Modellprojekt demografischer Wandel

Bereich Grün entwicklet Berufsverlaufsmodelle

Demografieprojekt

Wolfsburg

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Körperlich schwere Arbeit geht an die Knochen. Kein Wunder, dass in vielen Berufen gar nicht daran zu denken ist, bis zum regulären Renteneintritt in seinem einst gelernten Beruf zu bleiben. Welche Möglichkeiten aber gibt es für einen Umstieg? Wie können Berufsverlaufsmodelle aussehen? Diesen Fragen wollte die Stadt Wolfsburg nachgehen, als sie sich dazu entschloss, an dem ver.di-Projekt zum demografischen Wandel teilzunehmen. Inzwischen wurden Berufsverlaufsmodelle erarbeitet, über Arbeitsorganisation debattiert und in Maschinen investiert. Und bei den beiden Pilotprojekten soll es nicht bleiben. Die Stadt denkt darüber nach, wie das Projekt auf andere Ämter und Abteilungen übertragen werden kann.

Sven Schimak, Personalrat Geschäftsbereich Grün, war skeptisch, ob das Projekt funktioniert. Schon zwei Beratungsunternehmen hatten sich an Wolfsburg versucht. Beide sollten optimieren, „aber letztendlich ist nichts passiert“, erinnert er sich. „Werden sich die Kolleginnen und Kollegen ein drittes Mal auf ein solches Projekt einlassen?“, fragte sich Schimak.  Oder haben die Kolleginnen und Kollegen von Beratungen die Nase voll?

Heute weiß er, seine Skepsis war unbegründet. Alle Beschäftigten der beiden Bereiche – 230 Beschäftigte des Geschäftsbereichs Grün und 100 des Grundstücks – und Gebäudemanagements – wurden ins Boot geholt und haben sich auch aktiv am Projekt beteiligt. Sie wurden über ihre Arbeit befragt, kategorisierten ihre Tätigkeiten in leicht, mittel und schwer ein, analysierten den Tagesablauf. „Dabei kam nicht nur Negatives zu Tage, sondern es zeigte sich, dass die Kolleginnen und Kollegen längst Lösungssätze parat hatten“, erinnert sich Schimak. So wurde deutlich, dass die Laubbläser, mit denen die Beschäftigten arbeiteten, alles andere, nur keine gute Investition waren. Inzwischen wurden neue Laubbläser angeschafft.

„Jeder, der mitarbeiten wollte, konnte sich beteiligen“, betont auch Peter Wagner, Gesamtpersonalratsvorsitzender der Stadt und von Anfang an ein großer Befürworter des Projekts. Er erinnert sich: „Es wurde deutlich, dass vieles organisatorisch gelöst werden kann.“ Dazu aber müssen die einzelnen Tätigkeiten genau unter die Lupe genommen und beurteilt werden. Und dazu braucht es eine intensive Kommunikation zwischen den Chefs und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Wagner selbst verordnete sich einen Praxistag bei der Crew des Geschäftsbereichs Grün. Weil er wissen wollte, wie sich ein Arbeitstag genau gestaltet. Heute weiß er: Mehrere Stunden Mähen mit dem Freischneider ist nicht von Pappe und geht ganz schön auf die Knochen.

Ob eine Arbeit als sehr oder weniger belastend eingestuft wurde, hing aber nicht nur von der Arbeit an sich ab, sondern auch davon, wie lange sie ausgeübt werden sollte. Also: Eine Stunde Freischneiden pro Tag ist für die Beschäftigten meist kein Problem. Einen ganzen Tag auf diese Art zu mähen oder gar eine ganze Woche – das sollte es auf keinen Fall sein. Das gleiche trifft auch auf das Arbeiten mit der Motorsäge zu: Einen Baum fallen, scheint eine der leichteren Übungen. Wochenlang Bäume fällen geht auf die Gesundheit.  

Aber weil mit größeren Gruppen Arbeiten weit besser auf  viele Köpfe aufgeteilt werden können, wurde in Wolfsburg umorganisiert: Nun gibt es nicht viele kleine Einheiten, sondern nur eine große Kolonne. Und der Vorarbeiter hat die Aufgabe, die Verantwortung und die entsprechenden Hilfsmittel, die anfallenden Tätigkeiten auf die Crew zu verteilen. „Das hat sehr gut funktioniert“, weiß Wagner. Zurück zu kleinen Teams will deshalb derzeit niemand.

