Fair statt prekär

Gläserne Decken stoppen die Frauen

Dokumentation

Veranstaltung "Fair statt prekär"

Barbara Stiegler Prusseit Barbara Stiegler

Die Situation hat sich in den vergangenen Jahren nicht sonderlich geändert. Sie ist für Frauen gleich schlecht geblieben: Je höher und je machtvoller die Position, desto weniger Frauen sind zu finden. Die Genderexpertin Dr. Barbara Stiegler folgert deshalb: Frauen bekommen nicht ihren Anteil an Positionen, Geld und Macht. Nach wie vor gilt diese Erkenntnis.

Stiegler hat alle Bereiche des öffentlichen Dienstes unter die Lupe genommen – Führungspositionen in der öffentlichen Verwaltung, in den öffentlichen Unternehmen, die Mitgliedschaft in Organen der Beteiligungsunternehmen in den Bundesländern und Kommunen, die Führungspositionen in öffentlich-rechtlichen Banken und Sparkassen. Frauen stießen immer wieder an diese Decke, die zwar gläsern ist, aber nahezu unüberwindlich.

Stiegler sieht in den Frauenberufen einen der Gründe für diese Situation. Weil typische Frauentätigkeiten nach wie vor geringer bewertet werden als typische Männerberufe. Stiegler verweist dabei auf all die so genannten Care-Berufe wie Erzieherinnen und Erzieher, wobei nur wenige Männer diesen Beruf ausüben. Ähnlich schlecht sind pflegende Berufe, medizinische Hilfs- und Assistenzberufe, hauswirtschaftliche Dienstleistungen, Sekretariatsarbeiten. In der Regel werden wichtige Voraussetzungen für diese Berufe und die Belastungen, die diese Berufe mit sich bringen, im Bewertungssystem gar nicht erfasst – wie Empathie, Zuhören-Können, auf Kunden/Patienten/Kindern emotional eingehen. Und: Viele Frauenberufe sind Sackgassenberufe. Aufstiegsmöglichkeiten sind eigentlich nicht vorgesehen.

Für die Genderexpertin gibt es verschiedene Ursachen für die unzureichende Bewertung von Frauenarbeit. So verdrängt die Gesellschaft, dass Care-Arbeit zum Leben gehört – für Frauen wie für Männer. In kaum einem Personalplan werden Elternzeit und Pflegezeit zum Beispiel berücksichtigt. Die Folge: Geht eine Frau in Elternzeit, steht entweder für ihre Kolleginnen und Kollegen Mehrarbeit an oder es werden befristete Arbeitsverträge für Vertretungen vergeben. Aber die Unterbewertung der Frauenarbeit in der Gesellschaft spiegelt sich  auch in den Bewertungssystemen in Tarifverträgen.

Traditionelle Geschlechterrollen: Sie haben zur Folge, dass selbst Frauen diese gläsernen Decken oft nicht als Ungerechtigkeit empfinden. Die Verwaltungsstrukturen tragen zudem dazu bei, dass die Situation für Frauen betoniert wird: Nach wie vor gilt das Leitbild der allzeit verfügbaren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, was sich mit Care-Arbeit nicht vereinbaren lässt.

Doch Stiegler sieht auch Möglichkeiten, diese Rahmenbedingungen zu sprengen. Sie plädiert dafür, alle die Möglichkeiten auszuschöpfen, die längst gesetzlich fixiert sind. Sie nennt das Antidiskriminierungsgesetz, die klassische Frauenförderung und Gender Mainstreaming.

Sie plädiert aber auch dafür, die Gleichstellungsgesetze schärfen. So soll unter anderem ihr Geltungsbereich auf privatrechtliche Unternehmen in Staatseigentum ausgedehnt werden. Zudem müssen Gleichstellungsbeauftrage mehr Ressourcen bekommen – mehr Zeit, mehr Geld, mehr Macht. Es brauche auch Gleichstellungspläne mit Sanktionen und Evaluationen. Die Gremien müssten paritätisch besetzt sein. Und: Nicht nur für Frauen, auch für Männer muss die Vereinbarkeit von Familie, von Pflege und Beruf verbessert werden.