JAV/PR-FORUM 2013

Soziale Arbeit: Gesund bleiben zwischen fachlichem Anspruch und …

Forum B 4

Prof. Dr. Martin Stummbaum Bender Prof. Dr. Martin Stummbaum

Ausgebrannt und überlastet – hohes  Krankheitsrisiko in sozialen Berufen

Referent: Prof. Dr. Martin Stummbaum, Hochschule Emden-Leer

Moderation: Achim Christophersen

Zu Beginn des Workshops diskutierten die Teilnehmer/innen gesundheitliche Risikofaktoren, denen in der Sozialen Arbeit tätige Menschen ausgesetzt sind. Die dann auf Pinn­wänden visualisierten Gesundheitsrisiken waren vielfältig und hatten ihren Schwerpunkt im Bereich psychischer Gesundheitsbelastungen und Erkrankungen. Schnell wurde auffällig, dass die genannten Gesundheitsrisiken in einer zunehmend an ökonomischen Kriterien orientierten Sozialen Arbeit nicht oder kaum eine entsprechende Beachtung finden. Hier lässt sich mit den Worten Einsteins (mahnend) feststellen: „Nicht alles, was zählt, kann gezählt werden, und nicht alles, was gezählt werden kann, zählt.“  Verschiedene Studien belegen dies, dass die um sich greifende Ökonomisierung in sozialen Berufen nicht nur der Qualität schadet, sondern vor allem auch der Gesundheit der dort tätigen Fachkräfte.

Die aktuelle Studie von Stummbaum (2012) zeigt, dass Sozialarbeiter/innen zu Präsentismus neigen. Also trotz Erkrankung zur Arbeit gehen. Sie tun dieses wegen ihrer Klienten („Meiner Klientin geht es viel schlechter, da kann ich doch wegen meiner Schlafstörungen nicht zuhause bleiben“) und wegen ihren Kolleg/innen („Wenn ich mich krankschreiben lasse, dann muss mein eh schon überlasteter Kollege meine Klienten über­­nehmen“). Diese Arbeitshaltung zeugt von einem hohen Engagement und einer hohen Verantwortung. Eine Arbeitshaltung, die unter den derzeitigen Bedingungen Sozialer Arbeit über die Jahre das Risiko schwerer Erkrankungen erhöht. Viele Fachkräfte berichten von einer Fließband-Sozialarbeit, der sie nur deshalb einigermaßen nachkommen können, weil sie ihre Überlastung und Erschöpfung ausblenden. Fachlichkeit bleibt dabei ebenso immer mehr auf der Strecke wie auch die eigene Gesundheit und das private Leben.

Arbeitgeber kommen ihrer Verantwortung für ihre Mitarbeiter oftmals nicht oder nur unzureichend nach. „Gesundheitsförderliche und präventive Maßnahmen  können ein guter Ansatz sein“, so Stummbaum, „wenn sie sich nicht nur auf die Mitarbeiter/innen beziehen, sondern vor allem auch an den Strukturen, der Organisation und dem Management der Sozialen Arbeit ansetzen. Hierzu müsste jedoch die Ökonomisierung der Sozialen Arbeit zurückgeschraubt werden, um eine an Fachlichkeit und gesunden Arbeitsbedingungen orientierten Soziale Arbeit möglich zu machen. Viele Sozialarbeiter/innen haben sich mit den unzureichenden Bedingungen ihrer Arbeit abgefunden. Deshalb ist es wichtig, darauf aufmerksam zu machen, dass die in der Studie von Stummbaum (2012) festgestellte hohe Kollegialität nicht nur genutzt werden kann, um unzureichende Arbeitsbedingungen zu ertragen, sondern vor allem auch dazu, sich gegen gesundheitsgefährdende Arbeitsbedingungen zu wehren. Stummbaum mahnt: „Es ist doch paradox, dass Menschen, die unter gesundheitsschädlichen Arbeits­bedingungen leiden, Menschen helfen wollen, ihre belastenden Lebenssituationen zu verbessern. Damit wird das hohe Engagement und das hohe Verantwortungsbewusstsein von in sozialen Berufen tätigen Menschen kurzfristigen ökonomischen Überlegungen geopfert anstatt es mittels angemessener Arbeitsbedingungen zu unterstützen für eine nachhaltige und zukunftspositive gesellschaftliche Entwicklung.“

Der Workshop verdeutlichte, dass unzureichende Arbeitsbedingungen in sozialen Berufen nicht gesondert als gesundheitliche Probleme auf der einen und  fachliche auf der anderen Seite diskutiert werden sollten, sondern in einem Gesamt­kontext: Denn nur eine  gesunde Soziale Arbeit kann eine (fachlich) gute Soziale Arbeit sein.

Der Workshop mündete in dem Appel: „Nutzt Kollegialität für den gemeinsamen Widerstand gegen gesundheitsbelastende und damit auch fachlich unzureichende Arbeitsbedingungen!“

Bericht: Christine Wagner-Lange