Modellprojekt demografischer Wandel

Spezialangebot für Kleingruppen

Demografieprojekt

Marburg

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Vor  30 oder mehr Jahren  war die Mehrzahl der  Erzieherinnen jung – Mitte 20 bis Mitte 30. Dann bekamen sie selbst Kinder, wurden Hausfrau und machten mit dem Job Schluss. Meistens jedenfalls. Heute ist es anders. Erzieherinnen kommen nach der Babypause selbstverständlich wieder zurück in die Kita, ob alleinerziehend oder nicht. Kann der Job aber bis 67 Jahren ausgeübt werden? Welche Entlastungen braucht es, damit die Frauen und bald vielleicht Männer in dem Job auch alt werden können ? Im Rahmen des ver.di-Projekts demografischer Wandel testen Kitas in Marburg, welche kleineren und größeren Veränderungen möglich und nötig sind.

Im Frühjahr 2012 ging es los. Es wurden Gespräche geführt und Bewerbungen gesichert. Denn eine der  Frauen, die die 55 schon überschritten haben und eine Zusatzqualifikation vorweisen konnten, sollte nicht mehr für eine spezielle Kinder-Gruppe zuständig sein. Vielmehr sollte sie in mehreren Kitas kleinen  Kindergruppen spezielle Themen nahebringen. Nun erkundet die Erzieherin mit der Kleingruppe den Wald, übt mit anderen die deutsche Sprache oder sorgt dafür, dass die Kinder mehr generell über die Umwelt erfahren. „Mit dieser neuen Funktion soll die Kollegin, aber auch das Team entlastet werden“, betont Doris Heuser, selbst Kita-Leiterin.  

Dass der demografische Wandel Kitas besonders trifft, ist nicht neu. Schon seit Jahren klagen Kita-Beschäftigte über die körperliche wie die psychischen Belastungen des Jobs, die sich besonders dann bemerkbar machen, wenn der Job eben nicht nur ein Lebensabschnittsberuf sein soll, sondern jahrzehntelang ausgeübt wird. Vor fast zwölf Jahren gründeten Kita-Beschäftigte in Marburg deshalb den Arbeitskreis „Älter werden in der Kita“, organisierten Veranstaltungen, drängten darauf, dass Gefährdungsanalysen erstellt wurden, befragten die Kita-Beschäftigten nach den subjektiven Belastungen der Arbeit und schlugen Lösungen vor wie einen verbesserten Schall- und Lärmschutz.

Im Arbeitskreis wurde auch die Idee geboren, älteren Kolleginnen die Möglichkeit zu eröffnen, umzusatteln – nach einer Zusatzqualifikation zu wechseln ins Umweltamt, zur Stadtbücherei oder ins Frauenbüro. Doch letztendlich hat niemand gewechselt. Weil die Frauen trotz der Belastungen an ihrem Job hängen, weiß Dieter Finger, Personalleiter der Stadt Marburg.

Die Spezialisierung auf Kleingruppen könnte eine Lösung sein – allerdings tatsächlich nur eine. Will man den älteren Kolleginnen entgegenkommen, wird es noch andere brauchen. Die Kollegin mit Spezialwissen aber ist ein Anfang. Die Stelle, die sie freimacht, wird ersetzt. Zudem werden die Gruppen und damit auch die anderen Kolleginnen entlastet. Denn wenn die spezialisierte Erzieherin mit fünf oder sechs Kindern singt, hat auch die Kollegin weniger Kinder in der Gruppe.  Das Modell wird ein Jahr lang geprüft. Dann wird entschieden, ob es mehr spezialisierte Kolleginnen unter den Kita-Beschäftigten in Marburg geben wird.

Doch das ist nicht alles, was in den Kitas in Marburg verändert wird. „Immer werden wir rausgerissen aus unseren Gruppen“, ist eine häufig geäußerte Klage. Zum Beispiel weil das Telefon klingelt: Eltern melden ihre Kinder krank zum Beispiel, Vertreter wollen vorbeikommen. Des Rätsels Lösung ist eigentlich banal: Es wurde ein Anrufbeantworter angeschafft und Servicezeiten eingerichtet. Ab und an ist nur der Anrufbeantworter zu erreichen – während der Mittagszeit zum Beispiel.

„Es funktioniert prima“, weiß Erzieherin Cordula Tschirschnitz. Jetzt gibt es feste Zeiten, an denen sich die Eltern an die Erzieherinnen wenden können. Hektische  Zwischen-Tür- und Angel-Gespräche – das war früher. „Weder die Kita-Leitung noch die Erzieherinnen in der Gruppe sind nun jederzeit verfügbar“, betont auch Elke Siegel-Engelmann, die Fachdienstleiterin Kindertagesbetreuung in Marburg. Die Folge: Jetzt wird auch ein Eltern-Gespräch nicht mehr von einem Telefongespräch unterbrochen. Das Ergebnis: Beide Seiten sind zufriedener – die Eltern und die Erzieherinnen. Zudem arbeitet eine Kita-Leiterin in Marburg nur noch vier Tage in der Einrichtung, den fünften Tag sitzt sie an ihrem Schreibtisch zu Hause. Mit diesem Homearbeitstag fällt es ihr leichter, die Betreuung ihrer betagten Mutter mit dem Beruf in Einklang zu bringen und die vielen Schreibarbeiten ungestört zu bewältigen

Für Dieter Finger, den Personalverantwortlichen der Stadt, steht es außer Frage, dass die Kommune auf die Herausforderungen des demografischen Wandels reagieren muss. Klar ist aber auch, dass es nicht nur darum gehen kann, die Arbeitsbedingungen für ältere Beschäftigte zu verbessern. Die Kommune muss auch von der neuen Arbeitsorganisation profitieren. Beispiel Spezialisierung: Dadurch können die Kinder besser gefördert werden – also ein Plus für die Stadt. Denn die Qualität der Kitas auf ihrer Gemarkung steigt. Und, so hofft die Verwaltung: Der Krankenstand unter den Erzieherinnen wird sinken, die Frauen werden länger als bisher im Beruf bleiben – vielleicht wirklich bis zum regulären Renteneintritt. Wiederum ein Plus für die Stadt und die Gesellschaft.