Fachdialog "Nie mehr ohne"

Quoten sind unerlässlich, damit Frauen eine echte Chance haben

Interview

Frauen tragen das Gros der Sorgearbeit

Renate Sternatz Bender Renate Sternatz

Frauen sind nicht die besseren Chefs – jedenfalls nicht generell. Darum gehe es auch nicht, betont Bereichsleiterin Gemeinden Renate Sternatz. Frauen sollen die gleichen Chancen haben, eine Führungsposition zu besetzen – wenn sie diese Position ausfüllen wollen. Von gleichen Chancen ist die Realität aber noch weit entfernt. Zwar habe sich die gläserne Decke, die Frauen ausbremst, in den vergangenen 20 Jahren nach oben verschoben. Aber sie existiere leider nach wie vor, betont Sternatz. Was sie genau damit meint, erläutert sie in einem Interview.

Wenn es um die Chefetagen geht, sind Frauen nach wie vor eine Rarität. Das ist auch im öffentlichen Dienst, in der öffentlichen Verwaltung so.

Sternatz:  Das ist richtig. Dennoch haben wir in den vergangenen Jahrzehnten einiges erreicht: In der mittleren Führungsebene sind die Frauen schrittweise vorangekommen.  Auch im öffentlichen Dienst. Es gibt inzwischen weit mehr Teamleiterinnen und Abteilungsleiterinnen als  vor 20 Jahren. Aber in der oberen Führungsebene sind Frauen nach wie vor eine Seltenheit. Ab der Abteilungsleiterebene wird die Luft für Frauen dünn.

Gibt es Unterschiede beim Bund, den Ländern und den Kommunen?

Sternatz: In den oberen Führungsebenen sind Frauen bei allen Gebietskörperschaften gleichermaßen unterrepräsentiert. Das ist nicht eine Wahrnehmung, sondern das bestätigen auch Studien. Wobei diese Unterrepräsentanz auch unabhängig davon festzustellen ist, ob in dem Bereich viele Frauen arbeiten oder nicht. Oder anders ausgedrückt: Auch in den Bereichen, in denen mehrheitlich Frauen arbeiten, sind die oberen Chefetagen nahezu reine Männersache. Das heißt: Frauen spüren nach wie vor gläserne Decken. Allerdings haben sich diese Decken in den vergangen Jahren nach oben verschoben.

Was sind die Gründe dafür, dass Frauen doch nicht bis ganz nach oben kommen?

Sternatz: Da gibt es verschiedene Gründe: Da ist zum einen mal das klassische Rollenverständnis. Nach wie vor sitzt das tief – sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Im Rahmen dieses Schubladendenkens wird Frauen auch oft die für eine Führungsposition notwendige Durchsetzungsfähigkeit abgesprochen. Zum anderen sind bestimmte Führungsfunktionen wenig passgenau im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dabei zeigt sich, dass die Hauptsorgearbeit immer noch bei den Frauen liegt.

Bis zur mittleren Führungsebene spielt das keine Rolle?

Sternatz: Im Gegenteil. Bis zur mittleren Führungsebene gelten Frauen als gut geeignet. Als Teamleiterin zum Beispiel. Weil Frauen als gute Kommunikatoren gelten, die ein Team motivieren, selbst kräftig an den Projekten mitarbeiten und damit in unmittelbarem Arbeitszusammenhang stehen. Bei den oberen Führungsebenen aber spielen Machtfragen eine entscheidende Rolle – Macht über Personal, über Stellen, da geht es um politisch-inhaltlichen Einfluss. Und genau das alles wird Frauen nicht zugetraut. Das klassische Frauenbild kommt hier wieder durch.

Wie werden die Frauen bei diesen Führungsebenen ausgebremst?

Sternatz: Das geht sehr subtil vonstatten. Beispiel Bewerbungsgespräch: Trotz gleicher Qualifikation werden Frauen schlechter als Männer bewertet. Und auch bei sonstigen Beurteilungen haben Frauen schlechtere Karten. Gleiches kommt unterschiedlich an – bei Frauen wie bei Männern. Nach wie vor gelten Frauen, die auf den Putz hauen, als hysterisch. Männer, die das Gleiche aus dem gleichen Anlass tun, als durchsetzungsstark und engagiert. Immer mehr Gleichstellungsbeauftrage nehmen diese unterschiedliche Bewertungspraxis in den Fokus. Und das ist auch dringend nötig. Denn es gibt nur wenige Instrumente, um die Bewertungspraxis offen zu legen.  Dazu gehören Quoten, Gleichstellungspläne und ein sehr kritischer Blick auf die Bewertungspraxis in allen Bereichen, in denen Frauen unterrepräsentiert sind. Wenn das Verhalten der Frauen, nur weil sie  Frauen sind, anders ankommt, dann sind sie an der gläsernen Decke angelangt.

