JAV/PR-FORUM 2013

Beschäftigte wünschen sich mehr Zeitautonomie

Flexible Arbeitsformen

Podiumsdiskussion Bender Podiumsdiskussion

Ob Verwaltung oder Betrieb, ob Wirtschaft oder öffentlicher Dienst – die Zeiten, in denen der Chef anordnete und die Beschäftigten ausführten, sind vorbei. Beschäftigte wollen selbstständig arbeiten, vielleicht gar teilweise zu Hause. Doch die neuen Arbeitsformen haben auch ihre Schattenseiten. Das wurde auch bei der Podiumsdiskussion während des JAV/PR-FORUMS  2013 in Magdeburg deutlich. Stadtverwaltung und Personalräte versuchen, die Wünsche zu verwirklichen, ohne die Risiken, die mit den neuen Arbeitsformen verbunden sind, zu vernachlässigen. Dennoch: Die Betriebs- und Personalräte müssen neue Methoden finden, die Interessen der Beschäftigten zu vertreten. Davon sind zumindest Wissenschaftler überzeugt. Denn mit dem traditionellen Instrumentarium schaffen sich die Arbeitnehmervertreter unter den Belegschaften oft keine Freunde.

Vertrauensarbeitszeit, nein danke. So manche Personalräte auf dem JAV/Personalräteforum in 2013 in Magdeburg würden wohl ihre Einstellung zur Vertrauensarbeit und zu neuen Arbeitsformen insgesamt mit diesem Slogan zusammenfassen. Weil sie vermuten, dass die Vertrauensarbeitszeit für die Beschäftigten viele Nachteile bringt: Dass das Arbeitspensum steigt, dass sie dafür nicht den Arbeitgeber, sondern eher sich selbst verantwortlich machen. Weg mit der Vertrauensarbeitszeit, zurück zur Stechuhr, zu geregelten Arbeitszeiten? Was in dieser Zeit nicht geschafft wird, wird nicht gemacht. Wenn es doch so einfach wäre. Ist es aber nicht.

Denn viele Beschäftigte sehen sehr wohl auch die Vorteile, die Vertrauensarbeitszeit für sie bringt. Sie können abends zu Hause arbeiten, tagsüber ihre Kinder betreuen oder müssen nicht mit dem Job aufhören, weil sie Pflegeaufgaben übernehmen. Die Beschäftigten schätzen offenbar die größere Autonomie, die Vertrauensarbeitszeit mit sich bringt. So sind die Erfahrungen von Bernhard Schmidt, Hauptpersonalratsvorsitzender des Bundessozialministeriums in Berlin. Es bestehe ein großer Bedarf an flexiblen Arbeitszeitmodellen, betont er. Und auch Zielvereinbarungen haben für die Beschäftigten ihre positiven Seiten – weiß Schmidt. Er betont: „Ich kann die Beschäftigten nicht vor Mehrarbeit schützen.“ Aber er könne mit flexiblen Arbeitszeitmodellen dafür sorgen, dass auch die Beschäftigten Vollzeit arbeiten können – die eine Familie haben.

Menschen wollen mitbestimmen
Der Wolfsburger Oberbürgermeister Klaus Mohrs stößt in das gleiche Horn: Wer bei Vertrauensarbeitszeit den gleichen Druck beobachte wie bei der Stechuhr, der gehe von einem anderen Menschenbild aus als die Wolfsburger Stadtverwaltung. „Die Menschen wollen mitbestimmen, auch bei der Arbeit“, weiß er. Und er verweist darauf, dass in der Stadtverwaltung Wolfsburg umorganisiert wurde und man nun auf Teams setzt – und nicht jeder gegen jeden arbeitet. Gleichzeitig outet sich Mohrs als ein großer Verfechter der Vertrauensarbeitszeit und des Vertrauens zwischen Arbeitgeber und Beschäftigten.

Mohrs verweist darauf, wie wichtig Zeitautonomie gerade für junge Leute ist. „Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat einen hohen Stellenwert“, sagt er. Warum soll die Kommune dies nicht ermöglichen – auch angesichts des Umstandes, dass die Städte und Gemeinden „generell so viel Attraktives für die Beschäftigten nicht zu bieten haben“, wie es der Oberbürgermeister ausdrückt.

Nun wiederum sieht sich der Philosoph und Autonomieforscher Klaus Peters in die falsche Ecke gesteckt.  Er habe kein verkapptes Loblied auf das Pistolen-System gesungen, beteuert er. Mit Pistolen-System meint er die Führung der Beschäftigten nach dem traditionellen System der Belohnung und Bestrafung, wobei die Chefs anordnen und die Beschäftigten ausführen. Im Gegensatz dazu beschreibt Peters das Krokodil-System. Hier ändern die Chefs die Rahmenbedingungen, indem sie zum Beispiel Vertrauensarbeitszeit einführen. Diese anderen Rahmenbedingungen sind für Peters das Krokodil. Dieses Krokodil hat zur Folge, dass die Chefs nicht mehr kontrollieren müssen, ob die Arbeit gemacht wird. Die Beschäftigten, die nun nicht für die Leistung, sondern auch für den Erfolg verantwortlich sind, setzen sich selbst unter Druck.

„Alles, was die Selbstständigkeit der Beschäftigten fördert, ist eigentlich gut“, glaubt Peters betonen zu müssen. Doch er schränkt auch ein: Bei der indirekten Steuerung gehe es aber nicht nur um mehr Selbstständigkeit, sondern eben auch um mehr Druck. Gleichzeitig gebe es in den Betrieben und Verwaltungen keine Instanz, die die Interessen der Beschäftigten effektiv vertreten könne. Denn der Betriebs- und Personalrat in seiner traditionellen, beschützenden, aber auch bevormundenden Rolle könne bei den neuen Rahmenbedingungen im Betrieb nicht gewinnen.

„Wir brauchen neue Methoden, die Interessen der Beschäftigten zu vertreten“, ist sich Peters sicher. Und er meint: Wenn ein Personalrat versucht, einen Beschäftigten daran zu hindern, ohne Ende zu arbeiten, wird der Beschäftigte wahrscheinlich nicht erfreut sein. Denn der Beschäftigte, den drohenden Misserfolg seiner Arbeit vor Augen, kann nicht erkennen, dass der Personalrat es gut mit ihm und seiner Gesundheit meint, wenn er darauf dringt, nicht länger als vereinbart zu arbeiten. In dem Rat, die Arbeitszeit einzuhalten, sieht der Beschäftigte vermutlich eher eine Schikane, eine Instanz, die ihm Steine in den Weg legt.