Modellprojekt demografischer Wandel

Mehr Verantwortung für die Kolonnen

Demografieprojekt

Osnabrück

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Berufsverlaufmodelle, altersgemischte Kolonnen und eine verbesserte Technik – der ServiceBetrieb Osnabrück setzt in Sachen Demografie auf ein Bündel von Maßnahmen. Zu diesem Bündel gehört auch, dass Ausbildung weiterhin groß geschrieben wird. Der ServiceBetrieb will die Älteren so lange wie möglich im Betrieb halten – auch damit das Wissen, das diese Kolleginnen und Kollegen angesammelt haben, dem Betrieb zur Verfügung steht und damit sie dieses Wissen an die Jungen weitergeben.

Die Initiative ging vom Chef aus: Als Axel Raue,  Betriebsleiter des Osnabrücker ServiceBetriebes, in einer ver.di-Publikation einen Artikel über Demografie las, fing er Feuer. Der ServiceBetrieb sollte auch mitmachen, auch Lösungen für die Herausforderungen des demografischen Wandels finden. Dass Raue auch flexiblere Arbeitszeiten im Blick und dabei bis dato beim Personalrat auf Granit gebissen hatte, leugnet er nicht. Aber für den Betriebsleiter sind flexible Arbeitszeiten – im Gegensatz zur Position des Personalrats –Teil von alternsgerechten Arbeitsplätzen, sagt er. Indem die Kolonnen anders agieren könnten.

Der Grund, warum beim ServiceBetrieb Osnabrück überhaupt über alternsgerechte Arbeitsplätze nachgedacht wird, liegt auf der Hand: Das Durchschnittsalter der Belegschaft liegt derzeit bei 47 Jahren, Tendenz steigend. Fachkräftemangel ist beim ServiceBetrieb noch ein Fremdwort. „Wir bilden viele junge Leute aus“, – sagt Raue. Sie ersetzen dann all jene, die in Rente gehen. Dennoch: In zehn Jahren, wenn sich die Babyboomer aus der Erwerbstätigkeit verabschieden,  könnte es eng werden. Dann besteht die Gefahr, dass viel Wissen mit in Rente geht – es sei denn, der Betrieb bereitet sich gezielt auf die Situation vor und sorgt dafür, dass die Älteren ihr Wissen an die Jüngeren weitergeben können.

Die demografische Entwicklung aber ist nicht das einzige Thema des Servicebetriebs: 2010 fusionierte die Politik die Eigenbetriebe Grün und Abfallwirtschaft, sowie die Straßenunterhaltung zum Osnabrücker ServiceBetrieb. Die Belegschaften beider Betriebe fühlten sich übernommen und hatten schlimme Befürchtungen, wo sie künftig eingesetzt werden: Die Gärtner sahen sich  bereits als Lader der Müllwagen, die Müllwerker hatten die Sorge, künftig in den Rabatten zu stehen. Kein Wunder, dass es um die Arbeitszufriedenheit nicht zum Besten stand. Entsprechend skeptisch waren die Beschäftigten, als das Projekt Demografie startete. Denn wirklich erpicht waren die Beschäftigten nicht darauf, dass schon wieder Veränderungen anstehen sollten.   

Beim ersten Workshop, bei dem das Projekt und dessen Verlauf erläutert wurde, machten viele Beschäftigte ihrem Ärger über den bisherigen Fusionsprozess Luft, erinnert sich Personalrat Wilhelm Koppelmann. Hinzu kam:  Viele Beschäftigten befürchteten, dass sie über den Tisch gezogen werden sollten. Doch die Stimmung änderte sich bald – auch weil Vorschläge der Belegschaft – wenn es möglich war – schnell umgesetzt wurden: So kritisierten die Beschäftigten, dass es anstrengend ist, die vielen unterschiedlichen Elemente für Straßenabsperrungen zu transportieren. Kurzerhand bestellte die Betriebsleitung neue, einheitliche Absperrungen.

Oder die Besenstile. Weil es nur eine Länge Besenstile gab, litten die großen Beschäftigten wie die kleinen. Unhandlich, anstrengend – lautete das Urteil der Männer und Frauen, die die Straßen kehren mussten. Inzwischen gibt es Besen mit unterschiedlichen Längen, die dem Kehren einen Teil der Anstrengung nehmen. Oder die Sache mit den Bordsteinen. Bisher wurden sie bei Straßenarbeiten per Hand rausgehoben, nun wurde eine Maschine angeschafften, die die Bordsteine ruck-zuck heraushebt. Und Raue gibt zu: „Ich wusste gar nicht, dass wir früher keine solche Maschine hatten.“ Er hat dies bei einem der Arbeitsgruppentreffen des Demografieprojektes erfahren.

