Modellprojekt demografischer Wandel

Alternsgerechtes Arbeiten fängt bei der Ausbildung an

Fachtagung

Demografische Entwicklung

Renate Sternatz Bender Renate Sternatz

Es gibt viele Möglichkeiten, vor Ort alternsgerechtes Arbeiten zu gestalten und Belastungen zu verringern. Das ist das Fazit der Demografie-Projekte, die ver.di in Kooperation mit verschiedenen Partnern begleitet hat. In einer Veranstaltung Ende Mai in Kassel wurden die Projekterfahrungen diskutiert. Welche Schlüsse aus den beiden Projekten gezogen werden müssen, beschreibt Renate Sternatz, Bereichsleitern Gemeinden, in einem Interview mit verdi.de.

ver.di hat bei einer Tagung ihre Demografie-Projekte bewertet. Gibt es ein Fazit?

Sternatz: Als Fazit kann ich sagen: Beide Projekte haben gezeigt, dass es eine Vielzahl betrieblicher Möglichkeiten gibt, um den Herausforderungen des demografischen Wandels zu begegnen. Es gibt zudem eine Vielzahl von Möglichkeiten, bei der Prävention anzusetzen. Schon mit der Ausbildung muss  mit gesundheitlicher Vorbeugung begonnen werden.  Denn im Zentrum steht: Arbeit darf nicht krank machen. Und damit ist auch klar: Krankheit ist kein individuelles Problem, Krankheit hängt mit dem Arbeitsplatz zusammen und es muss alles daran gesetzt werden, krankmachende Faktoren bei der Arbeit zu beseitigen oder zumindest zu minimieren. Das Projekt zeigt, dass Beschäftigte gesund in die Rente oder in Pension gehen können, und dass es Möglichkeiten gibt, auch Beschäftigte, die gesundheitlich schon angeschlagen sind, im Betrieb zu halten statt sie sozusagen krank und mit Rentenabschlägen nach Hause zu schicken.

Beide Projekte hatten unterschiedliche Ansätze.

Sternatz: Das stimmt. Aber sie hatten auch Gemeinsamkeiten. Zunächst: Beim Demografieprojekt haben Betriebe zusammen mit ver.di nach Lösungen vor Ort gesucht, wie alternsgerecht gearbeitet werden kann. Es wurde dabei nach Belastungen gefragt, und genau unter die Lupe genommen, wie diese Belastungen in den unterschiedlichsten Bereichen reduziert werden können. Zehn Betriebe und Verwaltungsbereiche haben an diesem Projekt teilgenommen, das übrigens immer noch läuft. Es waren Grünbereiche dabei, Kitas, der Bereich Zahngesundheit eines Landkreises, ein Bauhof, ein Landesstraßenbauamt. Derzeit läuft noch das Kita-Projekt in Bochum und das Projekt im Palmengarten der Stadt Frankfurt am Main.

ZuWags – Zusammen wachsen, Arbeit gestaltengestalten – hatte den Fokus auf die Frage gelegt, welche Rolle Tarifverträgen bei Demografiefragen zukommt. An diesem Projekt, das inzwischen abgeschlossen ist, haben sich sechs Dienststellen beteiligt.

Wie können diese betrieblichen Möglichkeiten aussehen?

Sternatz: In den Projekten wurden Berufsverlaufsmodelle entwickelt. Denn es hat sich gezeigt, dass es zahlreiche berufs- bzw. tätigkeitstypische Belastungsfaktoren im Laufe des berufslebens wirken. Deshalb müssen Wege gefunden werden, wie die betroffenen Beschäftigten weiterqualifiziert werden können. Personalentwicklung ist das große Stichwort. Personalentwicklung darf nicht nur bei Führungskräften ansetzen. Es muss auch darum gehen, Beschäftigten eine Perspektive zu geben. Und dazu gehört auch, diese Perspektive zusammen mit den Betroffenen zu entwickeln – nicht erst dann, wenn sie krank sind und nicht mehr in ihrer bisherigen Tätigkeit arbeiten können. Gesundheitsförderung setzt in der Ausbildung an und im Verlauf der Berufstätigkeit müssen weitere Perspektiven entwickelt werden. Das macht deutlich: Gesundheitsfördernde Führung  und gute Arbeitsbedingungen dürfen nicht erst dann Thema sein, wenn der Rücken schon schmerzt und die Gelenke bereits streiken. Vorbeugung heißt: Es darf erst gar nicht so weit kommen.

Dabei sind die Betriebe gefragt?

Sternatz: Ja,  die Betriebe aber auch die Beschäftigten. Die Betriebe und Verwaltungen müssen mit der Personalentwicklung die Möglichkeiten dafür schaffen, dass die Beschäftigten umsteigen können – wenn es gesundheitlich erforderlich ist oder schlicht  wenn sie umsteigen wollen, weil sie neue Herausforderungen suchen. Und die Beschäftigten – wenn die Gesundheit nicht mehr mitmacht und sie eine andere Stelle brauchen – sollten diese Chancen ergreifen und sich darauf einlassen. Das alles sollte rechtzeitig passieren – damit Zeit bleibt,  zur Qualifizierung. Den ersten Schritt und zeitlich gesehen viel früher muss der Personalbereich handeln und ein strukturiertes verfahren für Berufsverlaufsmodelle entwickeln und adäquate Stellen  bereithalten.

Und was muss in den Betrieben passieren?

