Modellprojekt demografischer Wandel

Keine Schonarbeitsplätze, sondern sinnvolle Stellen

Demografieprojekt

Konstanz

Konstanz - Frühjahrsaktion Bauhof Konstanz Konstanz - Frühjahrsaktion

Alternsgerechte Arbeitsplätze sind beim Konstanzer Bauhof kein Fremdwort. Im Gegenteil: Durch Änderungen in der Arbeitsorganisation sind in den vergangenen Jahren Arbeitsplätze entstanden, die einer alternden Belegschaft Rechnung tragen. Doch wer nun denkt, hier wurden Schonarbeitsplätze wiederbelebt, die in den vergangenen Jahren abgeschafft wurden, der irrt. Entstanden sind sinnvolle Stellen mit regulären Aufgaben, auf die die Stadt längst nicht mehr verzichten will.

Die Spielplätze in Konstanz sind Helmar Ehmeles Arbeitsplatz. Zusammen mit einem 41 Jahre alten Kollegen fährt der 59 Jahre alte Ehmele regelmäßig die Spielplätze ab. Da werden die Rutschen kontrolliert, Halterungen an den Schaukeln erneuert, der Sand in den Sandkästen erneuert, die Bänke auf Vordermann gebracht und - wenn es sein muss – auch das Gebüsch geschnitten. Das Zwei-Mann-Team ist verantwortlich für die Spielplätze der Stadt, dafür, dass sich kein Kind an schadhaften Teilen verletzt. Für Ehmele ist die Arbeit neu. Bis zum Januar war er Fahrer bei der Stadtreinigung. Weil sein Herz ihm Probleme machte, ließ sein Arzt ihn nicht mehr ins Führerhaus – zu gefährlich für sich und andere Verkehrsteilnehmer. Deshalb wechselte Ehmele zu den Kombi-Teams. Herbert Munjak, der Leiter des Konstanzer Bauhofs, hat die Teams jüngst ins Leben gerufen – weil sie der Stadt nützen und den älteren Beschäftigten entgegenkommen.

Über alternsgerechtes Arbeiten wird beim Konstanzer Bauhof nicht nur geredet. Im Unterschied zu vielen anderen Bauhöfen wird in Konstanz nach Lösungen gesucht. Kombi-Arbeitsplätze sind eine davon. Während vor wenigen Jahren noch die einzelnen Arbeiten strikt getrennt waren – Gärtner schnitten die Bäume und Sträucher, Schreiner kümmerten sich um marode Balken –, übernimmt nun ein Team alle anfallenden Arbeiten und verlässt zum Beispiel den Spielplatz erst, wenn alles wieder pikobello ist. Das kommt den Beschäftigten entgegen, weil sie sich viel besser mit ihrer Arbeit identifizieren können. Und es gefällt den Bürgerinnen und Bürgern – und damit auch der Stadt -, weil nun nicht ein Gewerk nach dem anderen und teilweise mit zeitlicher Verzögerung auf dem Spielplatz auftaucht und die Zeit der Baustelle verlängert. Es wird ganzheitlich gearbeitet, zeitsparend und effizient. In den Teams können sich Jung und Alt ergänzen: Das Kapital des Älteren ist die Erfahrung, das des Jüngeren ist seine Jugend, seine Kraft.

Eine neue Arbeitsorganisation, alternsgerechte Arbeitsplätze – das sind Themen, die Bauhofleiter Munjak am Herzen liegen. Der Grund dafür ist klar: Das Durchschnittsalter der Belegschaften in den Bauhöfen steigt, denn in den vergangenen Jahren wurden landauf, landab kommunale Stellen sozialverträglich abgebaut. Und das bedeutet: Viel zu wenige der Auszubildenden wurden übernommen. Viele Stellen, die frei wurden, wurden nicht mehr besetzt. Gleichzeitig setzte die Politik das Renteneintrittsalter auf 67 Jahre herauf. Unbestritten sind die heutigen 50-Jährigen gesundheitlich fitter als ihre Eltern und schon gar als ihre Großeltern. Das gleiche gilt für die 60-Jährigen. Der Anteil der körperlich schweren Arbeit ging in den vergangenen 30 Jahren zurück, Maschinen haben vielerorts zum Beispiel das schwere Heben übernommen.  Dennoch: Ob Müllabfuhr oder Bauhof – ganz ohne körperliche Arbeit geht es auch heute nicht. Und körperlich schwere Arbeit geht auf die Knochen, vor allem, wenn die Arbeit jahrein, jahraus ausgeführt wird. Kein Wunder, dass so manch einer zweifelt, ob er seinen Job selbst bei deutlich verbessertem Gesundheitsschutz bis 67 Jahre wird ausüben können. „Oder ob ein 55-Jähriger noch auf einem Gerüst oder auf einem Baum herumklettern kann“, ergänzt Munjak. Doch Schonarbeitsplätze gibt es schon lange nicht mehr und soll es auch in Zukunft nicht geben. Munjak sucht nach Arbeitsplätzen, die den Beschäftigten wie dem Betrieb entgegenkommen. Die Kombi-Teams gehören dazu, aber auch die Lastenfahrräder.

Dabei sind die Beschäftigten mit dem Fahrrad unterwegs und sammeln Müll ein – die Zigarettenschachtel auf dem Gehweg oder die Plastiktüte, die der Wind vor sich her treibt, die Pizzaschachtel, die die Raben aus dem Mülleimer stiebitzten und die nun auf der Straße liegt. Die Fahrer der Lastenfahrräder haben den Leichtmüll im Blick – jenen Müll, der den Bürgerinnen und Bürgern immer sofort negativ ins Auge sticht. Gefahren werden diese Fahrräder von Mitarbeitern des Bauhofes, die gesundheitlich eingeschränkt sind, zum Beispiel weil sie einen Herzinfarkt hatten, die sich zwar bewegen sollen, aber körperlich nicht mehr zu 100 Prozent belastbar sind. In Konstanz kommen Lastenfahrräder sehr gut an. Entsprechend positiv reagieren die Bürgerinnen und Bürger auf die Fahrer der Räder, was sich wiederum sehr positiv auf die Motivation auswirkt. „Sie wissen, dass sie gebraucht werden“, betont Munjak.

Es braucht keine Schonarbeitsplätze, es braucht sinnvolle Stellen. Allerdings muss bei diesen Stellen berücksichtigt werden, dass körperlich schwer arbeitende Menschen schneller altern. Und es braucht den Beschäftigten, dem bewusst ist, dass er seine in Jugendjahren erlernte Tätigkeit nicht unbedingt bis zur regulären Rente wird ausüben können. Berufsverlaufsmodelle sind für den Konstanzer Bauhofleiter Munjak deshalb das große Stichwort. Beispiel Baumpfleger. Sie können etwa bis 45 Jahre auf die Bäume klettern. Er kann sich zum Lageristen weiterqualifizieren oder umsteigen zum Maschinenführer. Er kann in einer Kombigruppe arbeiten oder als Kontrolleur tätig sein.

Munjak will die Beschäftigten dafür sensibilisieren, sich frühzeitig damit auseinanderzusetzen, dass sie altern und den einmal erlernten Beruf nicht mehr ausüben können. Denn manchmal ist eine Weiterbildung Voraussetzung für einen bestimmten Job. „Es ist immer schwierig, wenn ein Mitarbeiter mit einem Attest in der Hand darauf dringt, versetzt zu werden“, weiß er.