Fachgruppe Sozial-, Kinder- und Jugendhilfe

Es darf keine Auszubildende zweiter Klasse geben

Erzieherinnen und Erzieher

Praxisorientierte Ausbildung (PIA)

Hansi Weber ver.di Hansi Weber

Die praxisintegrierte Ausbildung zur Erzieherin und zum Erzieher in Baden-Württemberg ist ein Erfolg. Keine Frage. Aber sie darf nicht dazu führen, dass es Auszubildende 1. und 2. Klasse gibt. Der Gesamtpersonalrat der Stadt Mannheim machte sich deshalb bei der Stadtspitze und dem Gemeinderat mit Erfolg dafür stark, dass einerseits die PIAs nicht auf den Stellenschlüssel in den Kitas angerechnet werden und dass andererseits die PIAs mit dem Start ihrer Berufskarriere nach der Ausbildung genauso eingruppiert werden wie die Erzieherinnen und Erzieher mit klassischer Ausbildung. Wie das gelang, berichtet Hansi Weber vom Gesamtpersonalrat der Stadt in einem Gespräch mit verdi.de.

Die Politik in Baden-Württemberg sieht die praxisorientierte Ausbildung als ein Erfolgsmodell. Sehen es Personalräte auch so?

Weber: Das sehen wir ähnlich. Die praxisorientierte Ausbildung hat unterschiedliche Frauen und auch einige wenige Männer in die Kitas gebracht. Da sind Quereinsteiger darunter z.B. auch Frauen, die nach der Elternzeit wieder in den Beruf einsteigen und nun was ganz anderes machen wollen als vor der Familienphase. Dieses breite Spektrum an Erfahrungen – auch an Lebenserfahrung, denn es wurden auch Ältere ausgebildet - tut den Teams in den Kitas gut. Und man muss auch sagen: Durch die PIA wurde die Ausbildung zum Beruf der Erzieherin und des Erziehers attraktiver. Das zeigt sich an dem großen Interesse an diesem Ausbildungsmodell.

PIA gibt es nicht nur in Baden-Württemberg.

Weber: Nein. Ähnliche Modelle gibt es inzwischen in vielen Bundesländern. Weil nicht nur Baden-Württemberg in den vergangenen Jahren händeringend Erzieherinnen und Erzieher gesucht hat, sondern in allen Bundesländern waren sie rar.

Warum brauchte es eine zusätzliche Ausbildungsform?

Weber: Es herrscht Fachkräftemangel und die Landesregierung suchte nach Möglichkeiten, mehr Menschen für die Ausbildung zum Erzieherinnen – und Erzieherberuf zu motivieren. Die klassische Ausbildung zur Erzieherin beziehungsweise zum Erzieher dauert in Baden-Württemberg 4 Jahre. Zunächst hauptsächlich in der Fachschule, erst im letzten Ausbildungsjahr erfolgt der überwiegend praktische Teil als Anerkennungsjahr in einer päd. Einrichtung. Viele Frauen und Männer können sich diese schulische, unbezahlte Ausbildung nicht leisten. Es wurde deshalb ein Modell entsprechend der dualen Ausbildung erarbeitet – eben die praxisintegrierte Ausbildung: die PIA. Hier erhalten die Auszubildenden während dieser dreijährigen Ausbildung zwischen 700 Euro pro Monat im ersten und etwa 800 Euro im dritten Jahr. Dass sich viele Frauen und Männer für diese Art der Ausbildung inzwischen entschlossen haben zeigt, dass mit PIA ein gutes zusätzliches Ausbildungsmodell zur Verfügung steht.

Unterscheiden sich auch die Ausbildungsinhalte?

Weber: Nein, sie sind gleich. Beide – ob klassische Ausbildung oder PIA – legen die gleiche Prüfung zur staatlich anerkannten Erzieher/-in ab. Nur dass die PIAs eben in den Kitas arbeiten und wie andere Auszubildende im öffentlichen Dienst auch zum Blockunterricht gehen. Die Ausbildungsinhalte sind mit denen der klassischen Erzieherinnen- und der Erzieher-Ausbildung gleich. Was wir als ver.di und auch die befassten Personalräte hoch kritisch sehen ist jedoch die Anrechnung der PIA Auszubildenden auf den Stellenschlüssel der Einrichtungen. Dies wurde als Kann-Bestimmung in der Verordnung des Kultusministeriums festgeschrieben.

Eine Kann-Regelung heißt, sie muss nicht angewandt werden.

Weber: Genau. Und darauf haben wir gesetzt. Mit Erfolg. Wir haben Gespräche geführt mit der Stadtspitze und mit Vertretern der Kommunalpolitik. Wir haben unseren Standpunkt offensiv vertreten und differenziert begründet. Wir wollten unter anderem nicht zulassen, dass es in den kommunalen Betrieben Auszubildende 1. und 2. Klasse gibt. Wir belegten mit einer Unterschriftensammlung bei Ausbilderinnen, Hausleitungen und Eltern dass es wenig Bereitschaft in den Einrichtungen gibt, sich für die Bereitstellung qualifizierter Ausbildung mit Verknappung im Stellenschlüssel „bestrafen“ zu lassen. Das Ergebnis war: Der Gemeinderat zog mit. In Mannheim werden die PIAs nicht auf den Stellenschlüssel in den Kitas angerechnet. Das ist gut für die Auszubildenden, für die Kitas und für die Kinder, die in die Kitas gehen. Es zeigt sich mal wieder, dass es sich auszahlt, wenn sich der Personalrat offensiv für eine Sache stark macht, wenn er Verbündete sucht und die Argumente für eine bestimmte Regelung ausführlich bei den politisch Verantwortlichen darlegt.

Mannheim bezahlt die nach der Ausbildung übernommenen Erzieherinnen und Erzieher auch gleich.

Weber: Ja, allen wird, nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung, der Praxisanteil anerkannt, und sie werden in ihrer Entgeltgruppe nach Festeinstellung in die Stufe 2 zugeordnet.  Und auch das gelang nur, weil die Betroffenen sich engagierten, sich zusammen mit dem Gesamtpersonalrat und mit ver.di für die bessere Regelung stark machten. Der Hintergrund: Erzieherinnen und Erzieher mit der klassischen Ausbildung werden nach der bestandenen Prüfung in die Gehaltsstufe 2 eingruppiert, PIAs sollten in die Stufe 1. Wir waren der Meinung: Das ist nicht gerecht. Die ver.di Betriebsgruppe hat eine Veranstaltung organisiert und dazu alle PIAs eingeladen. Und wir haben zusammen mit ihnen ein Papier erstellt, in dem wir unsere guten Argumente aufgelistet haben – unter anderem dass bei einer ungleichen Bezahlung die Gefahr besteht, dass die bei der Stadt Mannheim ausgebildeten Erzieherinnen und Erzieher sich eine besser bezahlte Stelle bei einem anderen Kita-Trägersuchen.

Der Gesamtpersonalrat erläuterte dem Oberbürgermeister gemeinsam mit der PIA Jugendvertreterin in der Gesamtjugendvertretung als Sachkundigen die Problemlage. Keine der PIAs  hatte bis dahin das Angebot der Stadt zur Übernahme unterschrieben. Und auch hier zog am Ende der Gemeinderat mit: Alle Erzieherinnen und Erzieher werden nach der Festeinstellung wie alle anderen Neueingestellten in diesem Bereich der Stufe 2 zugeordnet. So geht gerecht.