Fachdialog "Nie mehr ohne"

Je höher die Position, desto rarer sind Frauen

Nur wenige schaffen es in die Spitze

Julia Schimeta Prusseit Julia Schimeta

Je höher die Position, desto rarer sind Frauen. Das ist nicht nur in der Wirtschaft so, das trifft auch auf die öffentliche Verwaltung zu – trotz aller Gleichstellungsgesetze, trotz aller Gleichstellungsbeauftragten und trotz des hohen Frauenanteils in verschiedenen öffentlichen Bereichen wie Bildung, Gesundheit und Soziales. Für die meisten Frauen ist dieser Umstand nichts Neues, gefühlt haben sie es längst. Doch nun haben sie es schwarz auf weiß: Die Studie von Julia Schimeta bestätigt als bundesweiten Trend, was viele Frauen in den Einrichtungen beobachten. Frauen in Führungspositionen? Fehlanzeige.

53 Prozent aller Beschäftigten im öffentlichen Sektor sind Frauen. Unter den Teilzeitbeschäftigten sind 81 Prozent Frauen. Sie sind überrepräsentiert im Schuldienst, in Kindertagesstätten, in Krankenhäusern und in der sozialen Sicherung. Verhältnismäßig wenig Frauen arbeiten dagegen in der Polizei, beim Militär, bei der Energieversorgung und beim Verkehr.

Jede dritte Führungsposition ist von einer Frau besetzt. Das klingt erstmal nicht schlecht. Doch Schimeta weiß auf Folgendes hin: Es ist nicht eindeutig definiert, was unter einer Führungsposition zu verstehen ist. Oftmals rechnen die Behörden und Einrichtungen auch alle ihre hochqualifizierten Fachkräfte zu dieser Rubrik, auch wenn diese Fachkräfte keine Leitungsfunktionen haben und keine ihnen untergebenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es soll gar schon vorgekommen sein, dass der Anteil der Frauen in Führungspositionen sozusagen über Nacht stieg: Die Chefs stellen fest, dass ihr Frauenanteil in Führungspositionen sich allzu mickrig in der Statistik ausmachte und definierten kurzerhand um. So gesehen dürfte der Frauenanteil in echten Führungspositionen deutlich unter den 30 Prozent liegen, ist sich Schimeta sicher.

Aber ob es nun tatsächlich 30 Prozent sind oder nur 20 Prozent – eines gilt allemal: Je höher die Position, desto geringer der Frauenanteil. „Es sind die gläsernen Decken“, sagt Schimeta, die  die Frauen bei der zweiten und dritten Führungsebene stoppen. Und wenn sich Frauen in der Politik engagieren, landen sie meist in den Bereichen Frauen-, Familien- und Sozialpolitik, selten bei den Finanzen oder dem Verkehr. Allerdings: In Ostdeutschland haben es tendenziell mehr Frauen in Führungspositionen geschafft als im Westen.

Dabei räumt Schimeta ein, dass es im öffentlichen Sektor tatsächlich nicht ganz einfach ist, wissenschaftlich festzuzurren, was unter einer Führungsposition zu verstehen ist. So sind 15 Prozent derjenigen, die zur Spitzenbesoldungsgruppe gehören, Frauen. Doch mit einem solchen Spitzengehalt ist nicht unbedingt eine Führungsposition verbunden. Oder Botschafter: Von den 153 Positionen, die Deutschland hier besetzt hat, sind 17 Frauen. Das entspricht einem Anteil von 11 Prozent. „In den Aufsichtsräten großer Unternehmen finden wir mehr Frauen als unter den Botschaftern“, sagt Schimeta. 

Niedrig ist der Frauenanteil auch in den Führungspositionen öffentlicher Unternehmen. Wobei die großen öffentlich-rechtlichen Banken und Sparkassen – die einen Frauenanteil unter den Beschäftigten von rund 60 Prozent verzeichnen - mit einem Frauenanteil von 4,7 Prozent unter den Vorständen das einsame Schlusslicht stellen. Allerdings muss man hier feststellen: Der Anteil hat sich in den vergangenen Jahren deutlich erhöht. 2010 waren nur zwei Prozent der Vorstandsposten bei den großen öffentlich-rechtlichen Banken von Frauen besetzt.

Und wie sieht es bei den kommunalen Unternehmen aus? Der Frauenanteil in den Führungsebenen nimmt zu – langsam, sehr langsam und nicht überall. In Stuttgart und Berlin sind regelrechte Sprünge nach oben zu verzeichnen, in Hannover, Wiesbaden, Düsseldorf, Bremen und vor allem in Kiel ging es zwischen 2006 und 2009 bergab. Lag der Frauenanteil in Aufsichtsräten der Beteiligungsunternehmen der Stadt Kiel 2006 bei 26,1 Prozent, 2009 waren es schlappe 11,9 Prozent. Schimata schließt aus dieser Datenlage: „Der Frauenanteil in Führungspositionen kommunaler Unternehmen ist weder eine Errungenschaft noch ein Selbstläufer, der Jahr um Jahr steigt. Das Erreichte kann auch wieder zurückgedreht werden.“ Im internationalen Vergleich übrigens ist Deutschland Mittelmaß und steht zwischen Estland und Kroatien. „Da ist noch viel Luft nach oben“, ist Schimeta überzeugt.

Ihr Fazit: In Sachen Gleichstellung in Führungspositionen wird der „öffentliche Sektor seiner Vorbildfunktion nicht gerecht.“ Trotz Frauenförderung und  Gleichstellungsgesetzen. Deshalb plädiert Schimeta unter anderem dafür, dass die Wirkung der Gleichstellungsgesetze verbessert werden muss. Sie dringt auf klare Zielvorgaben, effektive Förderungsinstrumente, auf Anreiz- und Sanktionsmöglichkeiten. An den Gesetzestexten hat Schimeta meist nichts auszusetzen. Im Gegenteil, die Gesetze seien meist gut. Sie würden aber oft nur mangelhaft umgesetzt. Deshalb müsste besser kontrolliert werden, ob und wie die Förderinstrumente angewendet werden. Und vor allem müsse die Datengrundlage verbessert werden: „Transparenz schaffen“ – so lautet denn auch ihre Hauptforderung.