Fachdialog "Nie mehr ohne"

Frauen in Spitzenpositionen sind rar

Meinungen

Barbara Ludwig Prusseit Barbara Ludwig

Barbara Ludwig, Oberbürgermeisterin von Chemnitz

„Für die Quote - damit Frauen überhaupt eine Chance bekommen“

„Frauen in Führungspositionen sind keine Selbstläufer. Zwar sind seit 100 Jahren das aktive und das passive Wahlrecht selbstverständlich. Aber in den Führungsebenen sind Frauen rar. Dass ich Landtagsabgeordnete wurde, habe ich der Quote in der SPD zu verdanken. Der damalige Kreisvorsitzende hat mich gefragt, ob ich kandidieren möchte. Dass er mich gefragt hat, hatte einen einfachen Grund: Wegen der Quote hatte er als Mann keine Chance.

Es gibt sehr wohl Unterschiede zwischen Männern und Frauen: Männer greifen schnell zu, wenn ihnen eine Führungsposition angeboten wird. Frauen überlegen länger, ob sie diesen Schritt machen sollen. Männer haben weniger Angst, vor vielen Menschen zu reden. Dagegen musste ich erst lernen, dass ich beim Redenhalten nicht ganz untalentiert bin. Frauen müssen eine Chance bekommen, Führungspositionen zu übernehmen. Dafür brauchen wir die Quote. Aber wir brauchen auch Frauen, die diese Chance dann auch ergreifen. Damit Frauen eine Chance bekommen, brauchen wir eine Quote.

Ich denke, wenn wir mehr Frauen in Führungspositionen hätten, würde sich die Führungskultur verändern – und zwar positiv verändern. Sitzungen werden in eineinhalb Stunden erledigt und würden nicht mehr doppelt so lange dauern. Außerdem glaube ich, dass nicht mehr so viele wichtige Sitzungen spät am Abend angesetzt würden. Zudem bin ich fest davon überzeugt, dass mehr Frauen in Führungspositionen dazu führen würden, dass mehr Entscheidungen reibungsloser fallen. Weil Frauen ein Gefühl für Tempo von Entscheidungen haben. Manches wird schneller gehen, anderes langsamer – denn es gibt sehr viele Dinge, die müssen bis in jedes Detail ausdiskutiert werden.“

Wolfgang Dold Prusseit Wolfgang Dold

Wolfgang Dold, Ministerialdirektor, Leiter der Abteilung 1 im Auswärtigen Amt

Gemischte Teams sind die beste Lösung

„Als Arbeitgeber haben wir ein Interesse an gemischten Teams, denn sie sind die beste Lösung. Dieses Team bringt auch die beste Leistung. Wir wollen, dass der Auswärtige Dienst die Gesellschaft widerspiegelt. Deshalb brauchen wir Frauen und Männer – in allen Positionen. Derzeit sind meist Männer in den Führungspositionen. Damit wir eine Realität, die es so nicht mehr gibt.“

Tilly Bair, Vorsitzende des Hauptpersonalrates des Innenministeriums des Landes Baden-Württemberg

„Wenn man will, geht alles“

„Teilzeit und Führung lassen sich vereinbaren. Das ist kein Problem. Es braucht nur Personalräte, die Dienstvereinbarungen über Arbeitszeiten mit den Arbeitgebern vereinbaren.  Wie zum Beispiel in Baden-Württemberg. Hier gelten in den Landesbehörden Funktionszeiten und nicht mehr Kernzeiten und schon gar keine festen Arbeitszeiten. Es braucht einfach flexible Lösungen. Dabei zeigt sich übrigens auch: Wenn man will, geht alles.“

Klaus Weber mit Daniela Wantoch-Rekowski Prusseit Klaus Weber mit Daniela Wantoch-Rekowski

Klaus Weber, Leiter Fachbereich Bund+Länder

Chance auf mehr Familie für Männer

„Es gibt in Sachen Geschlechterparität noch einiges zu tun, das ist keine Frage. Nach wie vor sind zu wenige Frauen in Führungspositionen. Wir haben Gleichstellungsgesetze, wir haben Genderbeauftrage, Gleichstellungsbeauftragte. Offenbar reicht das nicht. Beziehungsweise: Das Instrumentarium muss angepasst werden. Deshalb müssen wir darüber nachdenken, wie die Rahmenbedingen ausgestaltet sein müssen, damit Frauen genauso wie Männer Zugang zu Führungspositionen haben.  Es hat sich gezeigt, dass es nicht damit getan ist, wenn Frauen gut ausgebildet sind. Das sind sie längst. Noch nie waren Frauen so gut ausgebildet. Dennoch kommen sie nicht automatisch in die richtigen und wichtigen Positionen. Wir brauchen die Frauen – schon gar angesichts der Herausforderungen des demografischen Wandels. Und wir brauchen die Gleichstellung, weil auch die Männer eine Chance für mehr Familie verdienen.“

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Barbara Loth, Staatssekretärin in der Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen

Erfahrungen für andere Bereiche nutzen

 „Wir haben durch das Berliner Landesgleichstellungsgesetz beachtliche Erfolge erzielen können. Wirklich herausragend sind aber die Erfolge, die wir mit dem Berliner Programm zur Förderung der Chancengleichheit für Frauen in Forschung und Lehre erzielt haben.

