Fachdialog "Nie mehr ohne"

Wenn Stolpersteine die Frauen bremsen

Auf dem Podium

Podiumsdiskussion Prusseit Podiumsdiskussion

Trotz Frauenförderung und Gleichstellungsgesetzen sind Frauen in Führungspositionen rar. Das trifft selbst in Branchen zu, in denen überwiegend Frauen arbeiten. Chefs sind die Männer – sagt die Statistik. Und wie sieht die Situation in den Verwaltungen, Betrieben und Einrichtungen genau aus? Stimmen Erfahrung und Zahlen überein? Und was sind die Gründe dafür? Was haben Frauen bisher erreicht und welche Herausforderungen sehen sie für die Zukunft? Diesen Fragen geht die Podiumsdiskussion nach, an der sich Beschäftigte, Gleichstellungsbeauftragte, eine Arbeitnehmervertreterin und zwei Chefs beteiligen - eine Frau und ein Mann.

Barbara Ludwig hat als Oberbürgermeisterin von Chemnitz etwa 3500 Beschäftigte unter sich. Im Tiefbau sind es mehr Männer, auch in den mittleren Führungsebenen; Kitas werden von Frauen geleistet. Es mischt sich immer mehr, beobachtet sie. 62 Prozent der Führungskräfte in Chemnitz sind Frauen. Doch auch Ludwig weiß: „Das klingt hervorragend, doch nach oben wird es dünn.“ Sie kann sich noch gut daran erinnern, wie sie den Sprung von der Landtagsabgeordneten und Ministerin zur Oberbürgermeisterin macht. Auch an die Blicke kann sie sich erinnern – von Frauen wie von Männern -, die ziemlich deutlich fragten: Wie macht die das wohl? Kann die das? Wie sieht sie aus? Ludwig ist sich sicher: Männer in diesen Positionen werden weit weniger gründlich und kritisch begutachtet.

„Ich versuche, Frauen zu ermutigen, sich auf Führungspositionen zu bewerben“, erzählt Ludwig, Abteilungs- oder Amtsleiterinnen zu werden. Oder in den Vorstand  der Sparkasse zu gehen. Bei der Sparkasse Chemnitz sind sechs Personen im Vorstand, alle um die 40 Jahre, alles sechs sind Männer. Ludwig hat deshalb nun ein Nachwuchsprogramm gestartet, das Frauen ermutigen soll, Vorstand einer Sparkasse zu werden. Ludwig: „Ich bin mir sicher, dass einige das tun werden und dass sie gut als Vorstand sind.“ Ludwig hält viel von der Quote. Und weil sie bald auch für die Vorstände der Sparkassen gilt, spielt die Zeit den Frauen in die Hände, meint sie.

Frauenförderung, Gleichstellungsgesetzte signalisieren, dass viel passiert. Unterm Strich aber sind  die Ergebnisse oft mager. „Klar gibt es Gesetze – doch es fehlt an der Umsetzung“, stellt Heike Rippert, Personalrätin der Stadt Stuttgart, fest. Sie spricht von Widerständen, die die Frauenförderung immer wieder erfährt. Da ist Banales darunter, zum Beispiel dass die Büroräume nicht so ausgestattet sind, wie es eigentlich nötig wäre. Die Folge: Die Gleichstellungsbeauftragten arbeiten sich an Basics ab – und damit geht Energie für die eigentliche Arbeit flöten.

Politik der leeren Stühle

Wenn der Chef mit ganzen Herzen hinter der Gleichstellung steht, ist plötzlich vieles möglich, was lange Zeit gar nicht ging. Barbara Loth ist Staatssekretärin im Senat für Frauen Arbeit und Integration des Landes Berlin. Sie berichtet von einer gut ausgestatteten Frauenabteilung. Zudem: Der Berliner Regierungschef Klaus Wowereit (SPD) setzt sich für die Gleichstellung ein. Und so wurde jeder Senatorin und jedem Senator nach und nach bewusst, dass „er keinen Personalvorschlag durchbekommt, der nicht dem Gesetz entspricht“. Wenn keine Frau für einen bestimmten Posten gefunden wird, bleibt die Stelle frei.  Zwar hat Berlin auch weiterhin ein Frauendefizit bei den Abteilungsleitern. Aber die Politik der leeren Stühle habe dazu geführt, dass der Frauenanteil auch hier steigt. Auch der Frauenförderplan werde in Berlin ernst genommen. Das heißt: Jede Verwaltung muss darstellen, welche Maßnahmen sie ergreift, um die Gleichstellung voranzutreiben. Für Loth ist dieses Instrument einer der wichtigsten Hebel der Frauenpolitik.