Welche Rolle spielen Quoten?

Sternatz: Quoten sind nicht optimal. Aber sie sind unerlässlich, damit Frauen eine echte Chance haben. Zudem sind Quoten ein Instrument, mit dem gleichzeitig die Unterrepräsentanz von Frauen in Führungspositionen immer wieder in die Öffentlichkeit rückt und die Situation transparent macht. Ohne Quoten wären Frauen nicht so vorgerückt, wie sie es in den vergangen 20 oder 30 Jahren geschafft haben. Dennoch stehen auch heute noch Frauen, die über eine Quote in eine Position kommen, unter ständiger Beobachtung. An Frauen als Führungskraft werden nach wie vor höhere Anforderungen gestellt als an ihre männlichen Kollegen.

Die Quoten haben in den vergangenen 40 Jahren dazu geführt, dass gläserne Decken sich nach oben verschoben haben. So lange es diese gläsernen Decken immer noch gibt, so lange sie nicht gesprengt sind, braucht es Quoten. Vermutlich wird es deshalb noch eine Weile Quoten geben müssen. Quoten können für die eine oder andere Frau ein Sprungbrett sein – und das ist eine Chance.

Dabei muss ich eines festhalten: Frauen sind als Führungskraft nicht per se besser als Männer. Sie sind auch nicht schlechter in diesen Positionen. Es muss darum gehen, dass Frauen nicht die besseren Chefs sein müssen. Wir müssen hinnehmen können, dass Frauen genauso scheitern können wie Männer – ohne dass wir dann in absehbarer Zeit keiner Frau mehr eine Chancen geben nach dem Motto: „Wir haben gesehen, Frauen können das nicht.“ Wenn ein Mann scheitert, folgt ein anderer Mann nach – meistens jedenfalls. 

Gibt es Unterschiede zwischen einer weiblichen und eine männlichen Führungskraft?

Sternatz: Frauen hinterfragen sich mehr. Männer sind in der Regel selbstbewusster. Aber das ist es nicht allein. Frauen tragen nach wie vor in der Familie die Hauptsorgearbeit. Deshalb geht es weiblichen Führungskräften immer auch um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Es gibt eine Weisheit, die besagt: Hinter einem erfolgreichen Mann steht immer eine starke Frau. Eine Frau, die ihm den Rücken freihält. Hinter einer erfolgreichen Frau müsste auch ein Mann stehen. Das ist aber so noch zu selten  der Fall. Frauen haben, selbst wenn sich der Mann um die Kinder kümmert, also die Rollen getauscht wurden, kaum komplett den Rücken frei.

Gleichzeitig müssen wir uns fragen: Wie sieht das Lebens- und Erwerbsmodell der Zukunft aus? Eigentlich soll es darum gehen, dass beide – Frauen wie Männer – einer Erwerbsarbeit nachgehen. Dass sie sozialversichert sind, dass ihre Arbeitsplätze tarifvertraglich abgesichert sind. Das Unterhaltsrecht hat dieses Modell in den 80er Jahren bereits vorweg genommen. Das Versorgermodell, bei dem der Mann für den Unterhalt der Familie sorgt, die Frau sich um die Familie kümmert und höchstens was dazu verdient, geht nur so lange gut, wie die Ehe oder das Zusammenleben funktioniert. Scheitert die Beziehung, hat derjenige das Nachsehen, der den Beruf aufgegeben hat. Auch bei der Rente hat derjenige das Nachsehen.

Rollentausch steht aber nicht auf der Agenda?

