Fachgruppe Sozial-, Kinder- und Jugendhilfe

Es braucht passgenaue Lösungen

Gefährdungsbeurteilungen

Beate Runge privat Beate Runge

Das Erstellen von Gefährdungsbeurteilungen ist ein Prozess, in dem die Beschäftigten eine entscheidende Rolle spielen. Auch weil die Belastungen von Einrichtung zu Einrichtung unterschiedlich sind. Entsprechend müssen auch die Maßnahmen unterschiedlich sein, mit denen den Belastungen begegnet werden muss. Davon ist Beate Runge überzeugt. Die Biologin und Prozessbegleiterin unterstützt Kitas bei der Durchführung von Gefährdungsbeurteilungen insbesondere der psychischen Gefährdung. Ihre Erfahrung: Umfragen allein spiegeln nicht das tatsächliche Belastungsniveau. Aber Umfragen können dazu dienen, Workshops vorzubereiten, in denen die Betroffenen alle Aspekte der Belastung zur Sprache bringen und selbst Lösungsvorschläge unterbreiten.

Wie ernst nehmen die Arbeitgeber die psychische Gefährdungsbeurteilung?

Runge: Der psychische Aspekt ist Teil der Gefährdungsbeurteilung. Er muss somit ernst genommen werden. Mehr noch: Besonders auf die psychischen Aspekte gilt es in Kitas zu achten. Bei Kitas werden meist klassische Gefährdungen betrachtet. Für den klassischen Gesundheitsschutz gibt es Richtlinien. Auch hier wird eine reine Begehung durch den Verantwortlichen für Arbeitssicherheit nicht ausreichen. Man muss sich den Raum dann anschauen, wenn gearbeitet wird oder mit den Erzieherinnen reden. Beispiel: Eine Materialkammer ist aufgeräumt und es findet sich hier alles, was bei der Arbeit nicht täglich gebraucht wird bis unter die Decke und gut geordnet. Doch der erste Blick trügt. Denn erst im Gespräch wird deutlich, dass die Tassen, die ergänzend bei besonderen Anlässen eingesetzt werden, ganz oben im Regal stehen. Das bedeutet: Bei Bedarf holt sich die Erzieherin einen Stuhl, um an die Tassen zu kommen für eine Leiter oder eine zweite Person zum Helfen ist kein Platz in dem Materialraum. Das geht nicht. Aber eine solche Information erhält man erst im Gespräch vor Ort.

Allgemein muss man klar sagen: Gefährdungsbeurteilungen sind nicht Selbstzweck. Der Arbeitgeber muss Maßnahmen ergreifen, um die Gefährdungen zu vermeiden oder zumindest auf ein angemessenes Maß zu reduzieren. Das heißt: Die Ergebnisse von Gefährdungsbeurteilungen, zu denen auch immer die psychischen Gefährdungsbeurteilungen gehören, müssen ernst genommen werden und dürfen nicht einfach in der Schublade verschwinden.

Sie beraten die Kitas und helfen dabei, Gefährdungsbeurteilungen zu erstellen. Wie funktioniert das?

Runge: Eine Gefährdungsbeurteilung ist ein Prozess für den der Arbeitgeber verantwortlich ist. Es gibt unterschiedliche Methoden, die dabei angewandt werden – wie Begehungen, Umfragen oder Workshops. Wichtig ist immer, die Kolleginnen und Kollegen miteinzubeziehen. Eine Umfrage allein ist meiner Ansicht nach nicht zielführend. Sie ist begrenzt durch die Fragen, die gestellt werden. Aber sie kann dabei helfen, die Knackpunkte einer Einrichtung herauszufinden, zum Beispiel mit Fragen, die sich auf Belastungen beziehen und erst mal eher allgemein gehalten werden. Auf diese Knackpunkte können sich dann die Workshops durch tiefer gehende Analyse konzentrieren. Gerade in großen Betrieben bieten sich solche Erstumfragen an um Belastungsbereiche zu identifizieren. Vertiefen lassen sich die Ergebnisse der Umfrage dann durch Workshops. Zu Beginn der Workshops werden dann die Ergebnisse der Befragung vorgestellt. Dabei wird auch erläutert, wie die Beschäftigten bestimmte Belastungen bewertet haben, in welchen Bereichen sie Veränderung für dringend erforderlich, erforderlich und nicht erforderlich halten. Workshop-Methoden sind auch für kleine Träger geeignet, auch ohne vorherige Befragungen. Die Workshops haben insgesamt den Vorteil, dass bereits an Lösungsvorschlägen gearbeitet werden kann, die passgenau sind. Die Lösungsansätze sind häufig nach Einrichtung verschieden.

Das heißt, es muss immer die Situation vor Ort in den Blick genommen werden?

Runge: Ja. In jeder Einrichtung sind die Rahmenbedingungen anders. Auch wenn die bauliche Ausstattung gleich ist – obwohl auch das selten der Fall ist. Denn es kommt auch auf die Nutzung an. Unterschiedliche Konzepte der Kitas bedingen auch unterschiedliche Nutzungen.  Und weil die Umstände unterschiedlich sind, braucht es auch unterschiedliche Lösungen.

Warum braucht es Workshops?