Was ist noch zu tun? Die Ausführungsvorschriften des Gesetzes würden nach und nach konkretisiert und vereinheitlicht. Der Frauenförderplan sei ferner noch nicht mit der Personalentwicklung verzahnt. Das aber soll demnächst passieren.

Doch auch wenn die Leitung hinter der Frauenförderung steht, müssen die Frauen mitziehen. „Wir haben eine relativ hohe Quote weiblicher Berufseinsteiger“, berichtet Wolfgang Dold, Ministerialdirektor und Leiter der Abteilung 1 im Auswärtigen Amt. Doch je höher die Position, desto rarer sind die Frauen. Dold fragt deshalb: „Wir kommt es, dass sich der hohe Frauenanteil bei den Berufseinsteigern nicht übersetzt auf die Stellen?“ Vielleicht liegt es am Auswahlverfahren und auch am Beurteilungsbogen, die zu stark männlich geprägt waren. Deshalb wurden das Verfahren und der Beurteilungsbogen geändert, so dass es nun geschlechtergerechter zugeht.

Doch da ist noch die Rotation, die besagt, dass Botschafter regelmäßig ihren Einsatzort wechseln müssen. Dold nennt dies eine Hypothek, die selbst für die Partnerschaft und die Kinder nicht immer einfach ist. Im Inland sind Teilzeit und Teleheimarbeitsplätze selbstverständlich, für all jene, die im Ausland arbeiten, besteht Nachholbedarf. Und: „Es gibt keine Teilzeitbotschafter“, sagt Dold – nirgends auf der Welt. Zumindest bisher. Vielleicht muss das erst noch erfunden werden, wenn man will, dass mehr Frauen auch Botschafterin werden, meint Dold. Und manchmal ist die Sicherheitslage in den einzelnen Ländern so problematisch, dass Familie und Partner nicht mitkommen.  Offenbar sind das alles Faktoren, die Frauen abschrecken lassen. Dennoch versucht das Amt nach Dolds Worten die Strukturen und die Rahmenbedingungen zu verbessern. Weil gemischte Teams seiner Ansicht nach die besten Teams sind.

Solidarität

Solidarität zwischen Personalrat und Beschäftigten der Gleichstellungsstelle ist für Tilly Bair, Vorsitzende des Hauptpersonalrates des baden-württembergischen Innenministeriums und Beauftrage für Chancengleichheit, der zentrale Punkt – auch bei der Gleichstellung: „Wir wären nicht da, wo wir heute sind, wenn wir uns nicht solidarisiert hätten.“ Dennoch gibt es in Sachen Gleichstellung bei Führungspositionen im öffentlichen Dienst Baden-Württembergs noch viel Potenzial. Der Frauenanteil bei den Beschäftigten liegt bei 40 Prozent, doch nur von den 46 Dienststellen werden nur vier von Frauen geführt.  Dennoch wurde in den vergangenen 20 Jahren  einiges erreicht, meint Bair: So steht in den Ausschreibungen für Führungspositionen, dass die Posten auch in Teilzeit ausgeübt werden können. „Das war ein harter Kampf“, erzählt Bair. Seit 2012 haben auch Beamte die Möglichkeit, in Teilzeit zu gehen; auch in Führungspositionen sind Telearbeitsplätze möglich. Und auch in Sachen Kinderbetreuung hat sich einiges getan – inzwischen gibt es beim Innenministerium eine Kita, die Kinder ab dem dritten Lebensmonat aufnimmt.  

Beate Zins-Guenzel, Gleichstellungsbeauftragte im Ministerium für Inneres und Sport in Sachsen-Anhalt, ist skeptisch, ob spezielle Frauenfördermaßnahmen tatsächlich mehr Frauen in Chefpositionen bringt. „Die Frauen wollen keine Sonderschiene“, weiß Zins-Guenzel. Maßnahmen, die für Männer wie für Frauen zugänglich sind, die zum Kern der Personalentwicklung gehören, werden offenbar von Frauen besser akzeptiert.

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Shame und blame

Wo sind die Hürden, die Stolpersteine für die Frauen? Was hindert sie daran, in der Verwaltung, in der Einrichtung aufzusteigen? Wo muss angesetzt werden, um effektiv etwas zu verbessern? „Es braucht Transparenz“, ist sich Staatssekretärin Loth sicher. Und zwar bei den offenen Stellen. „Damit wir konkret eine Frau ansprechen können.“ Loth wirbt auch für das so genannte Konzept Kompetenz plus, das in Berlin offeriert wird. Hier können Frauen wie Männer überprüfen, ob sie für eine Führungsposition geeignet sind, welche Erfahrungen, welche Qualitäten dafür gebraucht werden. Doch Loth geht noch weiter: Eine Berichtspflicht könne helfen, ist sie sich sicher: In regelmäßigen Abständen sollen die Abteilungen erklären müssen, was in Sachen Gleichstellung erreicht wurde – oder auch nicht. Denn wer will schon dauernd am Pranger stehen, weil die Frauenquote auf einem niedrigen Niveau verharrt. „Shame und blame“ – dieses Prinzip trägt für Loth dazu bei, dass mehr Frauen in Chefposten aufrücken.