Sternatz: Nein, Rollentausch kann nicht das Ziel sein. Es muss darum gehen, dass beide einen Beruf ausüben. Doch das geht eben nur, wenn Beruf und Familie vereinbar sind – wenn es genügend Kitas gibt, wenn die Ganztagsschule überall existiert, wenn es Hausaufgabenbetreuung und Möglichkeiten gibt, auf Pflegesituationen reagieren zu können. Wenn die eine oder andere Frau nicht nur einer Erwerbsarbeit nachgehen will, sondern auch eine Führungsposition anstrebt, dann muss ihr der Weg offen stehen. Es muss unterschiedliche Möglichkeiten geben – Teilzeit mit der Option zur Rückkehr zur Vollzeit zum Beispiel oder Führung in Teilzeit wenn es individuell gewünscht ist. Vielleicht auch ein paar Monate aussetzen. Das Leben stellt unterschiedliche Anforderungen an die Beschäftigten und deshalb braucht es unterschiedliche Möglichkeiten für die unterschiedlichen Lebensphasen eines Menschen. Wissenschaftler sind sich sicher: In Zukunft wird die lebensphasenorientierte Personalpolitik eine große Rolle spielen. Unternehmen, die den Bedürfnissen, die die Arbeitnehmer in den unterschiedlichen Lebensphasen haben gerecht werden, werden die Nase vorn haben. Das heißt, Die Unternehmen können nicht nur mit Geld punkten, gerade der jungen Generation geht es auch um die Rahmenbedingungen – weil für sie die Freizeit zählt, die Familie, die Freunde, die Hobbys. Wenn sich der öffentliche Dienst an dieser Art der Personalpolitik orientieren würde, würde er an Attraktivität gegenüber der Wirtschaft gewinnen.

Was können Gewerkschaften in Sachen Gleichstellung tun?

Sternatz: Wir müssen auf die Betriebe blicken. Die Gleichstellungsbeauftragen achten darauf, dass die gleichstellungspolitischen Ziele umgesetzt werden – in der täglichen Arbeit, der der Besetzung von Stellen. Wir als Gewerkschaft unterstützen die Gleichstellungsbeauftragen, wir schaffen den Raum, damit sich Gleichstellungsbeauftragte weiterbilden und sich austauchen können. Gleichzeitig setzt ver.di auf die Qualifizierung von  Personalräten. Damit auch sie sich stärker für die gleichstellungspolitischen Ziele einsetzen.

Dann haben Gewerkschaften – wie in anderen Bereichen auch – in Sachen Gleichstellung eine große Vorbildfunktion. Ver.di - und auch zuvor schon die ÖTV – setzt auf die Quote. Und wie gesagt: Die Quote wird so lange gebraucht, bis es  auch in den Köpfen keine Rolle spielt, ob eine Frau sich für die Stelle beworben hat oder ein Mann. So lange, bis sich die Beurteilung tatsächlich das Können und das Engagement bezieht und keine Vorurteile zum  Geschlecht des Beurteilten beinhaltet. Da haben wir noch einiges zu tun.

Junge Frauen sind in Sachen Gleichstellung nur schwer mitzunehmen.

Sternatz: Das ist ein Grundproblem. Diese jungen Frauen sehen Erreichtes als selbstverständlich an. Sie sehen die Steine nicht, die ihre Mütter aus dem Weg geräumt haben. Wobei sich meist das Verständnis für die Notwendigkeit von Gleichstellung erst entwickelt, wenn die Betreffende entsprechende Erfahrungen gemacht hat. Wenn sie hautnah miterlebt hat, dass sie das Nachsehen hatte – weil sie weiblich ist.

Das heißt: immer wieder sensibilisieren?

Sternatz: Da dürfen wir nicht nachlassen. Denn Gleichstellung ist eine fragile Angelegenheit. Es kann auch rückwärts gehen. Und wir müssen Chancen nutzen. Der demografische Wandel zum Beispiel könnte den Frauen eine Tür weit öffnen. Könnte. Muss aber nicht. In Folge des demografischen Wandels werden Frauen als Fachkräfte gebraucht. Wir müssen uns dafür einsetzen, dass die Verwaltung und die Unternehmen die Frauen als Chance begreifen und mehr Frauen in Führungspositionen bringen. Derzeit findet das noch nicht statt. Wir müssen auf mehr Transparenz bei der Stellenvergabe dringen – gerade was die Stellen im öffentlichen Dienst betrifft. Und wir Frauen müssen uns eines klarmachen: Die Babyboomer gehen in den nächsten Jahren in Rente. Ihre Stellen müssen besetzt werden. Wenn wir es nicht schaffen, diese Stellen verstärkt mit Frauen zu besetzen, geht die Tür für Frauen in Führungspositionen erstmal wieder zu – für die nächsten zehn bis 15 Jahre. So lange dauert es, bis diese neuen Führungskräfte dann ins Rentenalter kommen und ihre Stelle wieder freimachen.

Fragen von Jana Bender