JAV/PR-FORUM 2013

Verhältnisprävention muss im Vordergrund stehen

Forum B 2

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Referentin: Tatjana Fuchs, Gesellschaft für gute Arbeit München mbH, und Doreen Linder, rat.geber GmbH

Moderation: Harald Giesecke 

Der Arbeits- und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz gliedert sich in die Verhältnis- und die Verhaltensprävention. Bei der Verhältnisprävention geht es darum, die Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass die Menschen weiterhin gesund an ihrem Arbeitsplatz bleiben können. Bei der Verhaltensprävention sollen individuelle Maßnahmen einzelner Menschen zur Aufrechterhaltung/Wiederherstellung ihrer Leistungsfähigkeit beitragen.
Anhand einer Langzeitstudie zeigt Tatjana Fuchs auf, was es bringt, wenn im Betrieb die Verhältnisprävention vorangebracht wird. Eine finnische Langzeitstudie hat sich fast 20 Jahre lang mit der Leistungsfähigkeit von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern beschäftigt. Dabei spielte sowohl die Fremd- als auch die Eigeneinschätzung eine Rolle. Bei der Kontrollgruppe ohne jegliche Maßnahmen nimmt die Arbeitsfähigkeit stetig ab. Bei der Gruppe, bei der die Beschäftigten aktiv etwas für ihre Gesundheit gemacht haben, sind die Werte besser, aber die Leistungskurve verläuft parallel zur Kontrollgruppe. Bei der dritten  Gruppe wurden betriebliche Maßnahmen mit individuellen Maßnahmen kombiniert: Ihre  Leistungsfähigkeit ist über die Jahre hinweg annähernd gleich geblieben. Ihnen geht es auch nach Eintritt in den Ruhestand besser als den anderen beiden Gruppen.

Das macht zwei Dinge deutlich: Je früher mit der Verhaltensprävention begonnen wird,  desto länger und nachhaltiger ist der Effekt. Die Aufrechterhaltung beziehungsweise Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit ist nur durch individuelle Maßnahmen nicht zu erreichen.

Die Rahmenbedingungen für einen solchen Arbeits- und Gesundheitsschutz in Deutschland sind über eine ganze Reihe von Arbeitsschutzgesetzen und Verordnungen eigentlich gar nicht schlecht. Es hapert nur, wie so oft, an der bei der konsequenten Umsetzung. Selbst wenn auf Basis einer sorgfältigen Analyse umsetzbare und sinnvolle Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen  erarbeitet werden, scheitert die Ausführung oft genug an den damit verbundenen Kosten.

Gefahren für die Gesundheit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind an der Quelle zu beseitigen, individuelle Maßnahmen sind dabei nachrangig zu betrachten. In der Reihenfolge heißt dies:
•    Anpassung und Ausnutzung der Technik – Arbeitsbedingungen, ergonomische Möbel, Hilfsmittel (Verhältnis)
•    Anpassung der Organisation – Arbeitsumfeld, Arbeitszeiten, mehr Abwechslung in den Arbeitsablauf  bringen (Verhältnis)
•    individuelle, gesundheitsfördernde  Maßnahmen  (Verhalten)
Ein guter Arbeits- und Gesundheitsschutz steht und fällt mit einer offenen und ehrlichen Analyse der Arbeitsbedingungen. Die Beschäftigten sind in die Suche nach den Lösungen frühzeitig mit einzubeziehen, als Experten für ihren Arbeitsplatz haben sie oft die besten Ideen.

Ziele der Betriebs- und Personalräte innerhalb des  Arbeits- und Gesundheitsschutzes
o    Erhalt der Gesundheit
o    Erhalt der Arbeitsfähigkeit
o    Erhalt Leistungsfähigkeit – auch über das Renteneintrittsalter hinaus
o    Erwerbs- und Einkommenssicherung
Wichtige Hinweise können dabei die Gefährdungsbeurteilung, Betriebsbegehungen, ABI (Arbeitsbewältigungsindex – der allerdings absolut kritisch zu betrachten ist), BEM (Betriebliches Eingliederungsmanagement), Krankheitsstatistiken, Arbeitszeit, Überstundenstatistiken und Überlastungsanzeigen sein.

Eine richtig durchgeführte Gefährdungsbeurteilung bringt die Schwachstellen eines jeden Arbeitsplatzes zu Tage und zeigt auf, wo bei den Änderungen angesetzt werden muss. Mittlerweile sind die psychischen Belastungen in die Arbeitsmedizinische Verordnung aufgenommen worden.

Die Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie gibt Leitlinien für die  Gefährdungsbeurteilung und deren Dokumentation vor, die für alle bindend sind. Tatjana erläutert die Leitlinie zur psychischen Belastung kurz. DGB und BDA legen diese Leitlinie den Unternehmen ans Herz.

Psychisch wirksame Arbeitsbedingungen: Arbeitszeit, Unternehmensleitung/Organisationskultur, Führungsverhalten, Teamklima, Arbeitsaufgabe/Arbeitstätigkeit, Ausführungsbedingungen, Anerkennung/Identifikationsbedingungen, Arbeitsprozesse, Rahmenbedingungen.

Bei der Gefährdungsbeurteilung handelt es sich um ein Individualrecht gem. § 5 Arbeitsschutzgesetz – mit einem Anspruch auf Aktualität. Gleichzeitig sind individuelle, geeignete Maßnahmen einklagbar.

Es gibt eine Vielzahl von guten Tipps und Tricks für Betriebs- und Personalräte im Internet – allerdings gibt es auch einige wenige Seiten, die so sehr gut versteckt sind, dass es zumindest ein gutes Stück Sucharbeit erfordert.

Beispielhaft sind hier die Internetseiten www.bana.de  (Gefährdungsbeurteilung – Expertenwissen / Ratgeber Gefährdungsanalyse – hier sind auch immer schon Maßnahmen enthalten, wie eine mögliche Gefährdung verhindert /vermindert werden kann) und www.inqa.gawo-eu.de  (Arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse zur Arbeitszeitgestaltung“ genannt.

Bericht: Tanja Krönert