Frauen

Prekäre Beschäftigung trifft vor allem Frauen

Gender

Prekäre Beschäftigung

Renate Sternatz Bender Renate Sternatz

Frauen verdienen immer noch weniger als Männer. An den Tarifverträgen liegt es nicht, denn sie machen keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern. Aber nach wie vor sind es die Frauen, die Teilzeit arbeiten oder gar nur einen Minijob innehaben. Prekäre Beschäftigung trifft vor allem Frauen – und das muss die Gewerkschaft in Zukunft noch mehr im Blick haben, ist sich Renate Sternatz, Bereichsleiterin Gemeinden in der ver.di-Bundesverwaltung, sicher.

Frauen verdienen weniger als Männer.

Sternatz:  Leider ist das nach wie vor so: Trotz Tarifverträge verdienen Frauen weniger als Männer, Frauen sind seltener in Führungspositionen. Dabei habe ich nicht das Top-Management in der Verwaltung im Blick, sondern auch das mittlere Management. Allerdings – und das ist ein positiver Aspekt: Die Zahl der weiblichen Abteilungsleiter hat in den vergangenen Jahren zugenommen.

Und es gibt weiter die echten Frauenberufe?

Sternatz: Allerdings. Beispiel Erzieherinnen. Das ist nach wie vor der Frauenberuf schlechthin. Und er wird immer noch nicht angemessen genug  bezahlt. Deshalb dringt ver.di auch weiterhin darauf, dass die erzieherischen Berufe aufgewertet werden. Dass dieser Beruf im Vergleich zu anderen Berufen mit einer ähnlich hohen Belastung und einer ähnlich hohen Verantwortung schlecht bezahlt wird, hängt ganz sicher auch damit zusammen, dass es ein Frauenberuf ist. Wären mehr Männer als Erzieher tätig, müssten wir uns über die Aufwertung dieses Berufes keine Gedanken machen.

Junge Frauen klagen darüber, dass sie oft nur befristet eingestellt werden.

Sternatz: Da muss man sagen: Es sind nicht nur die jungen Frauen, die immer wieder befristete Arbeitsverträge unterschreiben. Die Befristungen sind zur Unsitte geworden. Damit wollen sich die Arbeitgeber – auch die öffentlichen – alle Optionen offen lassen. Für die Beschäftigten sind solche Befristungen nur schwer hinzunehmen. Denn sie verhindern, dass die jungen Leute ihr Leben planen können. Sie hangeln sich von Befristung zu Befristung. Dass die Gerichte diese Dauerbefristung nun auch noch abgesegnet haben, macht es für die jungen Leute umso schwerer, sich eine Existenz aufzubauen, in der auch Kinder vorgesehen sind. Umso schwerer wiegt, dass viele Befristungen auch noch in Teilzeit vergeben werden.

Und damit sind wir wieder bei den Frauen?

Sternatz: Genau: Nach wie vor sind es vor allem die Frauen, die Teilzeit arbeiten, nach wie vor sind es die vor allem die Frauen, die prekäre Stellen innehaben. Und das ist nicht nur eine Tendenz in der freien Wirtschaft, prekäre Beschäftigung gibt es genauso im öffentlichen Dienst: Da ist die Schulsekretärin, die gerne eine Vollzeitstelle hätte, weil sie von 25 Stunden die Wochen nicht leben kann, aber sie kann ihre Stelle nicht aufstocken. Auch in vielen Pflegereinrichtungen sehen die Verantwortlichen inzwischen den Vorteil von Teilzeitstellen –nämlich, dass sie gerade für den Wochenenddienst viel mehr Beschäftigte haben, die eingesetzt werden können. Viele Teilzeitkräfte erschweren nicht die Planung, sondern erleichtern sie. Die Beschäftigten aber würden gerne mehr Stunden die Woche arbeiten, weil sie von einem Halbtagsjob nicht leben können. Ganz abgesehen davon, dass sie als Teilzeitkraft auch nur ungenügend in die Rentenversicherung einzahlen. Spätestens beim Renteneintritt bekommen sie die Rechnung präsentiert.

Was bedeutet das für die Frauenpolitik des Fachbereichs?

Sternatz: Es muss uns weiterhin darum gehen, dass gleiche Arbeit gleich bezahlt wird – und zwar in Wirklichkeit. Der Tarifvertrag macht keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern. Dennoch zeigen Untersuchungen: Je länger die Berufstätigkeit andauert, desto mehr geht die Schere zwischen dem Verdienst von Frauen und Männern auseinander. Frauenarbeit wird offenbar nach wie vor schlechter bewertet. Da liegen noch dicke Bretter, die wir bohren müssen.

Doch darum geht es nicht alleine. Wir müssen weiterhin die Rahmenbedingungen im Blick haben, die Zwangsteilzeit ebenso wie Minijobs oder Befristungen. Denn von prekärer Beschäftigung sind in der Regel Frauen betroffen. Pflege ist zudem wichtiges Thema, denn es sind nach wie vor die Frauen, die pflegen – teilweise neben ihrem Beruf. Oder aber sie geben den Beruf auf, um zu pflegen, und kommen nach der Pflegezeit kaum noch in den Job zurück. Und wir müssen uns um Weiterbildung kümmern – gerade für die Frauen. Es darf nicht sein, dass Frauen jenseits der 40 Jahre nur noch schwer in Weiterbildungsmaßnahmen kommen.

Unterm Strich heißt das: Wir müssen dran bleiben – Gleichstellung geht nicht von alleine. Nur wenn die Frauen immer wieder darauf pochen und die Benachteiligung benennen, nur wenn sie nicht locker lassen, wird Gleichstellung Wirklichkeit. Dabei müssen wir uns im Klaren darüber sein, dass es auch Rückschläge gibt. Beispiel Teilzeit: Wir haben dafür gekämpft, dass es Teilzeitstellen überhaupt gibt. Nur so, wie die Teilzeit heute, oft ausgestattet ist, so hatten die Frauen das vor 20 Jahren nicht gewollt. Teilzeit darf nicht zur Sackgasse werden. Wer in Teilzeit geht, muss auch wieder aufstocken können. Dass das möglich ist, machen einige Unternehmen der Verwaltung vor.

Fragen von Jana Bender/2012