Modellprojekt demografischer Wandel

Damit Erfahrungen nicht flöten gehen

Demografieprojekt

Bochum

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Es sind vor allem die psychischen Belastungen, die den Beschäftigten des Allgemeinen Sozialen Dienstes zu schaffen machen. Dass sie tagein, tagaus Entscheidungen treffen müssen, die in das Leben der Familien eingreifen. Und es ist eine Gratwanderung: Wenn sie Kinder zu früh aus den Familien holen, leiden die Kinder, wenn sie es zu spät tun, leiden die Kinder erst recht.

Kein Wunder, dass die Tarifparteien den Allgemeinen Sozialen Dienst plastisch vor Augen hatten, als sie 2009 den Gesundheitstarifvertrag ausgehandelt haben. Mit der Teilnahme am ver.di-Projekt zum demografischen Wandel sollten Arbeitsbedingungen entstehen, die dazu beitragen, dass die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, die Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen weniger oft krank werden. Und: Das Projekt sollte mit dafür sorgen, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes nicht nur bis zur Rente, sondern auch darüber hinaus gesund und fit bleiben. 

„Ich bin sehr gespannt“, bekannte Ruth Piedboeuf-Schaper, die Leiterin des Allgemeinen Sozialen Dienstes in Bochum, als das Projekt startete. Sie war gespannt auf die Arbeit in den Workshops und auf die Ergebnisse. Auch weil sie wusste, dass viele der Beschäftigten skeptisch waren – auch weil sie schon oft Projekte kommen und gehen sahen. Passiert war in der Regel aber nichts.

77 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zählt der Bereich, 19 Stellen sind seit 2008 hinzugekommen. Der Grund: Eine Personalbemessung kam zu dem Schluss, den die Beschäftigten längst ahnten – die Abteilung ist gravierend unterbesetzt. Denn Armut nimmt zu, und ebenso schnell steigt die Zahl der Familien, die Hilfe brauchen. Zudem ist die Bevölkerung sensibler geworden und meldet entsprechend mehr Verdachtsfälle von Kindesmisshandlung und Kindesmissbrauch.

Obwohl personell aufgestockt wurde, war die Belastung der einzelnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter groß.  Weil viele trotz Supervision die Fälle mit nach Hause nehmen zum Beispiel. Die Folge: Immer wieder wechseln gerade die Engagierten, die Erfahrenen, die den Job seit 20 Jahren machen, die Stelle. Und gehen zum Beispiel zur Jugendgerichtshilfe. Piedboeuf-Schaper kann das nicht gefallen. Denn sie weiß: Nur wenn ein Team aus Jungen und Älteren besteht, ist es gutes Team. Deshalb setzt sie auf Prävention und auf Veränderungen in der Organisation, im Tagesablauf.

Wie lauten nun die Ergebnisse? Es wurde eine ständige Arbeitsgruppe gegründet, deren Mitglieder aus den unterschiedlichen Ämtern und unterschiedlichen Hierarchieebenen kommen. GEB nennt sich diese Arbeitsgruppe – und das steht für  Gesundheit, Entwicklung und Bindung. Diese Arbeitsgruppe entwickelt Konzepte, die die Gesundheit, Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit erhalten sollen.

Dann wurden die Servicezeiten reduziert. Natürlich gibt es weiterhin einen Bereitschaftsdienst für die akuten Fälle, die reinkommen und auf die sofort reagiert werden muss. Aber abgesehen vom Bereitschaftsdienst ist mittwochs und freitags geschlossen. Die Folge dieser neuen Servicezeiten: Die KollegInnen können nun ihre Fälle dokumentieren. Bisher fanden sie für diese Arbeiten kaum Zeit. Die Dokumentation wurde zwischen zwei Besuche von Bürger/-innen gequetscht. Kein Wunder, dass die Kolleg/-innen nun erleichtert sind, weil sie ihrer Dokumentationspflicht nachkommen können, ohne ständig unterbrochen zu werden. Und: Durch diese Büroarbeitszeiten, die immer mehr Zeit in Anspruch nehmen, sehen die Kolleg/-innen, dass diese Arbeit auch anerkannt wird. Das hatten sie bisher vermisst.

Es wurden Heimarbeitszeiten eingerichtet. Die Mitarbeiter/-innen sind sich sicher, dass sie zu Hause effektiver arbeiten können – auch weil sie dadurch belastenden Arbeitsbedingungen entgehen wie fehlender Ruhe oder heißen Büros im Sommer. Entlastet werden die Mitarbeiter/-innen es Bereitschaftsdienstes durch ein Eingangsmanagement im Infopoint: Da die Mitarbeiter/-innen speziell geschult wurden, leiten sie Bürger/-innen nicht nur an die Ansprechpartner weiter, sondern geben Anträge oder Infoblätter weiter und entlasten so die Mitarbeiter-innen des Sozialen Dienstes. Auch die Aktenführung, die für die Erfassung neuer Fälle notwendig ist, wurde vereinfacht – was bei den Mitarbeiter/-innen des Sozialen Dienstes sehr gut ankam. Doch das ist noch nicht alles: Derzeit werden noch  Berufsverlaufsmodelle entwickelt, damit die Beschäftigten des Sozialen Dienstes gegebenenfalls auf eine andere Stelle wechseln können. Nur umgesetzt sind diese Berufsverlaufsmodelle bisher noch nicht.