Sternatz: Die Projekte haben gezeigt, dass die Führungskräfte gefragt sind. Sie müssen dafür sorgen, dass Belastungen wechseln. Denn Beschäftigte empfinden eine Arbeit dann als besonders belastend, wenn sie über lange Zeiträume  ausgeübt wird. Freischneiden zum Beispiel. Wird diese Tätigkeit nur einen halben Tag lang ausgeübt, wird sie von den Beschäftigten als unproblematisch eingestuft. Wenn sie ganztägig oder sogar tagelang für diese Arbeit eingeteilt sind, geht Freischneiden auf die Knochen. Die Führungskräfte müssen das Team so zusammenstellen, dass diese Wechsel möglich sind, sie müssen Überlastung durch die Teamorganisation verhindern. Bisher sehen viele Führungskräfte das Organisieren dieser Belastungswechsel nicht als ihre Aufgabe. Zudem sind sie oft dafür nicht geschult. Das muss sich ändern.

Hinzu kommt: Belastungswechsel sind nur dann möglich, wenn das Team heterogen zusammengesetzt ist – junge wie auch ältere Mitarbeiter. Die politische Führung muss sich deshalb mit der Altersstruktur eines Betriebes auseinandersetzen. Es braucht Heterogenität, das ist die beste Voraussetzung  Wissen und Erfahrung an die nächste Generation weiterzugeben.

Manchmal wurden aber auch einfache Lösungen gefunden?

Sternatz: Allerdings. Da zeigte sich, dass es sich lohnt, die Beschäftigten als die Experten ihrer Arbeit schlechthin einzubeziehen. Vielerorts passiert das offenbar nicht. Dann werden teure Geräte angeschafft, die der Gesundheit mehr schaden als nützen. So klagten Beschäftige der Bauhöfe und bei der Müllabfuhr über die hohen Einstiege in die Fahrzeuge. Wenn sie oft ein- und aussteigen müssen, weil sie alleine unterwegs sind, sind solche hohen Einstiege belastend. Außerdem sollten die Sitze so ausgestattet sein, dass der Rücken längeres Sitzen nicht mit Schmerzen beantwortet. In Wolfsburg wurden Laubpuster so ausgestattet, dass sie mit beiden Händen gehalten werden können – weil die Beschäftigten damit besser arbeiten können. Und dass Traktoren mit großen Glasfenstern eine Klimaanlage haben sollten, leuchtet eigentlich ein. Gewerkschaften, Berufsgenossenschaften müssen wieder verstärkt die Ergonomie in den Blick nehmen. Es sah jahrelang so aus, als wenn es auf dem Bereich nichts mehr zu tun gäbe. Aber das stimmt offensichtlich nicht.

Was waren die Hauptfaktoren, die die Belastung am spürbarsten verringerten?

Sternatz: Das kann man so nicht sagen. Es gibt verschiedene Faktoren, die vor Ort in Betracht gezogen werden müssen und für die Lösungen gefunden werden müssen: Das sind Änderungen im Arbeitsablauf, die Einführung von Kurz- oder Bewegungspausen, Änderungen in der Routenplanung gerade bei den Bauhöfen und der Müllabfuhr oder bei der Straßenreinigung, das sind Veränderungen in der Teamstruktur, auch Vertretungsregelungen brachten deutliche Entlastungen. Möglich ist aber auch eine Reduzierung der Öffnungszeiten und Änderungen bei der betrieblichen Beschaffung.

Trotz all dieser Änderungen bleibt die Leistungsfähigkeit von uns allen nicht konstant.

Sternatz: Natürlich. Wir werden älter. Und das ist schön. Wir bleiben auch fitter als unsere Eltern und Großeltern. Aber ein Betrieb, eine Verwaltung braucht Junge und Alte. Studien haben gezeigt, dass die Erfahrung der Älteren die körperliche Leistungsfähigkeit der Jüngeren wettmacht. Unser Ziel muss sein: Arbeit darf nicht krank machen. Die Rahmenbedingungen im Betrieb, in den Verwaltungen müssen so gestaltet sein, dass wir gesund in Rente gehen.

Was passiert mit den Projekten?

Sternatz: Auch die beiden noch laufenden Teil-Projekte werden bald abgeschlossen sein. In einer Broschüre haben wir die Projekte und die Erfahrungen in einer Zwischenbilanz dargestellt. Aus unserer Sicht haben diese Projekte Vorbildfunktion. Es war super, dass die Betriebe mitgemacht haben und so engagiert nach neuen Lösungen gesucht haben – die beiden Seiten nützen, den Betrieben und Verwaltungen wie den Beschäftigten. Wir werden alles daran setzen, dass wir auf dem Erreichten aufbauen können.

Die spezielle Frage, die beim Projekt ZuWags im Raum stand, lautete: Wo sind die Grenzen der betrieblichen Gestaltung? Wann braucht es Tarifverträge, um die Rechte der Beschäftigten zu sichern und einen fairen Wettbewerb zu gewährleisten? Denn Tarifverträge sichern, dass alle nach den gleichen Regeln spielen, dass alle unter den gleichen Bedingungen arbeiten.

Fragen von Jana Bender/Juni 2016

Mehr Berichte zu den Demografieprojekten stehen unter:

https://kommunalverwaltung.verdi.de/projekte_1/demografieprojekt-zuwag-strassendienste/++co++43419ac6-22a6-11e6-8c41-525400438ccf

https://gemeinden.verdi.de/projekte/modellprojekt-demografischer-wandel/++co++c5832150-cfa4-11e3-8ad0-52540059119e