Gute Arbeit

Klare Grenzen für Arbeitszeit und Arbeitsort

Fehlzeiten-Report

Arbeit darf nicht krank machen

Helmut Schröder privat Helmut Schröder

Telearbeit, Videokonferenzen, Smartphones – die Arbeitswelt befindet sich im Umbruch.  Doch die ständige Erreichbarkeit hat ihre Schattenseiten: Die Zahl der psychisch Kranken steigt. Das geht aus dem Fehlzeiten-Report – einer gemeinsamen Publikation des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), der Universität Bielefeld und der Beuth Hochschule für Technik Berlin – hervor. Helmut Schröder, stellvertretender WIdO-Geschäftsführer und Herausgeber des Fehlzeiten-Reports, mahnt deshalb: „Wir sollten den Wandel der Arbeitswelt auch aktiv zum Vorteil von Beschäftigten und Unternehmen gestalten. Dazu gehört auch, dass Leitplanken benötigt werden: Nur mit verbindlichen Vereinbarungen zu Arbeitszeit und Arbeitsort können die Flexibilitätsanforderungen bewältigt werden.“

Die Arbeitswelt hat sich verändert – und verändert sich weiter. Und die Arbeitnehmer bleiben dabei auf der Strecke?

Schröder: Zu viel berufliche Flexibilität kann die Psyche belasten. Arbeitnehmer, die ständig erreichbar sind, die immer am oberen Limit arbeiten oder lange Anfahrtswege zur Arbeit in Kauf nehmen, sind großen psychischen Belastungen ausgesetzt. Damit besteht die Gefahr, dass die Arbeitnehmer tatsächlich die Leidtragenden des Wandels sind und die Zeche zahlen – und zwar mit noch mehr psychischen Krankheiten. Das bringt den Betroffenen viel Leid und kostet die Gesellschaft viel Geld. Seit 2004 ist die Zahl derjenigen, die aufgrund einer psychischen Erkrankung in Behandlung sind, um 40 Prozent gestiegen. Die Behandlungskosten beliefen sich allein im Jahr 2011 bei der AOK auf 9,5 Milliarden Euro.

Was sind genau die Elemente des Wandels, der die Beschäftigten krank machen kann?

Schröder: Arbeitsverhältnisse mit einer Arbeitszeit von 09.00 Uhr morgens bis 17.00 Uhr am Nachmittag, wie sie vor 20 Jahren noch gang und gäbe waren, sind heute keine Selbstverständlichkeit mehr. Auch arbeitet kaum noch jemand ein Leben lang in einem Betrieb. Befristete Arbeit, Leiharbeit, Soloselbstständige sind in vielen Bereichen inzwischen nichts Besonderes. Schon ein Viertel der 41 Millionen Erwerbstätigen arbeitet heute in solchen atypischen Arbeitsverhältnissen, die immer auch mit großen Unsicherheiten verbunden sind.

Doch nicht nur die Art der Beschäftigung ist der zunehmenden Flexibilisierung unterworfen, auch Arbeitsorte und Arbeitszeiten werden verstärkt individuell und damit flexibel gestaltet. Rufbereitschaft leisten 20 Prozent der Beschäftigten, Schichtarbeit, Sonn- und Feiertagsarbeit jeweils 14 Prozent der Beschäftigten. Jeder fünfte deutsche Erwerbstätige ist derzeit mobil und darüber hinaus hat ein Drittel in der Vergangenheit hiermit bereits Erfahrung gemacht. Selbst die Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeit ist nahezu bei jedem zweiten Beschäftigten abgesprochen oder wird erwartet.

Wie wirkt sich so viel Flexibilität auf die Beschäftigten aus?

Schröder: Die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben zerfließt zunehmend. So bieten die modernen Kommunikationsmedien mit Laptops oder Handys die Erreichbarkeit an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr. Damit sind die notwendigen Erholungsphasen für die Beschäftigten gefährdet. Die Beschäftigten nehmen Arbeit mit nach Hause, beantworten E-Mails, wenn die Kinder im Bett liegen, arbeiten an Sonn- und Feiertagen. Wer immer erreichbar ist, wer eigentlich immer im Dienst ist, auch wenn er Kindergeburtstag feiert, ist hohen psychischen Belastungen ausgesetzt.

Aber viele Beschäftigte – gerade Frauen – sehen die Flexibilisierung auch als Chance, Beruf und Familie besser zu vereinbaren zum Beispiel mit Telearbeit.

Schröder: Die Flexibilisierung bietet auch Chancen. Vorausgesetzt, wir lernen, mit dieser Flexibilität umzugehen. Flexibel und mobil zu arbeiten, bietet sowohl für den Einzelnen als auch für das Unternehmen Vorteile, wenn es mit mehr Wahlfreiheit und Handlungsautonomie verbunden ist. So ermöglichen die technischen Errungenschaften der letzten Jahre mit Laptops, Handys oder Videokonferenzen eine virtuelle Kommunikation vom heimischen Arbeitszimmer aus. Das Ziel kann aber nicht sein, dass die Beschäftigten rund um die Uhr für ihren Arbeitgeber zur Verfügung stehen: Arbeits- und Erholungsphasen müssen sich abwechseln. So kann es weder im Interesse der Beschäftigten, noch der Unternehmen sein, dass Arbeitnehmer am Rande der Erschöpfung arbeiten: Denn wer erschöpft ist, bringt weniger Leistung.

Was muss deshalb passieren?

Schröder: Wir müssen den Umgang mit Flexibilität und mit dem technischen Fortschritt lernen. So kann es sinnvoll sein, dass Unternehmen es technisch unterbinden nach Feierabend noch E-Mails beantworten zu können. Hier müssen unternehmensspezifische Lösungen erprobt werden, die den Spagat zwischen Flexibilitätsanforderungen und gesundem Arbeiten meistern helfen. Wichtig ist jedoch: Während der Arbeit soll gearbeitet werden, und in der Freizeit haben die Beschäftigten frei. Die gravierenden Herausforderungen mit mehr älteren Belegschaften, Beschäftigten, die immer später in Rente gehen, steigenden Flexibilitätsanforderungen und nicht zuletzt einem zunehmenden Fachkräftemangel durch die Verknappung der Erwerbstätigen, die auf die deutsche Wirtschaft in den kommenden Jahre zukommen werden, können gemeistert werden: Wohlbefinden am Arbeitsplatz erscheint hierbei als ein Schlüssel zu nachhaltiger Motivation und Leistungsbereitschaft. So müssen die Menschen stärker zu einem verantwortlichen Management ihrer Ressourcen befähigt werden. Jeder Einzelne muss in die Lage versetzt werden, seine eigenen Grenzen zu erkennen und seine Arbeitsweise diesen Anforderungen anzupassen. Der zukünftige Arbeitgeber muss seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verstärkt dabei unterstützen, indem er Arbeit planbar, vorhersehbar, verlässlich und sinnvoll gestaltet. Denn letztlich gilt: Unternehmen die auch morgen noch im Markt bestehen wollen, benötigen sowohl flexible und hoch motivierte als auch insbesondere gesunde Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Text: Jana Bender/Oktober 2010