Daher streben wir insbesondere an, diese Erfahrungen auch für die anderen Bereiche zu nutzen. Derzeit bauen wir die noch bestehenden Defizite in der Gleichstellung sowohl mit einzelnen gezielten Maßnahmen als auch mit einer landesweiten Strategie ab.

Dazu gehört sowohl die umfassende Novelle des Landesgleichstellungsgesetzes (LGG) als auch die demnächst zu erlassenden Ausführungsvorschriften zu diesem Gesetz. Dazu gehören aber auch die verbindlichen Frauenförderpläne und das geplante landesweite, einheitlich festgelegte Personalmanagement sowie das mit der Senatsverwaltung für Finanzen vereinbarte Frühwarnsystem, um auf freie Stellen frühzeitig hinzuweisen.“

 

Margit Zauner, Mitglied im Bundesvorstand der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen

„Gründet ein Lobekartell“

„Doch. Es geht alles voran. Aber es geht so langsam. Frauen sind inzwischen in den Abteilungsleitungen angekommen, aber nur selten geht es weiter zu den Spitzenpositionen. Eine mangelnde Qualifikation war früher die Erklärung dafür. Dann gingen die Frauen zur Uni und haben studiert. Jetzt wird ein anderer Grund herbeigezerrt, der erklären soll, warum Frauen keine Chance haben. Ein großes Problem sind Beurteilungen: Was bei Männern zum Beispiel mit ‚zielorientiert‘ oder ‚durchsetzungsstark‘ und damit positiv beschrieben wird, gilt bei Frauen als unangenehm ‚herrschsüchtig‘, ‚wenig teamorientiert‘ und ‚resolut‘. Und Frauen, die ihr Recht einklagen, können damit nicht punkten: Weil ein solches Verhalten in der Wahrnehmung der Chefs nicht karrierefördernd, sondern eher ein Malus ist. Männer dürfen im Arbeitsalltag anstrengend sein, Frauen nicht.

Eine Bewerbung im öffentlichen Dienst ist eine hochkomplexe Sache. Je höher die Stelle, desto länger dauert das Bewerbungsverfahren. Und weil Bewerber immer öfter gegen eine Entscheidung klagen, dauert ein solches Verfahren  immer öfter ein bis zwei Jahre. Viel zu lange für viele Bewerberinnen. 

Was ich mir wünsche? Dass Frauen Banden bilden, dass sie sich mehr gegenseitig unterstützen, sich sichtbar machen, nicht nur kritisieren, sondern auch über das Gute reden, Kompetenzen anderer Frauen würdigen. Wir müssten ein Lobekartell gründen. Wir müssen praktisch etwas dafür tun, dass wir und unsere Leistungen besser wahrgenommen werden. Lasst uns deshalb einander loben und gut übereinander reden.“

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Christine Gehrmann, Vertreterin für die Bundesarbeitsgemeinschaft der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten

Unterschiedliche Rollen – unterschiedlicher Blick

„Die Gleichstellung ist ein Hürdenlauf, der Ausdauer erfordert. Es ist gut, dabei Unterstützung beim Personalrat zu finden. Aber es muss auch klar sein: Der Personalrat hat eine andere Rolle inne. Der Personalrat ist für alle Beschäftigten einer Einrichtung, einer Verwaltung oder eines Amtes zuständig. Die Gleichstellungsbeauftrage eben nur für die Frauen. Das kann – besonders wenn es um eine Stellenbesetzung geht – dazu führen, dass die Interessen der Gleichstellung und die des Personalrats differieren. Wir wollen Frauen in Führungspositionen bringen – interne wie externe, der Personalrat vertritt die derzeitig Beschäftigten. Dabei sind die Beteiligungsrechte des Personalrats weit härter als die der Gleichstellungsbeauftragten: Wir werden bestellt, sind mit einfacher Mehrheit abwählbar und haben nur Beteiligungsrechte. Der Personalrat ist von den Beschäftigten gewählt, er hat ein Vetorecht. Wir können immer ein Teil des Weges mit dem Personalrat zusammengehen – aber die Wege decken sich nicht. Die Zusammenarbeit zwischen Personalrat und Gleichstellungsstelle zu verbessern, ist eine gute Strategie. Sie hat sich bewährt – besonders wenn es darum geht, zielgerichtet bestimmte Maßnahmen zu entwickeln. Aber wir dürfen uns nichts vormachen – der Personalrat steht nicht immer und bei allen Fragen auf unserer Seite.“

 

Karin Schwendler, Frauen- und Gleichstellungspolitik, ver.di-Bundesverwaltung

Sich besser abstimmen

„Gleichstellungsbeauftragte und Personalrat müssen sich besser abstimmen, sie müssen besser zusammenarbeiten. Gerade weil Gleichstellungsstelle und Personalrat unterschiedliche Aufgaben haben: Die Gleichstellungsstelle überwacht die Frauenförderung in der Dienststelle und die Einhaltung der einschlägigen Vorschriften. Die Personalvertretung ist für alle Beschäftigten da. Aber der Personalrat muss auch sehen, dass es ein Querschnittsthema ist, Frauen und Männer erfolgreich zusammenzubringen. Der Frauenförderplan sollte deshalb gemeinsam erstellt werden. Dass es vor Ort oft leider nicht zu einem Schulterschluss zwischen den weiblichen Personalräten und den Vertreterinnen der Gleichstellungsstelle kommt, ist schade. Weil zusammen einfach mehr erreicht werden kann.“