Modellprojekt demografischer Wandel

Bessere Technik und andere Arbeitsabläufe

Demografieprojekt

Jena

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Wer den alternden Belegschaften Rechnung tragen will, muss handeln und investieren: in bessere Technik und in andere Arbeitsabläufe. Angesetzt werden muss dabei an vielen Punkten. Wie das geht, zeigt der Kommunalservice Jena. Im Rahmen des ver.di-Modellprojekts „Demografischer Wandel - Beruf und Pflege besser vereinbaren – alternsgerechte Arbeitsbedingungen“ wurden in Jena unterschiedliche Lösungen gesucht und gefunden.

Die Laubsäcke waren für die Müllwerker immer ein Ärgernis besonderer Art. Eigentlich sollte nur Laub in diesen Säcken landen. Doch dem war meist nicht so. Auch Metallschrott und so manchen Rest aus dem Hausmüll  warfen die Bürgerinnen und Bürger in diese Spezialsäcke, die dann für die Müllabfuhr vor die Tür gestellt wurden. Wenn es dann auch noch regnete, saugten sich Säcke und Laub so richtig satt voll. Das Ergebnis: Manchmal brach der Sack durch und das Ganze landete auf dem Gehweg oder auf der Straße. Fast immer aber waren die Säcke richtig schwer. Ein Müllwerker, der einen Tag lang damit beschäftigt war, diese Säcke aufzusammeln, wusste, was er getan hatte. Ganz klar: Müllentsorgung ist eine schwer körperliche Arbeit und wird es auch bleiben. Aber es muss darum gehen, diese Arbeit weniger anstrengend zu machen. So jedenfalls sehen es in Jena Personalrat und Arbeitgeber. Deshalb gab es in Sachen Laubsäcke nur zwei Möglichkeiten: die Laubsäcke verkleinern oder abschaffen. Die Räte folgten der Argumentation der Vertreter des Kommunalservice und schafften die Laubsäcke ab.

Das Durchschnittsalter in den Belegschaften steigt – auch in den Kommunen, auch beim Kommunalservice in Jena. Doch es fehlen die Erfahrungswerte, wie die Abfallwirtschaft organisiert werden muss, damit die Beschäftigten bis zum regulären Renteneintritt in diesem  Bereich auch arbeiten können. Oder aber in andere Jobs wechseln müssen. Das war der Grund, warum sich der Kommunalservice Jena am ver.di-Modellprojekt beteiligte. Denn im Rahmen des ver.di-Projekts wird zusammen mit den Beschäftigten nach Lösungen gesucht. So auch in Jena.

Zusammen mit den Beschäftigten

Am Anfang stand ein Workshop: Beschäftigte, Personalrat und Führungskräfte trugen zusammen, wo die Probleme liegen. Dabei wurde auch eines deutlich: In der Regel kaufen Vorgesetze neue Maschinen ein. Die Menschen, die dann tagein, tagaus mit diesen Maschinen arbeiten müssen und eigentlich die Fachleute dafür waren, kommen oft nicht zu Wort. Das ist einer der Punkte, die sich in Jena änderten. Und so sind die zwei Niederflur-Müllwagen inzwischen wieder mit drei Mann besetzt. Der Hintergrund: Wenn nur zwei Müllwerker auf dem Wagen sind, muss der Fahrer bei bestimmten Müllbehältern aus dem Auto steigen und mithelfen. Dass das Rausspringen belastet, war vor dem Workshop kein Thema – zumindest nicht bei den Vorgesetzten.

Oder Beispiel Brunnenwartung: Das Brunnenteam ist immer mit schwerem Gerät unterwegs. Früher benutzte das Team einen offenen Wagen. Das hatte zur Folge, dass die Geräte zum Feierabend immer wieder zurück in den Bauhof gebracht werden mussten. Inzwischen wurde ein verschließbarer Hänger angeschafft, so dass die Rückfahrt zum Betriebsgelände entfällt.

Callcenter beantwortet Bürgerfragen

Das ist aber nicht alles, was sich beim Kommunalservice Jena geändert hat: So wurden neue Stellen im betrieblichen Callcenter geschaffen. Hier arbeiten Gärtnerinnen und Gärtner, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr draußen arbeiten können. Am Telefon beantworten sie nun die Fragen der Bürgerinnen und Bürger. Zum Beispiel, wann nach Feiertagen die Mülleimer geleert werden, wann gemäß Plan die Straßenreinigung vorbeikommt oder wie Container bestellt werden können. Bisher wurden diese Bürgerinnen und Bürger zur Einsatzleitung durchgestellt, die dann zu ihrer eigentlichen Arbeit nicht mehr kam.

Zudem arbeitet der Kommunalservice an Berufsverlaufsmodellen. Dazu wurden in den Arbeitsgruppen, die im Rahmen des Projektes tagten, die einzelnen Tätigkeiten in schwere, mittelschwere und leichte Tätigkeiten kategorisiert. Die Kategorien sollten die Frage beantworten, welche Arbeiten in welchem Alter beziehungsweise mit welchen gesundheitlichen Handicaps noch möglich sind und welche nicht. Wann helfen Umorganisationen des Arbeitsplatzes, wann ist eine Weiterbildung zum Beispiel zum Kraftfahrer möglich und erwünscht, unter welchen Voraussetzungen kann ein anderer Arbeitsplatz eine Lösung sein?

Straßenbegeher suchen nach Schlaglöchern

„Wir haben keine Schonarbeitsplätze und werden auch keine bekommen“, betont Uwe Feige, Chef des Kommunalservice Jena. Er will reguläre Arbeitsplätze, weil nur sie wirtschaftlich sind, weil nur sie den Beschäftigten Selbstbewusstsein geben. So gibt es inzwischen in Jena Straßenbegeher. Hier setzt der Kommunalservice auf die Erfahrung und das Wissen älterer Beschäftigter. Sie gehen raus und inspizieren die Fahrbahnen. Finden sie Schlaglöcher, dann machen sie einen Reparaturplan, schreiben die Arbeiten aus und kontrollieren die Reparatur. Zudem gibt es inzwischen eine Waschanlage für die Nutzfahrzeuge. Ein Maurer, der aus gesundheitlichen Gründen keine Steine mehr schleppen konnte, reinigt nun die Fahrzeuge und erledigt auch kleinere Reparaturen mit.

Eines aber ist auch klar: „Wir können nicht mal schnell neue Aufgaben aus dem Boden stampfen“, stellt Feige klar. Deshalb müsse vorausschauend geplant werden. Das gelte auch für die Beschäftigten. Sie müssten sich mit dem Gedanken anfreunden, dass viele Berufe „Berufe auf Zeit“ sind; dass die Beschäftigten nicht ein Leben lang die gleiche Arbeit tun können, sondern aus gesundheitlichen Gründen umsatteln müssen. Was auch eine Chance für eine neue Herausforderung und neue Perspektiven sein kann. Aber das heißt auch: Die Kolleginnen und Kollegen müssen bereit sein, sich weiterzubilden. Auch beziehungsweise gerade, wenn sie bereits über 50 Jahre alt sind.