JAV/PR-FORUM 2013

Weil es um Menschen geht

JAV-PR-FORUM

Entwicklung neuer Technologien

Technik steht eben nicht für sich. Obwohl viele Entwickler nach wie vor davon überzeugt sind.  Viele technische Entwicklungen setzen Dienstleistungen voraus. „Dienstleistungen und Technik müssen so miteinander verknüpft werden, dass die Technik auch genutzt wird“, betont Professor Daniel Bieber vom iso-Institut in Saarbrücken. Das aber wiederum setzt voraus, dass gerade die Beschäftigten einbezogen werden – und damit die Gewerkschaften.  Bieber fordert: Die Gewerkschaften müssen sich für Innovationsforschung und Innovationspolitik weit stärker interessieren als bisher – auch weil die Technik die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten im Dienstleistungsbereich bestimmt.  

Oma Lilly macht alles richtig. Um das Handgelenk hat sie das Hightech-Gerät angelegt, das ihre Kinder angeschafft haben, damit die Pflegekräfte sofort wissen, wenn es Oma Lilly mal nicht ganz so gut geht. Als ihr an diesem Morgen schwindlig wird und sie zu Boden sinkt, drückt sie geistesgegenwärtig den Hilfeknopf des Gerätes, der dem ambulanten Pflegedienst signalisiert, dass Oma Lilly dringend Hilfe braucht. Und da der Pflegedienst Schlüssel zu Oma Lillys Wohnung hat, steht schon wenige Minuten nachdem der Alarm eingegangen ist, eine Pflegerin im Zimmer und hilft der Seniorin auf. Und der Pflegedienst verständigt auch einen Arzt.

Nicht jedes Hightech-Gerät braucht zwingend eine Dienstleistung – zumindest in der Theorie erklären sich moderne Fahrkartenautomaten von selbst. Oder Handys. Doch die Klagen über die Technik nehme zu: Für viele Ältere sind Fahrkartenautomaten ein Graus. Weil ihre Bedienung eben doch nicht so schnell ersichtlich, ist wie es oft heißt. Ein Bedienkurs zumindest wäre sinnvoll. Und ein Notfall-Gerät am Arm macht ohne die Zentrale des Pflegedienstes gar keinen Sinn.

Jeder weiß, dass es so ist. Dennoch spielt bei der Entwicklung neuer Technik der Endkunde nur eine untergeordnete Rolle, weiß Bieber. Der Endkunde solcher technischen Entwicklungen werde oft nicht gefragt: Seine Kritik, seine Bedenken werden meist nicht berücksichtigt. Und die Beschäftigten,  wie die Pflegerinnen und Pfleger des Pflegedienstes, die mit der Technik. „Sie werden erst gar nicht gefragt“, bedauert Bieber.

Was aber ist genau unter personenbezogener Dienstleistung zu verstehen? Bieber schaut auf die Pflege und stellt zunächst fest: Die Pflegebranche boomt – allerdings nicht infolge des demografischen Wandels. Nach Ansicht Biebers verstärkt der demografische Wandel den Trend. Der Wissenschaftler sieht vor allem in der wachsenden Mobilität moderner Gesellschaften die Ursache dafür, dass die Pflegebranche wächst und wächst: Die Kinder wohnen nicht mehr in der Nähe der Eltern und können sie deshalb auch nicht pflegen. Pflege durch Angehörige wird stetig abnehmen, prophezeit er. Pflege ist aber gleichzeitig eine besondere Dienstleistung: „Denn niemand kann gegen seinen Willen dazu gebracht werden, dass er gesund wird“, sagt Bieber. Pflege ist deshalb eine Dienstleistung von Subjekt zu Subjekt, der zu Pflegende muss mitarbeiten. Umso wichtiger dabei ist die menschliche Kommunikation.

Und schon ist Bieber wieder bei der Krux dieser Art der Dienstleistung: Vor allem Frauen könnten solche Dienstleistungen gut erbringen. „Pflege ist anscheinend den Frauen angeboren, deshalb muss angeblich nicht bezahlt werden“, diese schräge Sicht der Dinge herrsche in der Gesellschaft leider noch vielfach vor, sagt Bieber. Und die Statistik weiß: Pflege ist weiblich, Pflege funktioniert in Teilzeit.

Was aber hat nun die Dienstleistung mit der Technik zu tun? Die Beschäftigten nutzen die Technik – vorausgesetzt, die Technik erleichtert ihnen die Arbeit. Bieber spricht von einer hohen Affinität der Beschäftigten, Technik einzusetzen, wenn sie ihnen nützt. Die Arbeitgeber dagegen sehen in Technik vor allem eine Möglichkeit, die Dienstleistung zu verbessern oder den Gewinn zu steigern, indem mit der Technik in der gleichen Zeit vielleicht 12 Senioren kontaktiert werden können, ohne die Technik möglicherwiese nur acht.

Vor allem in Zukunftsfeldern wie Gesundheitswesen, Bildung und Erziehung oder Energie- und Mobilitätsmanagement hat Bieber eine wachsende Bedeutung personenbezogener Dienstleistungen ausgemacht. Schon in den vergangenen Jahren ist die Zahl der Beschäftigten in diesen Bereichen deutlich gestiegen – auch die Zahl der Teilzeitbeschäftigten. Lag der Anteil der personenbezogenen Dienstleistungen an der Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten 1999 insgesamt bei 8,1 Prozent, so waren es 2009 gar 12,1 Prozent. So arbeiteten 1999 etwa 2,5 Millionen Menschen in den Sozial-, Erziehungs- und Gesundheitsberufen, zehn Jahre später waren es über 3 Millionen. Der Anteil der Frauen unter diesen Beschäftigten blieb mit 83,6 Prozent nahezu gleich. Der Anteil der Teilzeitbeschäftigten stieg von 26,8 Prozent auf 38,5 Prozent.

Bieber plädiert für eine Kultivierung des Personenbezugs in der Dienstleitung. Das aber bedeutet, dass nicht die Technik im Zentrum steht und nicht die Technik entscheidet, wie die Dienstleistung gestaltet wird, sondern der Mensch: derjenige, der die Dienstleistung erbringt,  und der, der sie empfängt. Daraus folgt: Die Arbeit ist nicht so planbar, wie viele es von den Prozessen in der Industrie kennen.

Text: Jana Bender/Oktober 2013