Fachdialog "Nie mehr ohne"

Es geht langsam, es geht sogar sehr langsam

Eher Stillstand denn Fortschritt

Silke Listing, frühere Gleichstellungsbeauftragte des Jobcenters Frankfurt/Main
Silke Listing Bender Silke Listing

„Die Gleichstellung macht Fortschritte. Das kann ich feststellen. Was ich aber während meiner langjährigen Tätigkeit – auch als Teamleiterin, als Gleichstellungsbeauftragte – leider auch gelernt habe: Es geht langsam, es geht sogar sehr langsam. Oder anders ausgedrückt: Mehr Frauen sind inzwischen in Führungspositionen – aber es sind wenige, noch viel zu wenige.

Und dabei ist Frankfurt/Main noch ein Sonderfall. Wir hatten lange Jahre eine Oberbürgermeisterin und auch eine stattliche Zahl an weiblichen Führungskräften in der Verwaltung. Auch ich hatte im Jobcenter eine Chefin. In den meisten Jobcentern ist das anders. Da ist die Führungsriege überwiegend männlich, trotz überwiegend Kolleginnen im operativen Geschäft. Aber genau da müssen wir hin: Dass es vollkommen normal ist, wenn Frauen in Führungspositionen sind. Am besten wäre der Prozentsatz entsprechend dem Anteil an weiblichem Personal, das sind meist um die 70 Prozent, das erreicht Frankfurt natürlich auch noch nicht. Es heißt, wenn mehr als ein Viertel der Führungskräfte Frauen sind, müssen Frauen nicht mehr die besseren Männer sein, um voranzukommen. Dann schwindet der Widerstand in der Belegschaft. Dann können sie es sich leisten, einen weiblichen Führungsstil zu pflegen.

Was Frauen weniger gut können als Männer? Frauen wollen gleich sein, sie setzen mehr auf das Miteinander. Deswegen gelten sie ja auch eher als sozial kompetent. Frauen können aber nicht gut konkurrieren – denn das haben sie nie geübt. Und deshalb scheuen sie vor Konkurrenzsituationen zurück. Sie wollen ‚Papas liebes Mädchen‘ sein. Was Männern wieder einen Vorteil verschafft. Und wenn sie einen Karrieresprung wagen, geben sie sich oft etwas verkniffen. Ich war bei vielen Vorstellungsgesprächen dabei. Frauen waren da oft die Besseren. Dennoch brauchten sie oft Ermutigung und Unterstützung, um sich überhaupt für diese Position zu bewerben. Sie trauen sich eine Führungsposition nicht zu. Und wagt sich eine vor, greifen meist die alten Mechanismen. Das heißt: Die Frauen werden misstrauisch beobachtet – von Männern wie von Frauen.

Es ist belastend, wenn man sich ständig unter Beobachtung fühlt. Deshalb sollten Frauen, die Führung übernehmen wollen oder schon Führungskräfte sind, Supervision oder Coaching in Anspruch nehmen – um zu lernen, dass sie nicht alles kontrollieren müssen, dass sie sie sich nicht ständig in Frage stellen müssen. Frauen müssen lernen, gelassen und selbstsicher an sich zu arbeiten.

Was die gläsernen Decken betrifft: Sie gibt es immer noch. Aber je mehr Frauen in Führungspositionen kommen, desto eher verschwinden diese gläsernen Decken, denn es werden gern „ähnliche“ Typen in das Führungssystem aufgenommen. So sagt es die Analyse, warum Männer immer wieder Männer bevorzugen.  Vieles in der Arbeitswelt ist Gewöhnung. Je mehr Frauen solche Positionen innehaben, desto selbstverständlicher ist es. Dass es Männern nicht gefällt, dass die Frauen in die Führungsetagen vordringen, erstaunt nicht. Wir nehmen ihnen etwas weg, was ihnen über Jahrhunderte scheinbar gehörte. Dagegen wehren sie sich – manchmal auch mit Verhaltensweisen, die sind unter der Gürtellinie.

Die Quote sorgt dafür, dass es mehr und mehr selbstverständlich wird, dass auch Frauen Führung übernehmen. Aber es gilt: Frauen sind nicht generell die besseren Chefs, auch nicht die schlechteren. Und sie bekommen die Stelle auch nicht, weil sie Frauen sind. Denn auch bei einer Quote steht immer die Qualifizierung an erster Stelle. Es ist somit ein reines Vorurteil, dass eine unqualifizierte Frau einen qualifizierten Mann aussticht.

Es gibt aber noch einen Punkt zu bedenken: Junge Frauen halten das, was bisher bei der Gleichstellung erreicht wurde, für eine Selbstverständlichkeit. Das ist gefährlich. Denn echte Gleichstellung kann ich nicht sehen. Ich sehe derzeit nicht mal Fortschritte – ich registriere eher einen Stillstand. Wenn wir uns nicht weiter sehr engagiert für Gleichstellung einsetzen, werden wir Erreichtes wieder verlieren. Deshalb dürfen wir nicht nachlassen, gerade junge Frauen für die Notwenigkeit der Gleichstellung zu sensibilisieren.

Gleichstellungsbeauftrage haben die Aufgabe, die Verwaltung zu kontrollieren. Damit die Verwaltung entsprechend den Gesetzen handelt. Damit tragen die Gleichstellungsbeauftragen dazu bei, dass Gleichstellung vorangeht. Dass sie dabei hartnäckig sein müssen, steht außer Frage. Ich habe aber am meisten erreicht, wenn ich ruhig war, wenn ich meine Position deutlich machte und bei der Stange blieb.“