Oberbürgermeisterin Ludwig lenkt den Fokus auf die Wahlämter. Es ist nicht jedermanns und schon gar nicht jederfraus Frau, sich so zu exponieren, glaubt sie. Hinzu kommt: Da, wo die Chancen besonders groß sind, gewählt zu werden, kandidieren Männer. Und dort, wo es schwierig wird, haben es Frauen leichter, hat Ludwig beobachtet. Aber generell scheuen Frauen offenbar vor einem Wahlamt zurück.

Die Stuttgarter Personalrätin Rippert sieht Stolpersteine in der Umsetzung der Gesetze. Unter anderem, weil die Regelungen oft zu weich formuliert sind – nämlich als Kann- oder als Soll- und zu wenig als Muss-Vorschriften. Und: Wer Karriere machen will, muss die Familie hintan stellen. Weil in Führungspositionen in Teilzeit in der Theorie zwar möglich sind, in der Praxis aber nicht existieren. „Das blockieren die Arbeitgeber“, weiß Rippert. Als Führungskraft sind ihrer Ansicht nach familienfreundliche Arbeitszeiten nicht möglich – jedenfalls derzeit nicht.

Hohe Arbeitslast

Dold sieht keine Blockadehaltung der Arbeitgeber. Er sieht das Problem eher bei den möglichen Teilzeitführungskräften und den anderen Mitgliedern des Teams. Er erzählt von Ausschreibungen, bei denen Teilzeitführungskräfte gesucht wurden und keine Bewerbungen eingingen. Bei Rückfragen stellte sich heraus: Die Frauen, die für diese Position in Frage kamen, hatten sich bewusst nicht beworben. Weil sie sich nicht den Blicken und stummen Anfeindungen der Kolleginnen und Kollegen oder der Untergebenen aussetzen wollten, die genau registrieren, zu welchem Zeitpunkt die Teilzeitchefin das Büro verlässt – was offenbar viele Frauen abschreckt, eine Teilzeitchefin zu werden. Dold verweist auf die hohe Arbeitslast, die nahezu überall geschultert werden muss. Nach wie vor ist es für ihn so, dass Teilzeitkräfte sich stillschweigend anhören müssen, sie würden die Arbeit nicht mittragen. Dold wertet diese Reaktion als ein strukturelles Problem, das nicht so leicht aufgelöst werden kann. „Die Männer haben es insofern einfacher, als sie sich nicht so um die Familie kümmern“, meint Dold.

Zins-Günzel widerspricht und erzählt von mehreren Vorgesetzten in Teilzeit in Sachsen-Anhalt, übrigens Frauen wie Männer. Und das funktioniert. Und auch Tilly Baier betont: „Teilzeit und Führung lassen sich vereinbaren.“ Wenn man will, geht alles, sagt sie. Es brauche nur Personalräte, die entsprechende Dienstvereinbarungen mit dem Arbeitgeber aushandeln. So gibt es in den Landesbehörden in Baden-Württemberg keine Kern- und keine festen Arbeitszeiten mehr, sondern es gelten vielmehr Funktionszeiten. Wobei der Rahmen der Funktionszeiten von  06.00 bis 20.00 Uhr liegt.

Warum aber kommen trotz dieser guten Regelung die Frauen in den echten Führungsriegen so selten vor und sind allenfalls in den unteren und mittleren Ebenen angemessen vertreten? Weil das Land das Pensionsalter geändert hat, erläutert Bair. Beamte können nun – wenn sie wollen – bis zu ihrem 68. Geburtstag arbeiten. Als Bonbon für dieses Engagement bekommen wie – wenn sie dann 45 Jahre im Dienst waren – noch zehn Prozent ihrer Pension obendrauf. Und wer macht von diesem Angebot Gebrauch? Genau: Führungskräfte. Sie bleiben bis 68 auf ihrem Posten. Man braucht kaum zu erwähnen, dass es sich dabei um Männer handelt. Wie sollen Frauen aufsteigen, wenn die attraktiven Stellen über Gebühr besetzt sind?