JAV/PR-FORUM 2013

Seelisch krank und keine Chance?

Forum A 5

Forum A 5 Bender Forum A 5

Referent: Ralf Engelmann (Foto) | Stigma besiegen e.V.
Moderation: Achim Christophersen

Ralf Engelmann appelliert aus seiner pflegerischen Praxis an die Teilnehmenden – Burn-out oder fachlich richtiger „Depressionen“ nicht zu stigmatisieren. Sie sollten im Betrieb oder in der Verwaltung offen thematisiert werden. Betroffene müssen akzeptable Wege kennen, wo sie sich im Falle einer Erkrankung hinwenden können. Führungskräfte sollten auf die Symptome hin sensibilisiert werden.
Aus dieser Warte heraus sei eine Anti-Stressverordnung, wie sie die IG Metall ins Gespräch gebracht habe, sinnvoll. Dies sei auch deswegen notwendig, weil aus Sicht von Ralf Engelmann, die Arbeitsschutzgesetzgebung zu unübersichtlich ist.

Der Verlauf des Forums gestaltet sich wie folgt:

Engelmann beginnt mit der Frage, warum das Thema Burn-out heute überhaupt von Relevanz ist? Burn-out ist ein körperlicher und psychischer Erschöpfungszustand. Für die heutige Bedeutung in der Arbeit gibt es eine Vielzahl von Gründen. So seien Depressionen zunächst einmal besser erforscht und demnach leichter zu diagnostizieren. Außerdem habe bereits eine gute Aufklärungsarbeit begonnen. So ist der Begriff Burn-out auch leichter zu akzeptieren als der eigentlich richtige Erkrankungsbegriff Depression.
Mit Burn-out werde ein selbstloser Einsatz für die Aufgaben verbunden. Die Begriffe „Depression“ oder „psychische Erkrankung“ dagegen werden als persönliche Schwäche interpretiert und von daher weniger von den Individuen wie auch den Kollegen/innen akzeptiert.  
Engelmann schränkt allerdings ein, dass die Arbeitgeberverbände psychische Belastungen nach wie vor verharmlosen und dies als Modebegriff abtun würden.

Er beschreibt acht Phasen zum Erkrankungsverlauf

1.    Erhöhte Belastung durch die Erwerbsarbeit
… was meint, dass der Druck durch die Arbeitsmengen steigt, ob von außen herangetragen oder selbst gesetzt.
2.    Vernachlässigung eigener Bedürfnisse
… was beinhaltet, dass Ruhe und Zeit für die Regeneration fehlen. Probleme werden übergangen oder soziale Kontakte werden vernachlässigt.
3.    Verdrängung von Konflikten
Es treten erste körperliche Symptome (Schmerzen, Schlafstörung, etc.) auf. Es mindert sich die Verlässlichkeit.
4.    Umkehr von Werten
Soziale Termine werden als Belastung empfunden. Körperliche Symptome (Kopfschmerzen, Müdigkeit) steigen. Trotzdem wird der Arbeitseinsatz gesteigert.
 
5.    Rückzug und Desillusionierung
Erster Schritt zur Erkrankung: Es beginnt eine dauerhafte Anspannung. Erfolge bleiben aus. Es mangelt an Optimismus und Beziehungen werden als bedrohlich empfunden.

6.    Verfremdete Wahrnehmung: Derealisierung und Depersonalisierung
Es sinkt das Selbstwertgefühl. Beziehungen werden nicht mehr wahrgenommen.
 
7.    Aufkommende Depression
Es treten Schuldgefühle auf. 

8.    Psychische Folgen
Es beginnt eine Persönlichkeitsstörung geprägt durch Angstzustände. Depression.  
    
Engelmann kategorisiert die Ursachen für den Einstieg in diesen Phasenverlauf mit drei Aspekten:

Persönlichkeitsmerkmale
Potentielle Risikofaktoren sind hohes Engagement und Leistungsorientierung, eine narzisstische beziehungsweise depressive Persönlichkeit oder auch defensive Problemlöser. Ursächlich können auch wirtschaftliche Notwendigkeiten (z.B. Verschuldung) sein.

Betrieblichen Bedingungen
Einfluss haben soziale Beziehungen oder auch unstimmige Arbeitsabläufe.

Arbeitsmarktpolitik
Zunehmend von Bedeutung ist die Angst vor sozialem Abstieg und Armut sowie die Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse.

In den Handlungsmöglichkeiten wird thematisiert, dass die Personalräte eine wichtige Rolle haben, psychische Erkrankungen zu entstigmatisieren. Dies sollte angegangen werden, indem
-    Tabus aufgebrochen werden und offen im Betrieb die Risiken thematisiert werden,
-    das Wissen über psychische Belastungen überprüft wird
-    und eine Offenheit geschaffen wird, worin der Personalrat als Ansprechpartner wahrgenommen wird.

Engelmann appelliert, dass sich die Personalräte selbst als Vorbilder sehen sollten und ebenso auf ihre persönliche Belastung achten sollten. Im Übrigen beginne das auch mit einer Kultur der Wertschätzung und Anerkennung untereinander.

In der Diskussion wird festgehalten, dass Personalräte nicht die Rolle einer psycho-sozialen Beratungsstelle einnehmen können, sie sollten sich allerdings die Kompetenz für mögliche Wege zur Hilfe schaffen.
Außerdem befinden wir uns zur Thematik „psychische Belastung“ in einem Prozess, indem wir uns über die kommenden Jahre sowohl zum Arbeitsschutzrecht wie auch zum Schaffen gesunder Arbeitsverhältnisse als Gewerkschafter/innen neue Kompetenzen aneignen sollten. 

Bericht: Thomas Herbing