Runge: Die Workshops sind elementar, damit an der konkreten Belastung gearbeitet werden kann. Denn in den Workshops sitzen dann Betroffenen zusammen und Schritt für Schritt werden die Belastungen diskutiert. In der Regel kommen alle Aspekte zur Sprache: die Arbeitsumgebung, die Rahmenbedingungen, das Umfeld, die Rolle der Chefs, also das Führungsverhalten oder die Organisation der Abläufe. Wichtig dabei: Es werden nicht nur Listen mit Problemen notiert, mit Belastungen. In den Workshops werden auch Lösungen aufgezeigt. Oftmals können diese auch schnell auf Einrichtungsebene umgesetzt werden. Das ist von Vorteil, weil gleich etwas verändert werden kann. Wobei natürlich diese Lösungsvorschläge von Institution zu Institution unterschiedlich sind. Diese Vorschläge sind essenziell: Weil die Beschäftigten, die sich meist schon sehr intensiv mit der Situation auseinandergesetzt haben – sich direkt als Experten ihres Arbeitsbereichs einbringen können. Und weil die Lösungsansätze bereits gemeinsam abgestimmt sind und nicht „von oben“ aufgesetzt werden.

In welchen Bereichen kann oft schnell was gemacht werden?

Runge: Schnell geht dann etwas, wenn die Maßnahmen in der eigenen Verantwortlichkeit liegen, also wenn die Einrichtung die Entscheidung dazu treffen kann. Das ist meist dann der Fall, wenn Belastungen durch organisatorische Mängel entstehen. Beispiel: In der allgemeinen Befragung ergab sich, dass eine Belastung durch fehlende Informationen vorliegt. Konkret wurde auf dem Workshop durch Erzieherinnen bemängelt, dass das schwarze Brett nicht genügend gepflegt ist und dass dieser Umstand zu Stress und Belastungen führt. Weil alte Nachtrichten nicht abgehängt werden, weil manchmal vergessen wird, die Information auch anzubringen. Noch während des Workshops fand sich eine  Lösung, wie man sich künftig um die Aktualität des Schwarzen Brettes kümmern wollte und für alle war die Bedeutung dieser Informationsweitergabe klar. Damit war das Problem erstmal erledigt.

Aber auf viele Belastungen hat die Einrichtung keinen direkten Einfluss. Zum Beispiel: Keine Information, wann das Bauamt den Zaun repariert. Plötzlich lies sich das Außengelände nicht nutzen. In einer solchen Situation geht es um die Frage: Welche Ebene der Verwaltung ist da gefragt? Im Fall des schwarzen Bretts brauchte es nicht die Kommunalverwaltung. Für die Verwaltungsorganisation schon. Hier brauchen Veränderungen mehr Zeit. Noch schwieriger und entsprechend langwieriger ist es, wenn Belastungen nur durch Maßnahmen  gemildert werden können, die richtig ins Geld gehen. Natürlich können die Kolleginnen und Kollegen bei den Workshops nur Vorschläge machen, wenn es über ihren eigenen Entscheidungsspielraum hinausgeht. Letztlich entscheidet der Arbeitgeber über die Maßnahmen zur Reduzierung der Belastung.

Wie groß sind die Erwartungen der Erzieherinnen und Erzieher?

Runge: Verständlicherweise sehr groß. Vor allem, wenn sie sich so engagiert eingebracht haben. Sie erwarten, dass was passiert, dass ihre Belastung ernst genommen wird und entsprechende Maßnahmen zur Verminderung eingeleitet werden. Aber ihnen ist auch klar, dass nicht alles, was sie erarbeitet haben, exakt so umgesetzt wird, wie sie es sich vorstellen. Die Erzieherinnen haben ein großes Verständnis für das Machbare. Aber sie erwarten zu Recht, dass der Arbeitgeber zeitnah auf ihre Vorschläge reagiert.

Was läuft bei Gefährdungsbeurteilungen bisher noch falsch?

Runge: Vor allem in den großen Kommunen werden Gefährdungsbeurteilungen bereits durchgeführt. Dennoch hapert es oft daran, entsprechende Maßnahmen zu entwickeln und umzusetzen. Auch die Erfolgskontrollen von Maßnahmen sind noch unzureichend. In kleinen Kommunen ist die Durchführung einer Gefährdungsbeurteilung auch der psychischen Belastung deutlich geringer als in Großen, es sind längst noch nicht alle Arbeitsplätze entsprechend beurteilt, ergo gibt es auch keine Maßnahmen, die die Belastung mindern können.

Läuft es oft darauf hinaus, dass mehr Stellen gebraucht werden?

Runge: Die Personalstärke ist der Dreh- und Angelpunkt. Die Belastung wird in der Regel reduziert, wenn weniger Kinder in der Gruppe sind. Das betrifft die Lärmbelastung wie auch die Zeit für die pädagogische Arbeit je Kind. Die Aufgaben der Erzieherinnen haben sich in den letzten Jahren erhöht, zum Beispiel durch die Erweiterung von Öffnungszeiten mit Essensangeboten oder durch Wickelkinder im Bereich der Kinder über drei Jahren. Für gute pädagogische Arbeit braucht die Erzieherin Zeit.  Es hilft bereits, eine kontinuierliche Unterstützung bei der Essensversorgung zu haben und damit die Erzieherinnen und Erzieher von dieser Arbeit entlasten oder Reinigungsaufgaben ausreichend durch andere Personen durchführen zu lassen. Denn Erzieherinnen, die das Essen aufwärmen oder das Außengelände säubern, fehlen in der Gruppe. Auch fehlen häufig Vertretungskräfte. Über personelle Maßnahmen muss der Einrichtungsträger entscheiden, aber auch solche Maßnahmenvorschläge aus den Workshops sind schon umgesetzt worden.

 

Kasten:

Beate Runge ….

…ist Biologin, Personalentwicklerin und Prozessbegleiterin. Sie unterstützt Kitas beim Erstellen von Gefährdungsbeurteilungen.