In dem Projekt wurden nicht nur die einzelnen Tätigkeiten genau analysiert, sondern auch Berufsfelder wie die Baumpflege, das mobile Grün, also die Pflanzen in Kübeln, Kraft- und Sonderfahrten und die Papierkorbkolonnen. Dabei stand die Frage im Mittelpunkt: Wie viele Jahre können diese Tätigkeiten ausgeübt werden? Welche Rolle spielt die Erfahrung, die die Beschäftigten während ihrer Berufslaufbahn ansammeln? Gibt es Tätigkeiten, die in der Regel bis zum Renteneintrittsalter ausgeübt werden können? Welche Umstiegsmöglichkeiten gibt es?

Beispiel: Es gibt kaum Baumpfleger, die bis 67 in den Bäumen arbeiten können. Das jedenfalls sagt die Erfahrung. Welche Stellen können Baumpflegern angeboten werden, bei denen auch das Wissen gefragt ist, das Baumpfleger mit sich bringen. In Wolfsburg wird älteren Baumpflegern angeboten, Baumkontrolleur zu werden. Mitglied der Papierkorbkolonne - also Teil der Crew, die darauf achtet, dass die Papierkörbe in der Stadt auch nach heißen Sommertagen nicht überquellen – zu sein, ist auch für ältere Ungelernte möglich. Umstieg für Fachkräfte könnte auch Ausbilder bedeuten. Viele aber wollen im angestammten Team bleiben – auch wenn sie bestimmte Tätigkeiten nicht mehr ausüben können. Wolfsburg versucht, dies möglich zu machen – durch eine Änderung bei der Arbeitsorganisation.

Eines ist klar: Auch bisher wurden immer wieder Lösungen gesucht, wenn Kolleginnen und Kollegen krankheitsbedingt bestimmte Tätigkeiten nicht mehr ausüben können. Es wurden individuelle Lösungen gesucht, und „manchmal musste auch Überzeugungsarbeit geleistet werden“, weiß Wagner – Überzeugungsarbeit bei den Betroffenen. Seit dem Projekt wird versucht, den Umstieg zu institutionalisieren. Weil es immer einfacher ist, längerfristig mögliche Umstiegsstellen im Blick zu haben. Es liegt auf der Hand: Wenn nach einer Krankheit schnell was anderes gefunden werden muss, ist es unwahrscheinlich, dass die Stelle gerade frei ist, die sich der Betroffene schon immer gewünscht hat.

In Wolfsburg wird zudem überlegt, Aufgaben, die in den vergangenen Jahren an Private vergeben wurden, wieder zurückzuholen. Vor allem dann, wenn diese Aufgaben auch dazu beitragen, dass – im Rahmen der neuen großen Kolonnen – auch leistungsgewandelte Kolleginnen und Kollegen länger Teil der regulären Trupps bleiben können.

ARGUS

Wolfsburg schreibt Arbeits- und Gesundheitsschutz schon seit Jahren groß. Deshalb wurde ARGUS gegründet. Und ARGUS steht für Arbeitsschutz, Gesundheitsförderung und Schwerbehindertenförderung. Dem ARGUS-Team gehören eine betriebliche Sozialarbeiterin, eine Verwaltungskraft, drei Fachkräfte für Arbeitssicherheit, eine Sportlehrerin, drei ehrenamtliche Suchtkrankenhelfer, eine Arbeitsmedizinerin und der ARGUS-Koordinator an. Das ARGUS-Team soll Konzepte entwickeln und umsetzen, die dabei helfen, dass die Belegschaft gesund bleibt.

Gesundheitslotse als Ansprechpartner für die Beschäftigten

Wer weiß am besten, ob wo  der Schuh drückt? Exakt derjenige, der den Schuh trägt. Beschäftigte fungieren deshalb bei der Stadt Wolfsburg als Gesundheitslotsen. Sie sollen in ihrer Abteilung der Ansprechpartner sein. Sie sind diejenigen, die die Arbeitsplätze kennen, immer ein offenes Auge und ein offenes Ohr dafür haben, welche gesundheitlichen Gefährdungen ein Arbeitsplatz mit sich bringt – ob es sich um körperliche Gefährdungen wie einseitige Belastung oder Lärm handelt oder ob es um psychische Belastungen wie Stress oder Arbeitsverdichtung geht. Sechs Lotsen gibt es bereits, sie alle sind von der Stadt weitergebildet worden. „Die Lotsen sichern den kurzen Draht zur Gesundheitsförderung“, ist sich Sylke Schneider, zuständig für die Gesundheitsförderung bei der Stadt Wolfsburg, sicher. Und das bedeutet: Die Stadt kann schneller auf die Bedürfnisse der Beschäftigten und auf mögliche Gefährdungen reagieren.