Mit jedem Treffen wurde auch die Kommunikation zwischen Geschäftsführung und Belegschaft ein bisschen besser, mit jedem Treffen nahm das gegenseitige Vertrauen zu. In den vergangenen Monaten wurde so der Fusionsprozess nachgeholt. Wobei es eben auch um alternsgerechte Arbeitsplätze ging. Denn wenn die Männer – wie bei den Bordsteinen - nicht mehr so stark zupacken müssen, können auch Ältere länger bei ihrem Job bleiben. Die Beschäftigten kategorisierten ihre Arbeiten in leicht, mittel und schwer. Wobei auch da auf die Geschäftsführung ein Aha-Moment wartete: Denn entgegen der Annahme der Chefs wurde das Mähen an den   Straßenleitpfosten als schwer eingestuft – nicht weil dafür körperliche Anstrengung nötig ist, sondern weil sich der Fahrer auf die dafür verwendete Maschine stark konzentrieren muss.

Arbeitserleichterung durch bessere Technik ist das eine, andere Arbeitseinteilung in den Kolonnen und Berufsverlaufsmodelle sind das andere. Das Ziel: Mehr Arbeitsplätze, auf die Kolleginnen und Kollegen wechseln können, wenn sie die Arbeit in den altersgemischten Kolonnen nicht mehr schaffen. „Es muss darum gehen, die Leute so lange wie möglich im Betrieb zu halten“, meint Raue – auch aus sozialen Gründen, denn eine Frühverrentung bezahlen die Betroffenen immer mit erheblichen finanziellen Einbußen. Es sind Gespräche mit dem Hauptamt geplant, damit künftig nicht nur im Eigenbetrieb nach alternativen Stellen gesucht werden kann, sondern im ganzen Stadtgebiet.

Zudem macht der ServiceBetrieb kräftig Werbung für die Langzeitkonten. Es gibt eine Dienstvereinbarung, die genau regelt, wie viele Stunden im Jahr höchstens auf das Konto transferiert werden können. Damit soll verhindert werden, dass sich die Menschen abrackern, nur um das Konto zu füllen. Raue ist davon überzeugt, dass eben nicht nur Angestellte ein solches Konto nutzen – vorausgesetzt es wird über das Konto informiert und auch dafür geworben. Genutzt werden kann das Guthaben für alles Mögliche  – für den Hausbau, die Kinder oder eine echte Auszeit. Wobei es dem Servicebetrieb am liebsten wäre, die Beschäftigten sparten tatsächlich für einen früheren Einstieg in die Rente.

Und was passiert in Sachen Gesundheitsförderung beim ServiceBetrieb? Für 22,50 Euro Eigenbeteiligung im Monat können die Mitarbeiterinnen in Osnabrück Fitnessstudios und Bäder besuchen. „Wir können nur das Angebot machen – hin und trainieren müssen die Leute aber selbst“, sagt Raue. Leider greift nur ein Teil der Beschäftigten dieses Angebot auf.

Der ServiceBetrieb Osnabrück ist noch mitten im Projekt – einzelne Vorschläge, einzelne Maßnahmen müssen sich erst noch bewähren.  Und bei einem lässt die Geschäftsführung auch nicht locker: bei den flexiblen Arbeitszeiten. Allerdings sollen die Kolonnen jetzt selbst bestimmen, wann in der Früh begonnen wird, wann am Nachmittag Schluss ist. Ob die Kollegen bei Regen nach Hause gehen oder die Werkstatt aufräumen. Dieses hat der Personalrat durchgesetzt. Statt im Sommer wie im Winter um 07.00 Uhr zu beginnen, können die Kollegen nun bereits um 06.30 Uhr starten. Es gelten zudem Ziele: Bis zum November muss das Laub eingesammelt sein, bis zum 1. April das Streugranulat aufgekehrt. Und weil im Frühjahr und Frühsommer – je nach Witterung – mehr gemäht werden muss, sind die Kolonnen in diesen Monaten stärker beansprucht. Wann die Arbeiten gemacht werden, „entscheidet die Kolonne“. In eigener Verantwortung.