Frauen

Öffentlicher Dienst muss Vorbild sein

Dokumentation

Veranstaltung "Fair statt prekär"

Fair statt prekär: Gute und geschlechtergerechte Arbeitsverhältnisse im öffentlichen Dienst

Der öffentliche Dienst hat an Attraktivität eingebüßt. Mehr noch: Was Befristungen angeht, überflügelt der öffentliche Dienst die Wirtschaft. Ähnlich sieht es bei Teilzeit aus. Wobei viele der Teilzeitbeschäftigten – in der Regel sind es immer noch Frauen – gerne aufstocken wurden, einige gar auf Vollzeit. Und was die Aufstiegsmöglichkeiten von Frauen betrifft, ist der öffentliche Dienst auch alles andere als ein Vorbild, obwohl im öffentlichen Dienst inzwischen mehr Frauen arbeiten als Männer. Die gemeinsame Veranstaltung von ver.di und der Friedrich-Ebert-Stiftung mit dem Titel „Fair statt prekär“ ging deshalb der Frage nach, wie gute und geschlechtergerechte Arbeitsverhältnisse im öffentlichen Dienst aussehen müssen. Dabei wurde schnell deutlich: Es gibt noch viel tun – betrieblich, tariflich und gesellschaftlich.

Nein, wirklich fair geht es auch im öffentlichen Dienst nicht zu. Mehr noch: In den vergangenen Jahren hat sich die Situation verschärft. Nicht nur, dass in den vergangenen 25 Jahren jede Menge Stellen gestrichen wurden und so die Zahl der Beschäftigten insgesamt von 6,8 Millionen auf 4,5 Millionen sanken. Die Zahl der Teilzeitstellen nahm auch deutlich zu. Gleichzeitig aber nahmen die Aufgaben nicht ab, sie wurden eher komplexer. Für die verbliebenen Beschäftigten hieß das: Arbeitsverdichtung, Die Teilzeitstellen sind auch nicht immer auf der Wunsch der Beschäftigten entstanden. In den Kliniken, in der Pflege haben die Verantwortlichen erkannt, dass sich ungünstige Dienste besser mit Teilzeitkräften organisieren lassen. Viele Stellen gibt es in inzwischen nur noch in Teilzeit.

Teilzeit aber bedeutet auch deutlich weniger Geld. Kein Wunder, dass viele Frauen gerne aufstocken würden. Teilzeiteinkommen bedeutet auch nur eine kleine Rente – die in der Regel zum Leben nicht reicht.

Befristungen treffen oft Frauen

Doch das ist nicht alles. Die Soziologin Dr. Elke Wiechmann von der Fern-Universität Hagen verweist auf die Untugend, die sich seit Jahren im öffentlichen Dienst ausbreitet: Kaum eine Stelle, die nicht befristet vergeben wird. Bei dieser Praxis übertrumpft der öffentliche Dienst gar die Privatwirtschaft. Noch mehr Befristungen als im öffentlichen Dienst verzeichnet Wiechmann nur bei den Nicht-Regierungsorganisationen, den Verbänden, den Vereinen, den Institutionen, also dem sogenannten Dritten Sektor, und bei der Wissenschaft. Befristungen treffen vor allem junge Beschäftigte – zwischen 25 und 35 Jahren. Und es sind oft Frauen. Befristungen haben Unsicherheit zur Folge. Wer plant, eine Familie zu gründen, sich ein Heim zu schaffen, wenn er nicht weiß, wie und wo es beruflich nach der Befristung weitergeht. Wobei: Befristungen laufen eben nicht auf ein oder zwei Jahre. Manchmal sind es nur ein paar Monate, die der Arbeitsvertrag garantiert. Und Stellenausschreibungen  machen zudem deutlich: Es gibt jede Menge Stellen, die sind befristet und Teilzeit. Wobei offenbar die Verwaltungen nur einen sehr engen Spielraum bei den Befristungen haben: Gitta Brockmann, Gleichstellungsbeauftragte der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben Direktion Potsdam, erinnert daran, dass die Politik den Unterbehörden die befristeten Stellen zuweist. Befristungen sind für sie kein Problem der Ministerien oder des Zolls. „Befristungen sind ein Problem der Unterbehörden.“ Mit den Befristungen aber wird ihrer Ansicht nach die gesamte Arbeit einer Behörde abgewertet.

