Fair statt prekär

Von wegen attraktiver Arbeitgeber

Dokumentation

Prekäre Arbeitsverhältnisse

Elke Wiechmann Prusseit Elke Wiechmann

Ist der öffentliche Dienst immer noch ein attraktiver Arbeitgeber? Dr. Elke Wiechmann, Soziologin und Lehrbeauftragte der Bergischen Universität Wuppertal sowie wissenschaftliche Mitarbeiterin der Fernuniversität Hagen, hat da ihre Zweifel. Was sie vor allem beunruhigt: Es gibt immer mehr prekäre Arbeitsverhältnisse im öffentlichen Dienst - viel zu viele Befristungen zum Beispiel. Zudem steigt die Zahl der Teilzeitarbeitsplätze, die in der Regel Frauen innehaben. Nicht alle von ihnen wollen einen Teilzeitarbeitsplatz. Im Gegenteil: Viele würden gerne aufstocken.

All das trägt nach Wiechmann dazu bei, dass der öffentliche Dienst an Attraktivität verliert. Die Wissenschaftlerintrifft immer öfter auf Arbeitsbedingungen, die von Arbeitsverdichtung geprägt sind. Immer mehr Beschäftigte klagen über Gesundheitsprobleme und Konkurrenz am Arbeitsplatz. Dabei täte gerade der öffentliche Dienst gut daran, an seinem Image zu arbeiten. Denn angesichts der demografischen Entwicklung prophezeien Experten dem öffentlichen Dienst enorme Nachwuchsprobleme. Schon heute stapeln sich die Bewerbungen längst nicht mehr in dem Maße, wie es in den Abteilungen und Betrieben der Kommunen und der öffentlichen Hand vor zehn Jahren noch gang und gäbe war. Immer öfter können zudem Stellen auch nicht besetzt werden -  weil es schlicht an Bewerbern fehlt.

Stellenabbau setzt sich fort

Wie sieht die Personalsituation derzeit im öffentlichen Dienst aus? Nach wie vor werden in den Kommunen, bei den Ländern und beim Bund Stellen abgebaut. Zwischen 1997 und 2015 sank die Zahl der Beschäftigen im öffentlichen Dienst nach Wiechmanns Darstellung von 5,16 Millionen auf 4,65 Millionen. Dabei muss berücksichtigt werden, dass gerade die Kommunen in den vergangenen Jahren in Folge des garantierten Kita-Platzes für Kinder ab einem Jahr die Stellen in den Kitas ausgebaut haben. Mit dem Stellenabbau ging aber in weiten Teilen des öffentlichen Dienstes eine Arbeitsverdichtung einher – weil die Aufgaben meist nicht weniger wurden.

Gleichzeitig stiegen die Teilzeitstellen – nämlich von 1,08 Millionen auf 1,49 Millionen. Und das bedeutet: Es wurden mehr Stellen abgebaut, als die Zahlen auf den ersten Blick vermuten lassen. Noch gravierender wird die Lage, wenn der Zeitraum von 1991 an in den Blick genommen wird. Denn in die Jahre 1991 und 1995 fiel der erste große Schub in Sachen Stellenabbau im öffentlichen Dienst. 1991 waren noch knapp 6,8 Millionen Männer und Frauen im öffentlichen Dienst beschäftigt. Allerdings: Ein Teil dieses rein rechnerischen Stellenabbaus fiel gerade in diesen Jahren auf Ausgliederungen von kommunalen Unternehmen der Energie- und Wasserwirtschaft. Mehrheitlich sind hier Männer beschäftigt. Kein Wunder somit, dass seit 1991 auch der Anteil der Männer im öffentlichen Dienst stetig sinkt. Derzeit sind die Männer hier in der Minderzahl.

Was sind die Herausforderungen für den öffentlichen Dienst der Zukunft? Wiechmann verweist auf den demografischen Wandel. In den kommenden Jahren werden die Babyboomer in Rente gehen. Zudem: Die Aufgaben des öffentlichen Dienstes werden künftig noch komplexer werden, es werden neue Aufgaben dazukommen, die eine neue Qualifikation der Beschäftigten erfordern. Das alles versucht der öffentliche Dienst derzeit, mit weniger Personal zu stemmen. Schon heute zeigt sich, dass es dem öffentlichen Dienst zunehmend schwerer fällt, qualifizierte Beschäftigte zu bekommen.

In der Politik ist diese Misere aber offenbar noch nicht angekommen. Das zeigen Befragungen, bei denen es um mögliche Einsparungen ging. Denn jeder zweite Politiker sieht Einsparpotenzial beim Personal in der Verwaltung. Offenbar soll der Personalabbau gerade in der öffentlichen Verwaltung aus der Sicht der Politik noch nicht zu Ende sein.

Erschwerend kommt hinzu, dass der öffentliche Dienst tatsächlich eine Vorreiterrolle übernommen hat – bei den Befristungen. Während in der privaten Wirtschaft 2014 vier von zehn Stellen bei der Einstellung befristet waren, kam der öffentliche Dienst auf sechs von zehn Einstellungen. Durch mehr Befristungen zeichneten sich nur der so genannte Dritte Sektor (Nicht-Regierungsorganisationen, Vereine, Verbände, Stiftungen, Interessengemeinschaften) und die Wissenschaft aus: Der Dritte Sektor kommt auf 67 Prozent, die Wissenschaft gar auf 89 Prozent).

Doch warum wird befristet? Meist geht es offenbar darum, dass für die Stelle nur eine bestimmte Zeit Ersatz gebraucht wird – wie für die Elternzeit. Aber teilweise sind die Stellen auch nur befristet finanziert, was zur Folge hat, dass sie auch nur befristet besetzt werden. Die Personalverantwortlichen sprachen zudem von befristetem zusätzlichen Bedarf der eine befristete Stelle zur Folge hat. Doch es wurde auch andere Gründe für die Befristungen angeführt wie der Eignungstest. Die befristete Stelle stellte eine verlängerte Probezeit dar. Wirtschaftliche Unsicherheit oder gar die Steigerung der Motivation fanden sich ebenfalls unter den Antworten.

Was Wiechmann noch aufstößt: Im öffentlichen Dienst wird ihrer Ansicht nach die Belegschaft drei- bis vierfach segmentiert: Nach Beamtinnen und Beamten auf der einen Seite und Arbeitnehmerinnen und Arbeiternehmer auf der anderen; nach befristeten und unbefristeten Beschäftigungsverhältnissen; nach jungen und älteren Beschäftigten und nach Geschlecht.

Und wie sehen die Karrierechancen für Frauen im öffentlichen Dienst aus? Eher düster. Zwar arbeiten im öffentlichen Dienst inzwischen mehr Frauen als Männer. Dennoch sitzen die Männer auf den Chefsesseln – zumindest je höher die Karriereleiter führt.  Beispiel Hochschulen:  Etwa gleich viel Männer wie Frauen beginnen ein Studium, es schließen etwas mehr Frauen dieses Studium ab als Männer. Es promovieren aber deutlich mehr Männer als Frauen. Es habilitieren sich überproportional mehr Männer als Frauen, noch etwas schlechter sieht die Bilanz für Frauen bei der Professur aus und nochmals etwas schlechter, wenn die C4/W3-Professuren in den Blick genommen werden.