Modellprojekt demografischer Wandel

„Wir müssen handeln“

Demografieprojekt

Landesbetrieb für Straßenbau Saarland

Winterdienst Landesbetrieb für Straßenbau Saarland Winterdienst

Marlies Niehren, Leiterin des Fachbereichs Personal und Organisation des saarländischen Landesbetriebs für Straßenbau, ist sich sicher: Es ist höchste Zeit, dass sich gerade der öffentliche Dienst den Herausforderungen des demografischen Wandels stellt. „Die Probleme werden offensichtlich“, sagt sie: „Wir müssen handeln.“

Wer Betriebe für den Straßenbau kennt, der weiß: Von den Beschäftigten werden Tätigkeiten abverlangt, die körperlich fordern. Kein Wunder, dass viele der Beschäftigten jenseits der 45 Jahre über gesundheitliche Beschwerden klagen. Einige von ihnen können nicht mehr in der Nachtschicht arbeiten, andere nicht mehr schwer heben. Manchen wiederum macht die Vibration verschiedener Maschinen so sehr zu schaffen, dass sie bei diesen Arbeiten nicht mehr eingesetzt werden können. Viele von ihnen fragen sich, wie sie bis zum regulären Renteneintritt von derzeit 67 Jahren durchhalten sollen, weiß der Beauftragte des Personalrats, Hartmut Eisinger. Aber es sind nicht nur die körperlichen Belastungen, die zu Einschränkungen im Arbeitsalltag führen. Immer öfter machen den Beschäftigten auch die psychischen Belastungen zu schaffen.

In einigen Bereichen sind die Beschäftigten inzwischen durchschnittlich schon über 50 Jahre. Weil das Durchschnittsalter steigt, nimmt auch die Zahl der Beschäftigten mit entsprechenden Einschränkungen zu.

„Wir brauchen ein Regelwerk, das festlegt, wie der Landesbetrieb bei Mitarbeitern vorgeht, die schwer körperlich arbeiten müssen“, sagt Niehren und meint damit: Wie können – trotz körperlicher Schwerstarbeit - Erkrankungen vermieden werden? Zum Beispiel, indem genau hingeschaut wird, welche Technik zum Einsatz kommt. Vielleicht können die Wagen so konstruiert werden, dass sie die Gesundheit der Beschäftigten weniger stark beanspruchen. Und welche Möglichkeiten gibt es andererseits für Mitarbeiter, die nach Jahren körperlich schwerer Arbeit bestimmte Tätigkeiten nicht mehr ohne weiteres ausüben können? „Wo setze ich die Leute ein, die 40 Jahre im Straßenbau gearbeitet haben?“, lautet eine der Fragen, die Niehren umtreiben. Denn nicht alle können oder wollen umsatteln und in der Verwaltung arbeiten. Und sie weiß auch: Manchmal bricht für die Kollegen eine Welt zusammen, wenn sie erfahren, dass sie nicht mehr auf der Straße arbeiten können.

Zunächst gab es mehr Fragen als Antworten. Zwei Außendienststellen und ein Bereich in der Verwaltung wurden in das ver.di-Demografie-Projekt einbezogen. Für alle Probleme wurden Lösungen gesucht - für die, die unter die Rubrik alternsgerechte Arbeitsplätze gehörten, und auch für vieles andere, was den Kolleginnen und Kollegen schon lange auf den Nägeln brannte. Wie die Sache mit dem Trockenschrank. Weil in einigen Außenstellen kein Trockenschrank existierte, wussten die Kolleginnen und Kollegen an Regen- oder Schneetagen nicht wohin mit ihrer nassen Kleidung. Kaum angesprochen, dass ein solcher Schrank fehlt, war auch schon einer angeschafft. „Ich wusste nicht, dass es in den Außenstellen keinen Trockenschrank gab“, räumt Michael Hoppstädter, Direktor des saarländischen Landesbetriebes für Straßenbau, ein. Dass miteinander geredet wurde, hat dieses Manko offenbart.

Auch in diesem Projekt wurden Workshops organisiert, auch hier tagten Arbeitsgruppen, auch hier wurde zusammen mit den Beschäftigten nach Lösungen gesucht. Das Ergebnis: Nun gibt es einen Saarlandtrupp, eine spezielle Kolonne älterer Beschäftigter, die sich um das Radwegenetz kümmert.

Solche Spezialeinheiten sind für den Betrieb sinnvoll, denn es werden wichtige – oft zusätzliche - Aufgaben abgedeckt. Zudem sind solche Stellen, solche Spezialeinheiten ideal für Beschäftigte mit gesundheitlichen Einschränkungen. Allerdings fehlen diese Beschäftigten für die reguläre Aufgabenerledigung und insbesondere im Winterdienst. Mit der Folge, dass die hier verbliebenen Beschäftigten deutlich stärker – vielleicht sogar zu stark – beansprucht werden. „Damit besteht die Gefahr, dass wir aus den Jungen und Gesunden, die Kranken von morgen machen“, gibt Niehren zu bedenken – vor allem, wenn es nur wenige oder gar keine zusätzlichen Stellen gibt.

Die Beschäftigten waren es, die ihre tägliche Arbeit kategorisierten – in leicht, mittel und schwer. Der Hintergrund: Nicht immer werden körperliche Belastungen vom Chef oder von Außenstehenden genauso eingeschätzt wie von den Mitarbeitern, die die Tätigkeit ausüben. Dabei zeigte sich auch hier: Die Kollegen gingen sehr realistisch an die Bewertung. Das Ergebnis: Auch im Grunde schwere Tätigkeiten sind ohne weiteres akzeptabel, wenn sie nur eine kurze Zeit ausgeübt werden. Und vermeintlich leichte Tätigkeiten können ganz schön anstrengen, wenn sie über Tage oder gar Wochen ausgeübt werden. Das muss Folgen haben für die Arbeitsorganisation: So dürfen belastende Tätigkeiten immer nur für eine kurze Zeit eingeplant werden und nicht für den gesamten Arbeitstag.

„Wir brauchen neue Modelle“, betont Personalrat Hartmut Eisinger. Und er meint: Es braucht sinnvolle Stellen, auf denen die Beschäftigten entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit eingesetzt werden können und auf denen die Beschäftigten ihre Erfahrungen und ihr Wissen einbringen können. Ansätze zu solchen neuen Modellen soll auch das ver.di-Projekt demografischer Wandel aufzeigen. Es gehe darum zu sehen, wo Handlungsspielräume liegen und wo vielleicht an der Arbeitsorganisation Änderungen vorgenommen werden können und auch müssen.

Dennoch: Hoppstädter sieht Grenzen. Weil es eben nicht genügend Umstiegsarbeitsplätze gibt, trotz der Spezialtrupps. Weil es auch immer eine Frage der Bezahlung ist. Für Arbeitnehmer und Personalrat ist klar, dass Umsteiger finanziell keine Nachteile haben dürfen. Derzeit ist das so. Ob dies auch in Zukunft gewährleistet wird, lässt Hoppstädter offen.