Der Sündenfall des öffentlichen Dienstes

Doch nicht in jeder Stadtverwaltung, in jeder Landesbehörde sind Befristungen das Probleme Nummer 1 – das sind, steht außer Frage. Aber kaum ein Personalrat einer Hochschule, der nicht ein Lied davon singen kann. Wiebke Körlin, Vorsitzende des Hauptpersonalrates des Ministeriums für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur Rheinland-Pfalz, nennt die massenhaften Befristungen den „Sündenfall des öffentlichen Dienstes“. Und ein Risiko für den Wissenschaftsstandort Deutschland. Auch weil es in der Regel nicht nur um ein befristetes Arbeitsverhältnis im Leben eines jungen Menschen geht. Oft reiht sich eine Befristung an die andere, endlose Probezeit, endlose Unsicherheit. Sie fordert deshalb: „Es braucht tarifliche Befristungsregelungen.“

Für Birgit Adamek dagegen, Gleichstellungsbeauftrage der Stadt Erfurt, sind Befristungen kein Problem. Nicht dass Erfurt unbefristete Stellen ausschreiben würde. Im Gegenteil. Auch dort werden die Kolleginnen und Kollegen zunächst befristet eingestellt – aber viele von ihnen wechseln noch während ihrer Befristung auf eine unbefristete Stelle in der Verwaltung. Adamek hat den Fokus mehr auf Gleichstellung gerichtet, beklagt die ihrer Ansicht nach mangelnde Informationskultur und das fehlende Wir-Gefühl in der Verwaltung. Aber sie sieht auch Positives: So habe sich die die Zusammenarbeit zwischen der Gleichstellungsbeauftragten und dem Personalrat gut entwickelt. Diese Zusammenarbeit erleichtert es beiden, sich einerseits für die Interessen der Beschäftigten einzusetzen, anderseits sich mit vereinter Kraft für die Frauenförderung stark zu machen. „Wir haben gemeinsame Erfolge – das tut beiden Seiten gut“, betont sie.

Was Adamek vor allem umtreibt: Nach wie vor werden Stellen gestrichen, die frei wurden, weil Kolleginnen und Kollegen in Rente gingen. Die Aufgaben aber bleiben gleich. „Wir haben es versäumt, den Aufgabenkatalog zu beleuchten“, räumt sie ein. Auch mit Blick auf die Frauenförderung dringt sie darauf, dass im öffentlichen Dienst die Möglichkeiten der Personalentwicklung besser ausgeschöpft werden.  

Auch Wiechmann dringt auf eine bessere, langfristigere Personalentwicklung, die nicht nur zwei oder drei Jahre im Blick hat, sondern vielmehr ein oder zwei Jahrzehnte. Auch bei Sparmaßnahmen dürfen die Kommunen laut Wiechmann nicht nur die gegenwärtige Situation schauen, sondern müssen auch das künftig Erforderliche im Blick haben. Für Körlin bleibt die Quote eine Möglichkeit, Frauen zu fördern. „Die Quote ist unumstößlich und deshalb nicht verhandelbar“, betont sie. Die Quote – zum Beispiel in Aufsichtsräten – sei dennoch kein Selbstläufer in Sachen Geschlechtergerechtigkeit, aber „sie ist die Voraussetzung dafür“. Gleichstellungspolitik ist für Körlin Bestandteil von Guter Arbeit. Sie will Gleichstellungspolitik aufgenommen wissen in die Leitbilder und Ziele der Kommunen und Verwaltungen.

Frauenförderung besser ausschöpfen

Auch die Genderexpertin Dr. Barbara Stiegler dringt darauf, die Möglichkeiten der Frauenförderung besser auszuschöpfen. Denn Frauen bekommen derzeit nicht ihren Anteil an Positionen, Geld und Macht. Nach wie vor stoßen Frauen an gläserne Decken, wenn es um Führungspositionen geht. Und nach wie vor werden Frauenberufe schlechter bewertet als typische Männerberufe. In der Regel werden typische Voraussetzungen für diese Berufe und typische Belastungen, die diese Berufe mit sich bringen, in dem Bewertungssystem gar nicht erfasst. Zudem sind viele Frauenberufe Sackgassenberufe. Aufstiegsmöglichkeiten? Fehlanzeige. Dass es so ist, hängt ihrer Ansicht nach auch mit den traditionellen Geschlechterrollen zusammen, die übrigens sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen sich immer wieder zeigen. Diese Unterbewertung der Frauenberufe spiegelt sich auch in den Bewertungssystemen der Tarifverträge.

Frauenberufe aufwerten

Gegen diese traditionellen Bewertungssysteme macht ver.di seit geraumer Zeit für den Bereich Sozial- und Erziehungsdienest mobil. Mit dem Tarifabschluss von 2015 für die Berufe des Sozial- und Erziehungsdienstes im öffentlichen Dienst sind Schritte zur Aufwertung dieser Berufe gelungen. Darauf verweist Renate Sternatz, Bereichsleiterin Gemeinden bei der ver.di-Bundesverwaltung. „Es ist wichtig, diese Schritte auch wahrzunehmen“, sagt sie. Zu sehen, dass etwas passiert. Für Sternatz ist die Forderung nach Aufwertung der Frauenberufe immer auch eine gesellschaftliche Position. Denn diese  Aufwertung sei nicht allein tariflich zu meistern. Sie müsse von der Gesellschaft getragen werden.

