Personalräte in den Verwaltungen auf sich zukommen? Karl-Heinz Brandl, Bereichsleiter Innovation und Gute Arbeit von der ver.di-Bundesverwaltung erläutert in einem Interview mit dem Standort, wo seiner Ansicht nach die Herausforderungen für die Personalräte liegen.

Wie wirkt sich die Digitalisierung in den Verwaltungen aus?

Brandl: Die Digitale Verwaltung 2020 von der Bundesregierung im September 2014 ausgerufen sieht die flächendeckende Einführung der E-Akte vor, einheitliche Online-Bürgerprozesse und vieles mehr. Somit wird es alle Bereiche der Verwaltung treffen, die einen mehr und schneller, die anderen weniger und langsamer. Übrigens spricht die Bundesregierung von „guter Arbeit in der digitalen Verwaltung“ als Ziel – allerdings fehlen dazu nach meinem Wissen konkrete Maßnahmen. Somit stehen die Personalräte, stehen wir als ver.di vor großen Herausforderungen, die Veränderungen im Interesse der Beschäftigten zu gestalten.

Was sind die Hauptherausforderungen?

Brandl: Es zeichnet sich ab, dass durch die Digitalisierung viele Tätigkeiten aufgesaugt werden. D.h. ganz einfach Rationalisierung, die zu Arbeitsverdichtung und zu Stellenreduzierungen führen kann. Auch wenn Personal nicht konkret abgebaut wird, so ist zu befürchten, dass unsere Kolleginnen und Kollegen mehr Arbeit leisten müssen. Desweiteren ist nicht auszuschließen, dass den Beschäftigten die Arbeitsabläufe von der Software zwingend vorgegeben werden. Dies führt nicht nur zum Wegfall eigener Entscheidungsspielräume, sondern auch zu einer Erhöhung des Leistungsdrucks. Es kann weiter bedeuten, dass Tätigkeiten abgewertet werden. Hinzu kommt das Risiko einer automatisierten Verhaltens- oder Leistungskontrolle. Denn in jedem IT-System fallen personenbezogene Daten an, die gespeichert und mit den neuen Methoden aus Big-Data ausgewertet werden können.

In den Kommunen ist die Digitalisierung bereits am Boomen?

Brandl: Die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung birgt ja auch Chancen – online verfügbare Verwaltungsprozesses für Standard- und Routineaufgaben, Vereinfachung von Arbeitsabläufen etc. Und mit Industrie 4.0 und Dienstleistung 4.0 – also digitaler Wirtschaft, die längst keine Vision mehr ist – entsteht auch immer mehr die Notwendigkeit für eine „Verwaltung 4.0“.

Nach meiner Wahrnehmung schreitet die Digitalisierung unaufhaltsam voran. Und damit auch in den Verwaltungen. Ob in der Steuerverwaltung, Rentenversicherung oder bei Kommunen, beim Bund oder den Ländern  – nahezu überall werden neue digitale Technologien genutzt, eingesetzt oder stehen vor der Einführung.

Die Personalräte sind gefragt?

Brandl: Absolut – denn ohne Personalvertretungen werden die „4.0-Themen“ nicht funktionieren. Eine Digitalisierung der Verwaltung ist ohne Einvernehmen mit den Personalvertretungen und deren aktiven Mitgestaltungsrolle nicht möglich – wenn es denn funktionieren soll. Selbstverständlich gelten bestehende Mitbestimmungsrechte, aber bei der anstehenden Dimension der Veränderung ist nach meiner Auffassung eine frühzeitige Einbeziehung der Beschäftigten und ihrer Interessensvertreter notwendig. Die Betonung liegt auf frühzeitig – schon bei der Entwicklung der IT und der IT-Prozesse müssen die Beschäftigten, die Personalräte und ver.di einbezogen werden.

Sehen die Kolleginnen und Kollegen eher die Chancen oder mehr die Risiken der Digitalisierung?

Brandl: Das ist sehr unterschiedlich und hängt davon ab, was wir daraus machen! Wenn wir die Chancen der Digitalisierung wie z.B. Entlastung von monotonen Standardaufgaben, gute technische Unterstützung bei der Arbeitserledigung oder die Erschließung neuer Arbeitsfelder nutzen, gibt es mehr Zustimmung. Wenn flexibles Arbeiten zu mehr Freiräumen führt, zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie hat meistens niemand was dagegen. Aber diese Chancen kommen meistens nicht von selber. Geht es nur um Kosteneinsparung, Personalabbau, Rationalisierung, Kontrolle, etc. wird es abgelehnt und die Risiken stehen im Vordergrund.

Was also ist zu tun?

Brandl: Mit all unseren Möglichkeiten müssen wir die Digitalisierung in unserem Sinne gestalten. Das heißt konkret, die Mitbestimmungsrechte nutzen, überall mitzumischen und vor allem die Beschäftigten beteiligen. Sie wissen als „ExpertenInnen in eigener Sache“ am besten, was funktionieren kann und was nicht.

Wir müssen hinterfragen, alle Informationen einsammeln, aufklären, abwägen, alles transparent machen, auch mal nein sagen und dass alles gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen besprechen und durchsetzen.

Unser Ziel heißt: Gute Arbeit auch und gerade in Zeiten dieses großen Veränderungsprozesses. Dabei müssen die Beschäftigten an den Arbeitsgestaltungsprozessen beteiligt und ihre Interessen gewahrt werden. Übrigens haben wir zu dem ganzen Themenkomplex als Bereich Innovation und Gute Arbeit aktuell einen Reader „Gute Arbeit und Digitalisierung - Prozessanalysen und Gestaltungsperspektiven für eine humane digitale Arbeitswelt“ herausgegeben. Er kann unter: https://innovation-gute-arbeit.verdi.de/themen/digitale-arbeit heruntergeladen werden.

Die Auswirkungen der Digitalisierung sind längst sichtbar…

Brandl: … leider. In fast allen Verwaltungen und Behörden fehlt es an Personal. Sogenanntes Rationalisierungspotenzial, das durch die digitale Verwaltung möglich ist, wurde oft schon vorweg genommen. Manche IT-Projekte verursachen Mehrarbeit, manche Software funktioniert nicht korrekt, usw. Das erzeugt oft mehr Druck bei der Arbeit, höhere Unzufriedenheit und leider oft auch mehr Krankmeldungen.

Gleichzeitig gibt es aber auch positive Beispiele, bei denen Personalvertretungen die Chancen für die Beschäftigten erhöht haben

die Chancen müssen genutzt werden.

Brandl: Absolut. Wir wissen, dass Arbeitsplätze wegfallen werden. Gleichzeitig werden neue und zusätzliche Arbeitsplätze entstehen. Es wird darauf ankommen, dass wir die Produktivitätsgewinne auch an die Beschäftigten weitergeben – etwa durch kürzere Arbeitszeiten bei gleichbleibenden Einkommen. Arbeitszeiten werden sich verändern, Beschäftigung neu organisiert. Wir müssen die Chancen – leben und arbeiten in Einklang zu bringen heben. Wir sollten die Chance nutzen, monotone Arbeit abzubauen und trotzdem müssen Entscheidungen vom Menschen erledigt werden. Und zum Schluss dürfen wir die Persönlichkeitsrechte nicht vergessen – zur permanenten Überwachung sagen wir ein klares nein. Also es gibt viel zu tun, gemeinsam mit ver.di packen wir es.

Fragen von Jana Bender