Fachdialog "Nie mehr ohne"

Gleichstellungspolitik ist weiterhin bitter nötig

Gleichstellungspolitik

Barbara Stiegler Prusseit Barbara Stiegler

Wir müssen die Sorgearbeit in den Blick nehmen - Männer bei der Sorgearbeit gleichberechtigen

Mehr Arbeit. Weniger Geld. Weniger Macht. So fasst die Expertin für Gender Mainstreaming, Dr. Barbara Stiegler, die Situation zusammen, mit der Frauen konfrontiert sind. Deshalb ist für sie keine Frage: Gleichstellungspolitik ist weiterhin notwendig. 

Stiegler zählt auf: Es sind die Frauen, die meist unbezahlte und nicht abgesicherte Sorgearbeit leisten; es sind meist Frauen, die in Branchen und in Berufen arbeiten, die geringer bewertet werden; es sind meist Frauen, die in Minijobs und in Teilzeit arbeiten. Und das ist nicht alles. Frauen werden von der gläsernen Decke ausgebremst, sind in Spitzenpositionen der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft deutlich seltener vertreten als Männer. Öfter als Männer allerdings sind Frauen von alltäglichem Sexismus bis hin zu männlicher Gewalt betroffen.

Die Frage nach dem WARUM!

Warum das immer noch so ist, obwohl per Gesetz Frauen längst gleichberechtigt sind? Stiegler ist sich sicher: Es sind verschiedene Faktoren, die dafür sorgen, dass Frauen so schwer aus ihrer Frauenecke kommen. Da sind einmal die Rahmenbedingungen: Gesetze wie das Ehegattensplitting zum Beispiel. Oder der meist geltende Acht-Stunden-Arbeitstag, der es schwer macht, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Hinzu kommen die Arbeitsteilung und die Bewertung von Arbeit. Technisches gilt als Männerarbeit und gut bewertet. Soziales ist Sache der Frauen und schlecht bewertet. Und es kommt die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern zum Tragen: Bezahlt ist Männerarbeit, für die unbezahlte Arbeit sind die Frauen zuständig – für die Hausarbeit zum Beispiel, für die Kindererziehung in der Familie, für die Pflege.

Dass das Leitbild aus dem Gleichstellungsbericht der Bundesregierung von 2011 anders aussieht, ist kein Geheimnis. Das Ziel ist das Earner-Carer-Modell für Mann und Frau – beide arbeiten, beide kümmern sich um die Familie, um die Kindererziehung, um die Pflege von hilfsbedürftigen Angehörigen.  Das Leitbild geht deshalb davon aus, dass Frauen und Männer durch gute Bildung dazu befähigt werden, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen; dass berufliche Kompetenzen von Männern und Frauen gleich bewertet werden; dass es eine angemessene Infrastruktur für Kindererziehung und Pflege gibt; dass es Optionen zur Unterbrechung oder zeitweisen Minderung von Erwerbstätigkeit gibt. Gleichzeitig ist es nach Ansicht der Experten, die den Bericht erarbeiten, nötig, dass Anreize geschaffen werden, damit diese Optionen von Männern wie von Frauen genutzt werden. 

Strategien für eine Veränderung

Wie aber sehen die modernen Strategien zur Gleichstellung aus, und auf was zielen sie ab und wie erfolgreich sind sie? Projekte, Vernetzung und Frauenförderung richten den Blick auf Zielgruppen, Managing Diversity und Antidiskriminierung zielen auf Individuen. Gender Mainstreaming setzt bei den Strukturen an. Gefragt wird unter anderem, welche Auswirkungen eine bestimmte Haushaltspolitik auf die Geschlechterverhältnisse hat. Ins  Blickfeld geraten die Strukturen und Mechanismen, die die Geschlechterverhältnisse aufrechterhalten.

Gleichstellungsgesetze sollen Frauen nicht nur den Rücken stärken, sondern ihnen dort zur Gleichstellung verhelfen, wo es in der Realität – aus welchen Gründen auch immer - noch hapert. Das können die Gesetze aber nur dann, wenn sie Mindestanforderungen erfüllen, betont Stiegler. So müssen die Zielsetzungen auf den Abbau von Unterrepräsentation und Benachteiligung hin formuliert sein. Zudem muss die Frauenförderung an ein Leitbild gebunden sein, dessen Rahmenbedingungen erfüllt werden sollen. Stiegler ist sich sicher: Es braucht Gleichstellungspläne, die mit Sanktionen verbunden sind. Werden die Pläne nicht erfüllt, könnten die Länder die Mittel für die Kommunen kürzen, Haushaltsgenehmigungen abhängig vom Gleichstellungsplan sein, oder es könnten bei einem Verstoß weitere Stellen schlicht nicht besetzt werden.

Forderungen an die Länder und Kommunen

Stiegler schlägt auch vor, dass Länder Rahmenpläne zur Gleichstellung aufstellen. Oder dass die Kommunen und die Einrichtungen Jahr um Jahr einen Bericht zur Gleichstellung an die aufsichtführende Behörde oder die Vertretungen vorlegen müssen. „Frauenförderung muss integrierter Teil der Personal-und Organisationsentwicklung sein“, ist sich Stiegler sicher. Was noch notwendig ist? Dass die Auswahlkriterien endlich geändert werden. Das Kriterium „bei gleicher Qualifikation“ muss in den Müll. Stattdessen soll künftig gelten: Frauen werden bevorzugt, wobei die Einschränkung lautet: „soweit ein Bewerber nicht eine offensichtlich bessere Eignung, Befähigung oder fachliche Leistung vorzuweisen hat“.

Nein, Stiegler hat nicht nur die Frauen im Blick. „Es geht auch darum, dass Männer Sorgearbeit übernehmen können“, sagt sie. Eben auch Pflege. Dazu braucht es andere, flexiblere Arbeitsbedingungen – was den Raum betrifft, wo gearbeitet wird, und die Zeit, wann gearbeitet wird.

Und vor allem: Die Gleichstellungsbeauftragte brauchen mehr Ressourcen, mehr Zeit, mehr Macht, mehr Geld. Wenn es nach Stiegler ginge, müsste jede Behörde mindestens eine in Vollzeit tätige Gleichstellungsbeauftragte beschäftigten, die hochqualifiziert ist, weisungsfrei arbeitet, bei der Stabsstelle angesiedelt ist, Mitwirkungs-, Widerspruchs und Klagerechte hat.