Sternatz erinnert an die heftigen Diskussionen um die Quote in Aufsichtsräten. Keine Frage, eine solche Quote wird dazu beitragen, dass endlich auch mehr Frauen in diesen Gremien über die Zukunft der Unternehmen mitentscheiden. Aber diese Frauenquote „betrifft nicht den Alltag der meisten Frauen, nicht deren Lebenssituation und Lebenschancen“. Und sie fordert: Die Menschen müssen in ihrer Lebenswirklichkeit abgeholt werden.“

Und damit kommen Befristungen wieder ins Blickfeld, feste Kriterien für Chancengleichheit, die Vorbildrolle des öffentlichen Dienstes, der die Verwaltungen, Ministerien und Einrichtungen zu oft nicht gerecht werden. Da sind die jungen Väter, die nach wie vor Probleme bekommen, wenn sie in Elternzeit gehen wollen. „Wir brauchen Chancengleichheit auch für die Väter.“ Und flexible Arbeitszeitmodelle.

Altersarmut im öffentlichen Dienst ist ein Frauenproblem

Warum nicht – wenn es familiär passt – mehr arbeiten, um diese Stunden einige Jahre später abzubummeln? Für die junge Familie, für das Hobby. Für junge Beschäftigte erscheinen solche Lebensarbeitsmodelle attraktiv. Die Fallstricke, die die Umsetzung mit sich bringt, stellen sie hintan. Diese Probleme müssen gelöst werden. Aber die Idee zu begraben, nur weil die Umsetzung schwierig ist? Auf keinen Fall.

Flexible Arbeitszeiten stehen bei vielen jungen Leuten hoch im Kurs. Denn sie wollen beides – Beruf und Familie, Beruf und Freunde, Beruf und Freizeit. Diese Flexibilisierung aber muss abgesichert sein. Wer in Teilzeit ist, muss wieder auf Vollzeit aufstocken können.

Solche Lebensarbeitszeitmodelle können – so sind viele von ihnen überzeugt, -  eine Möglichkeit sein, Altersarmut zu begegnen, die darin fußt, dass zu lange Teilzeit gearbeitet wurde, weil es die Stelle nur in Teilzeit gab. Und weil einmal Teilzeit leider oft immer Teilzeit bedeutet. Auch die Lohnlücke infolge der schlechteren Bewertung der Frauenberufe macht sich natürlich nicht nur während des Berufslebens bemerkbar, sondern erst recht im Alter, wenn es um die Rente geht. Weil die schlichte Logik gilt: niedrigerer Verdienst, niedrigere Rente. Und weil leider auch noch viele Frauen trotz der bekannt hohen Scheidungsquote sich zu wenig Gedanken um ihre eigene Rente machen: „Der Partner ist keine Altersvorsorge“, wird deshalb Ilona Zische-Grosse vom ver.di-Bundesfachbereichsfrauenvorstand nicht müde zu betonen. Die Sensibilisierung der Frauen in Sachen Altersvorsorge bleibt offenbar ein ewiges Thema.

Und: Die Rahmenbedingungen müssen sich ändern, sodass Frauen auch sozialversicherungspflichtig und Vollzeit arbeiten können. Das heißt zum Beispiel: Die Kinderbetreuung muss gesichert sein. Es braucht deshalb nicht nur noch mehr Kita-Plätze, sondern auch immer Ganztagsschulen. Zudem müssen Fehlanreize gekappt werden, die es heute allerorten gibt, wie Minijobs.

Vorbild öffentlicher Dienst

Und wie muss es mit der Aufwertung der Frauenberufe weitergehen? Als erstes müssen all die Fähigkeiten und Voraussetzungen, die für diese Berufe notwendig sind, in die Bewertung einfließen. Das gelingt aber nur, wenn auch die Frauen selbst anerkennen, dass diese Fähigkeiten wertvoll sind. Voraussetzung für die Aufwertung ist somit, dass die Frauen sich bewusst sind, wie wertvoll ihre Fähigkeiten sind.

Voraussetzung für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist die Erkenntnis, dass bestimmte Lebensphasen nicht vom Geschlecht abhängen dürfen. Die verschiedenen Lebensphasen der Menschen sind gesellschaftliche Realität. Ihnen gilt es gerecht zu werden. Nicht nur Frauen können und wollen für ihre Kinder, ihre Eltern da sein. Die Gesellschaft muss auch für Männer Möglichkeiten schaffen, sich einzubringen.

Zudem:  Kindererziehung braucht Zeit, Pflege der Eltern ebenso. Diese so genannte Care-Arbeit darf nicht dazu führen, dass die Frauen und Männer, die diese Care-Arbeit leisten, auf ihrer Karriereleiter stehen bleiben oder gar Schritte nach unten machen müssen. „Wir brauchen die Akzeptanz von vielfältigen Lebensmodellen und von vielfältigen Möglichkeiten der Umsetzung“, hieß es. Auch bei all dem muss der öffentliche Dienst Vorbild sein.